Afghanistan-Abzug: Was passiert mit den Helfern?

Moritz Piehler
·Freier Autor
·Lesedauer: 3 Min.
Britischer Soldat und afghanischer Übersetzer am Schauplatz eines Anschalgs in Kabul im Sommer 2007 (Bild: REUTERS/Desmond Boylan)
Britischer Soldat und afghanischer Übersetzer am Schauplatz eines Anschalgs in Kabul im Sommer 2007 (Bild: REUTERS/Desmond Boylan)

Ab dem 1. Mai sollen die NATO-Truppen den Abzug aus Afghanistan einleiten. Doch was bedeutet diese Entscheidung für die tausenden Helfer vor Ort, die über Jahre ihr Leben riskiert haben?

Es war ein Projekt, das US-Präsident Joe Biden schon lange vor seiner Amtszeit am Herzen lag. Er möchte die US-Truppen aus Afghanistan zurück holen. Und im Weißen Haus angekommen, setzt er diesen Wunsch zügig um. So zügig, dass neben den verdutzten NATO-Partnern auch die afghanische Bevölkerung von der Entscheidung überrumpelt wurde. Denn der Rückzug bedeutet auch, dass nach fast zwanzig Jahren Krieg große Teile des Landes der Herrschaft der Taliban überlassen werden. Für jeden Afghanen, der mit den ausländischen Truppen arbeitete, könnte das fatale Folgen haben. Die Rettung besteht darin, diese Helfer beim Abzug mitzunehmen und ihnen eine Einbürgerung zu ermöglichen.

Bagatell-Entlassungen werden zum Todesurteil

Doch der Hilfe für die Helfer stehen oftmals hohe Hürden für den rettenden Umzug entgegen. Mehrere Fälle aus dem britischen Militär zeigen, wie Bagatellen ausreichen können, um zu einem Todesurteil für die Helfer zu werden. So berichtet die BBC, dass zahlreichen afghanischen Übersetzern eine Einreise verweigert werde, weil sie aus dem Dienst der Armee entlassen worden seien. Unter teils nichtigen Gründen, wie etwa wegen Rauchens in Gebäuden, seien mehr als 1000 Übersetzer gefeuert worden und hätten damit automatisch ihr Anrecht auf eine Umsiedlung nach Großbritannien verloren. Anträge werden teilweise abgelehnt, obwohl die Ex-Übersetzer bereits Morddrohungen erhalten. 

Mancher vermutet dahinter System, wie der pensionierte britische Oberst Simon Diggins, der sich im Ruhestand für die afghanischen Übersetzer einsetzt. Der BBC gegenüber forderte Diggings eine genaue erneute Überprüfung aller Fälle und betonte: "Sehr viele Menschen wurden aus sehr nichtigen oder verwaltungstechnischen Gründen entlassen." Das britischen Verteidigungsministerium streitet dies vehement ab. Von den insgesamt 2850 Übersetzern und Mitarbeitern des britischen Militärs ist bisher 1358 ein Umzug nach Großbritannien ermöglicht worden.

AKK will einfache und schnelle Lösung 

Die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) will das für die Helfer der Bundeswehr besser machen und kündigte an, man werde sie "vereinfacht und schnell" nach Deutschland holen. Der dpa sagte Kramp-Karrenbauer: "Wir reden hier von Menschen, die zum Teil über Jahre hinweg auch unter Gefährdung ihrer eigenen Sicherheit an unserer Seite gearbeitet, auch mitgekämpft haben und ihren persönlichen Beitrag geleistet haben." Sie empfinde es als "eine tiefe Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland diese Menschen jetzt, wo wir das Land endgültig verlassen, nicht schutzlos zurückzulassen." 

Bundeswehrsoldaten verständigen sich 2010 mit Hilfe eines Übersetzers mit Einwohnern von Faizabad (Bild: Miguel Villagran/Getty Images)
Bundeswehrsoldaten verständigen sich 2010 mit Hilfe eines Übersetzers mit Einwohnern von Faizabad (Bild: Miguel Villagran/Getty Images)

Doch davor muss ein geeignetes Verfahren gefunden werden, die sogenannte Gefährdungslage festgestellt und auch geprüft werden, wer seine Familie mitbringen darf. Dafür soll eigens ein Büro des Innenministeriums in Kabul eingerichtet werden und eine zweite Anlaufstelle in Masar-i-Scharif. Bis zu zwei Jahre nach ihrem Dienst für die Bundeswehr sollen die Helfer sich dort noch melden können, um ihre Gefährdung nachzuweisen. Das hört sich dann schnell nicht mehr so einfach und unbürokratisch an und die Zeit spielt gegen die Helfer. 

Denn Biden hat sich fest vorgenommen, den endgültigen Abzug der etwa 10.000 US-Soldaten am 11. September zu vollziehen, dem 20. Jahrestag der Anschläge auf die Twin Towers in New York, die den Auslöser für den Militäreinsatz in Afghanistan bedeuteten. Die 1100 deutschen Soldaten sollen sogar schon bis Mitte August das Land verlassen. Ab dann sind die Helfer den Taliban nahezu schutzlos ausgeliefert.

Video: Bundeswehr erwägt noch früheren Afghanistan-Abzug