"Mit Akzent könnte ich vermutlich nur die polnische Putzfrau spielen"

Christopher Schmitt
·Lesedauer: 7 Min.

In einer neuen Miniserie schlägt sich Karin Hanczewski mit üblen Sexisten herum, in ihrem Umfeld nimmt die "Tatort"-Kommissarin allerdings bereits Fortschritte wahr. Im Gespräch macht die Schauspielerin deutlich, wie wichtig es ist, sich gegen jede Form der Diskriminierung zu wehren.

An der Frage, ob Satire wirklich alles darf, scheiden sich die Geister. Über das, was Satire alles kann, wird deutlich weniger diskutiert. Schauspielerin Karin Hanczewski ist der Meinung, dass Satire-Formate wie ihre Miniserie "#heul doch - Therapie wie noch nie" (Montag, 23. November, 0.05 Uhr, ZDF, und bereits ab 13. November in der ZDF Mediathek) auch gesellschaftlich heiße Eisen wie die "MeToo"-Debatte anfassen können - sofern sie es richtig machen. Sie gibt sich in der Rolle des ausgebrochenen Häftlings als Therapeutin aus, um Sexualstraftätern das Geld aus den Taschen zu ziehen. Die 38-jährige Berlinerin mit polnischen Wurzeln hat ihre Prinzipien, rote Linien, die nicht überschritten werden dürfen. Auf Instagram macht sich die Dresdener "Tatort"-Kommissarin stark für die "Black Lives Matter" Bewegung und schätzt das Leben im bunten Berliner Bezirk Kreuzberg. Warum das deutsche Fernsehen die Gesellschaft nicht spiegelt, manche Frauen die Anliegen von "MeToo" immer noch nicht verstanden haben und warum es ihrer Meinung nach wichtig ist, laut zu bleiben, verrät Karin Hanczewski im Interview.

teleschau: Frau Hanczewski, es ist drei Jahre her, dass die "MeToo"-Debatte Diskussionen über sexuelle Belästigung und Machtstrukturen angestoßen hat. Hat sich in Ihrem Umfeld etwas verbessert?

Karin Hanczewski: In meinem beruflichen Umfeld hat sich was getan, ja. Ich habe das Gefühl, es gibt es ein neues Bewusstsein, das vorher nicht vorhanden war. Ich merke, dass meine männlichen Kollegen - egal ob Regisseure, Schauspieler oder sonstige Team-Mitglieder - sensibler in ihrem Umgang mit mir als weibliche Kollegin sind. Es gibt jetzt einen breiteren Konsens darüber, dass sexistische Sprüche, egal ob als Witz oder vermeintliches Kompliment getarnt, nicht mehr gehen, man wird auch nicht mehr wie selbstverständlich einfach angefasst.

teleschau: Und im größeren Rahmen?

Hanczewski: Ich habe das Gefühl, dass die "MeToo"-Debatte auch gesamtgesellschaftlich etwas verbessert hat. Beispielsweise gibt es jetzt beim Film und auch an Theatern Stellen, an die man sich im Falle einer Grenzverletzung und eines Missbrauchs melden kann. Das ist ein Fortschritt. Vorher wusste man nicht, an wen man sich wenden soll. Und erst recht nicht, wenn das im Zweifel den eigenen Job oder die eigene Existenz kosten konnte. Durch das Thematisieren von Machtmissbrauch und sexuellem Missbrauch in der Branche - und nicht nur dort - gibt es ein größeres allgemeines Einverständnis darüber, dass es nicht nur okay, sondern auch notwendig ist, sich dagegen zu wehren.

"Der Zuschauer wird angeregt, Position zu beziehen"

teleschau: Denken Sie, dass ein satirischer Aufhänger dazu geeignet ist, ein solch ernstes und sensibles Thema wie sexuelle Belästigung zu behandeln?

Karin Hanczewski: Ja, satirische Formate können ernste und wichtige Themen und Missstände aufzeigen. Das ist ein Ansatz von vielen, sich mit einer Thematik auseinanderzusetzen. Und ehrlich gesagt, hab ich mir diese Frage auch gestellt, als ich die Rolle angeboten bekam. Ich habe sehr lange mit beiden Regisseurinnen und dem Produzenten diskutiert und klargemacht, ab welchem Punkt ich dabei sein kann. Es war mir wichtig, Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt nicht zu verharmlosen und die Männer in der Serie am Ende nicht auch noch als nicht ernst zunehmende Opfer darzustellen. Und ich hoffe sehr, dass uns das gelungen ist. Wenn das der Fall gewesen wäre, wollte ich in der Serie nicht mitspielen.

teleschau: Gab es Reaktionen Ihrer männlichen Schauspiel-Kollegen zu den teils frauenverachtenden Sätzen?

Hanczewski: Ja, wir haben am Set viel darüber diskutiert. Da gibt es ja verschiedene Sichtweisen, je nachdem, wie man selbst zu der Thematik steht. Man sollte im besten Falle mit den Männern in der Serie nicht einfach nur mitlachen. Das Lachen muss einem im Hals stecken bleiben.

teleschau: Teilweise sprechen Sie den Zuschauer durch die vierte Wand auch direkt an: Schwingt ein pädagogischer Aspekt mit?

Hanczewski: Es ist kein pädagogisches Format, eher ein Experiment. Aber es trägt dazu bei, Grautöne zu erkennen und nicht nur schwarz-weiß zu malen. Ich mag dieses Stilmittel der direkten Ansprache sehr gerne. So wird der Zuschauer dazu angeregt, Position zu beziehen. Und das mag ich. Wenn es etwa heißt: "Selber schuld, wenn die sich so anzieht", handelt es sich leider um eine gängige Aussage von Männern, die wirklich so denken. Wenn diese Aussage aber von so fragwürdigen Figuren kommt, grübelt man vielleicht eher mal darüber, ob so ein Satz haltbar ist.

