Afghanistans Hazara fürchten neuen Genozid unter den Taliban

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Hazara beerdigen in Kabul das Opfer eines Anschlags im November 2015 (Bild: REUTERS/Ahmad Masood)
Hazara beerdigen in Kabul das Opfer eines Anschlags im November 2015 (Bild: REUTERS/Ahmad Masood)

Während die Augen der Welt auf Kabul gerichtet sind, bemüht sich die Taliban-Führung dort um ein gemäßigtes Auftreten. Es werde keine Angriffe auf Frauen oder ethnische und religiöse Minderheiten geben, versicherte sie etwa nach der Machtübernahme. Die Fassade bröckelt angesichts täglicher Gewaltakte immer mehr, doch die gefährdeten Gruppen gaben ohnehin nie etwas auf diese Versprechen.

Besonders alarmiert zeigen sich Vertreter der Hazara. Die mehrheitlich schiitische Volksgruppe lebt in mehreren Provinzen im Herzen des Landes sowie den größeren Städten und ist in Afghanistan seit Jahrhunderten religiös motivierter wie auch rassistischer Verfolgung ausgesetzt. Schon in den letzten Jahren erlebten sie eine Welle tödlicher Anschläge, darunter die brutale Attacke auf eine Geburtsklinik im Mai 2020 und fast genau ein Jahr später den Selbstmordanschlag auf eine Schule, bei dem fast 100 junge Mädchen getötet wurden. 

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Die Hazara litten in besonderem Maße unter der letzten Regentschaft der Taliban und fürchten, dass sie die Geschichte nun wiederholt. “In Kabul haben sie vor den Kameras eine Fassade der Toleranz aufgebaut, um internationale Anerkennung und Legitimität zu gewinnen. Sie tun das ganz offensichtlich wegen der Medienpräsenz dort, die Welt sieht zu und sie wollen ihr Image verbessern, um Herz und den Verstand der Menschen zu gewinnen", erklärt der in England lebende Hazara-Aktivist Hojjat Yakobi in einem Interview mit "GB News". "Aber außerhalb Kabuls, vor allem in den ländlichen Gegenden, wo es keine Aufmerksamkeit der Medien und Kameras gibt, gibt es Berichte über Plünderungen, Menschen werden schikaniert, es gibt Fälle von Exekutionen lokaler Beamter, vor allem in Bamyian, Daikondi (Anm.: zwei der mehrheitlich von Hazara bewohnten Provinzen) und anderen Teilen des Landes.”

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So berichtet etwa Aktivist Muzafar Ali auf Twitter unter Berufung auf örtliche Quellen von massiven Plünderungen in Bamiyan, die Taliban würden sich dort wie in einem Showroom an den Autos der Bevölkerung bedienen. In Daikondi seien zwei Mädchen auf dem Markt verprügelt worden, da sie ortsübliche Kleidung getragen hätten. Mindestens eine Person sei unter nicht näher genannten Umständen getötet worden, die Lage insgesamt angespannt. 

Als schlimmes Vorzeichen sehen viele Hazara, dass Talibankämpfer in Bamyian eine Statue von Abdul Ali Mazari sprengten, des bis heute als Helden verehrten wichtigsten Hazara-Anführers aus dem afghanischen Bürgerkrieg. Mazari wurde 1995 von den Taliban ermordet, ein schwerer Schlag für die Organisierung der Hazara und Vorbote der folgenden Gräueltaten.

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In den 1990ern fielen Tausende Hazara systematischen Massakern der Taliban zum Opfer. Blutiger Höhepunkt war ein Genozid nach der Eroberung von Masar-i-Scharif im August 1998, bei dem Talibankämpfer systematisch nach Hazara-Männern und -Jungen suchten und nach unterschiedlichen Schätzungen 6000 bis 10.000 von ihnen töteten. Viele weitere wurden verschleppt und oftmals zu Sklavenarbeit gezwungen.

Ein Arbeiter legt 2002 ein Massengrab in der Nähe von Masar-i-Scharif frei (Bild: REUTERS)
Ein Arbeiter legt 2002 ein Massengrab in der Nähe von Masar-i-Scharif frei (Bild: REUTERS)

“Wie wir in der Vergangenheit gesehen waren, war die ethnische Säuberung der Hazara ein Teil der Taliban-Agenda. Der Genozid von Masar-i-Scharif war nur eines der Massaker, die in den 90ern stattgefunden haben, als die Taliban zum ersten Mal Afghanistan beherrscht haben. Sie sind von Tür zu Tür gegangen und haben nach Hazara gesucht, und sie haben innerhalb von sechs Tagen etwa 10.000 massakriert und in Massengräbern begraben", berichtet die kanadische Dichterin und Aktivistin Binazir Haidari im Interview mit dem Podcast "Rebelology". "Es fällt mir schwer, auch nur darüber nachzudenken, denn es passiert gerade wieder, die Taliban herrschen erneut und Hazara stehen ziemlich weit oben auf der Liste der Gefährdeten zusammen mit Frauen, Sikhs Hindus und anderen religiösen Minderheiten.”

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“Wir Hazara bereiten uns mental auf einen weiteren Genozid vor", sagt Haidari. "Ein Grund dafür ist, schon in den letzten paar Monaten, als noch die alte Regierung an der Macht war, haben die Taliban immer wieder Hazara attackiert. Sie haben Schulen angegriffen, sie haben Krankenhäuser angegriffen, alles in den letzten Monaten. Und das war noch unter der Kontrolle der Regierung, jetzt haben die Taliban selbst die Kontrolle über das ganze Land." Auch sie ist sicher: "Sie verbreiten die Propaganda, dass sie sich geändert hatten, dass sie natürlich solche Dinge nicht mehr vorhaben. Aber sie wollen nur internationale Unterstützung gewinnen. Wir wissen, was die Taliban früher getan haben und wir fürchten, dass es wieder passieren wird.”

Talibankämpfer am Rande der Aschuraprozession in Kabul (Bild: AFP / HOSHANG HASHIMI)
Talibankämpfer am Rande der Aschuraprozession in Kabul (Bild: AFP / HOSHANG HASHIMI)

Der Eroberungszug der Taliban fiel in die Vorbereitungszeit des schiitischen Aschurafests, das während der letzten Talibanherrschaft oftmals verboten wurde. Auch hier versicherten die Taliban, das Fest zuzulassen, zugleich kursierte ein Video, auf dem lachende Kämpfer die zeremoniellen Flaggen für den Feiertag herunterrissen. In den Städten konnte das Aschurafest dann am Donnerstag - in Anwesenheit bewaffneter Talibankämpfer - tatsächlich ungestört stattfinden. In Kabul etwa nahmen allerdings deutlich weniger Menschen als in den Jahren zuvor teil, berichtet unter anderem Al Jazeera. Dennoch äußerten Teilnehmer vorsichtige Hoffnung auf eine Normalisierung der Lage. Die teilen jedoch nicht alle: “Wartet ab, bis sie sich wohler fühlen", wird ein Besucher zitiert. "Beim letzten Mal war etwa zwei Wochen lang alles gut, danach haben sie gemacht, was sie wollten.”

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Noch am selben Tag veröffentlichte Amnesty International einen Bericht, der die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen scheint. Nach der Einnahme der Provinz Ghasni verübten die Taliban nach AI-Ermittlungen Anfang Juli ein Massaker im Distrikt Malistan, bei dem sie neun männliche Hazara töteten. Drei von ihnen wurden zuvor gefoltert. Auch AI verweist darauf, dass aus vielen Regionen nur wenige Nachrichten durchdringen, da die Taliban vielerorts die Telefonnetze ausgeschaltet haben. Daher seien weitere solcher Taten zu befürchten. Amnesty-Generalsekretärin Agnés Callamard schreibt dazu: "Die kaltblütige Brutalität dieser Tötungen erinnert an die vergangenen Taten der Taliban und sind ein erschreckender Indikator dafür, was unter ihrer Herrschaft geschehen kann."

Video: Hilferuf afghanischer TV-Moderatorin - "Unser Leben ist in Gefahr"

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