"Was passiert bei dir da oben im Stübchen?"

teleschau: Haben Sie auch in der Realität den Eindruck, Männer fühlen sich angegriffen und gehen in die Verteidigungshaltung, wenn man sie mit ihrem eigenen Fehlverhalten konfrontiert?

Hanczewski: Erst mal gibt es natürlich auch ganz andere Männer, die ein Bewusstsein für das Thema haben. Aber wer mir erzählen möchte, er weiß nicht mehr, ob er einer Frau die Tür aufhalten kann, der hat ein ganz anderes Problem. Ein Mensch, der sich angegriffen fühlt, hat natürlich den Impuls, sich zu verteidigen. Ich finde es auch immer wieder schockierend, wenn es Frauen sind, die solche Männer verteidigen.

teleschau: Besteht die Gefahr, dass Frauen die Problematik selbst kleinreden?

Hanczewski: Ja, das glaube ich bei einigen schon. Es gibt ja auch Frauen, die sagen: "Jetzt kann man nicht mehr flirten." So eine Aussage finde ich tragisch und nicht zielführend. Darum geht es nicht und ging es nie. Wenn Donald Trump etwa von "Grab them by the pussy" spricht und Frauen ihn abfeiern, fragt man sich schon: Was passiert bei dir da oben im Stübchen?

teleschau: Halten Sie Männer wie die Charaktere aus der Miniserie noch für therapierbar?

Hanczewski: Ich glaube sehr daran, dass Menschen therapierbar sind und sich verändern können. Da gibt es ja auch sehr berührende Beispiele und Dokumentationen über zum Beispiel Gefängnisinsassen. Wenn ein Mensch bestimmte Erfahrungen macht oder sich mit etwas auseinandersetzt, kann er wachsen. Die Figuren aus "#heuldoch" sind ja eher Karikaturen und lassen sich fast gar nicht verändern.

"'MeToo' ist nicht das einzige Thema, das uns beschäftigt"

teleschau: Haben Sie den Eindruck, dass das Thema sexuelle Belästigung medial in den Hintergrund gerückt ist?

Hanczewski: Es ist stiller darum geworden, aber "MeToo" ist nun einmal nicht das einzige Thema, das uns beschäftigt. Ich glaube allerdings nicht, dass wir schon am Ende der Debatte sind. Es gibt ja weiterhin Leute, die darüber diskutieren, und auch, wenn es nicht mehr die ganze Zeit thematisiert wird, bewegt sich viel an vielen Stellen. Dafür rücken aufgrund der aktuellen Situation eben andere Themen wie "Black LivesMatter" in den Vordergrund.

teleschau: Glauben sie, die "Black Lives Matter"-Bewegung verliert zu schnell an Aufmerksamkeit?

Hanczewski: Ja, aber der Einsatz für solche Bewegungen erfordert eine enorme Kraft. Und nur weil wir nicht mehr täglich davon hören, heißt es nicht, dass Menschen sich nicht weiterhin gegen Diskriminierung einsetzen. Und ihnen wird endlich zugehört. Ich war vor kurzem bei einer Diskussion zu Diversität bei der Deutschen Filmakademie. Aus verschiedenen Richtungen wird versucht etwas zu verändern, eine freiere und gleicheres Gesellschaft zu formen. Und das ist längst überfällig. Dadurch, dass ein Thema plötzlich so präsent ist, kann man nicht mehr die Augen davor verschließen, und ich hoffe, dass die Leute laut bleiben. Dass sie Probleme immer wieder ansprechen, egal, wie sehr andere wollen, dass das "endlich mal aufhört".

teleschau: Muss das deutsche Fernsehen diverser werden?

Hanczewski: Selbstverständlich. Das deutsche Fernsehen, auch das öffentlich-rechtliche, spiegelt unsere Gesellschaft nicht ausreichend wider. Unsere Gesellschaft ist bunt und viel diverser, als das was im Fernsehen gezeigt wird. Nur ein Teil kann sich mit dem identifizieren, was im Fernsehen läuft. Und es ist auch nicht in Ordnung, dass People of Color nur bestimmte Rollenangebote bekommen. Wenn ich selbst einen Akzent hätte, könnte ich vermutlich nur die polnische Putzfrau spielen.

teleschau: Sie leben im Berliner Bezirk Kreuzberg, der als bunt und weltoffen gilt. Kann solch ein Kiez auch eine Blase sein?

Hanczewski: Klar, in Berlin, besonders in Kreuzberg und Neukölln, kann man relativ frei leben, egal woher man kommt oder welche Sexualität man hat. Und das finde ich wunderbar. Sobald man aber rausfährt, merkt man jedoch, dass der Wind anders weht. Ich bin im südlichen Berlin aufgewachsen. Das ist ein eher konservativer Teil der Stadt, in dem es nicht besonders bunt ist. Jetzt lebe ich seit zwölf Jahren in Kreuzberg und nehme den Unterschied umso stärker wahr. Welch ein Glück, wenn man den Ort, in dem man leben will, selbst wählen kann.

(Am Sonntag, 15. November, 20.15 Uhr, ist Karin Hanczewski in ihrer Rolle als Dresdener Ermittlerin Karin Gorniak im "Tatort"-Krimi "Parasomnia" im Ersten zu sehen).