Alarmzeichen im Kinderzimmer - So erkennen Sie ADS bei Ihrem Kind - und was Sie tun können

ADS erkennen: Eltern sind die Experten für ihr Kind. Sie sollten sich darauf verlassen, dass es Sinn macht, dem eigenen Eindruck "an meinem Kind stimmt etwas nicht" nachzugehen.<span class="copyright">Getty Images / Carol Yepes</span>
ADS erkennen: Eltern sind die Experten für ihr Kind. Sie sollten sich darauf verlassen, dass es Sinn macht, dem eigenen Eindruck "an meinem Kind stimmt etwas nicht" nachzugehen.Getty Images / Carol Yepes

Menschen mit ADS können sich nicht so lange auf etwas konzentrieren. Oft fällt die Erkrankung bei Kindern in der Schule auf. Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort klärt auf, worauf Eltern achten sollten und was nach der Diagnose zu tun ist.

Erste Anzeichen schon im Kleinkind- oder Kindergartenalter können Hinweise auf eine mangelnde Konzentrationsfähigkeit sein - die Kinder wechseln oft das Spiel, können nicht altersentspechend dabei bleiben- und zeigen zum Teil eine deutliche motorische Unruhe und Hyperaktivität.

Die Kinder können nicht ihrem Altern entsprechend sitzen bleiben. Sie laufen oder rennen viel herum und das kann auch gekoppelt sein mit einer erhöhten Impulsivität. Diese Kinder werden schnell frustriert, wütend oder rasten aus, schlagen andere Kinder oder treten um sich.

Entscheidend bei der Einschätzung von Eltern oder Fachpersonal ist, ob das Verhalten des Kindes eine Reaktion auf zum Beispiel verwahrlosende Lebensbedingungen ist, also Kinder die nicht ausreichend geliebt und gefördert werden, die in schwierigen sozialen Bedingungen aufwachsen, unter denen sie nicht gut genug versorgt sind oder unter Beziehungsbedingungen leiden, die von wechselnden Bezugspersonen, Schlägen oder massiven psychischen Beeinträchtigungen der Erwachsenen gekennzeichnet sind.

Je mehr alle den Eindruck haben, es handelt sich um eine Symptomatik, die intrinsisch, also von innen kommend, im Kind entsteht, ist der Verdacht auf das Vorliegen eines ADS/ADHS gegeben. Auch verwahrloste Kinder können ein ADS/ADHS entwickeln, aber dann würde den familiären Bedingungen im Rahmen einer Behandlung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Eine klassische Diagnostik beim Kinder- und Jugendpsychiater stützt sich in der Regel auf Intelligenz- sowie Konzentrationstests. Je jünger die Kinder sind, desto weniger aussagefähig sind diese. Das darf allerdings niemanden davon abhalten, eine Diagnostik zu versuchen oder zumindest eine fundierte klinische Einschätzung abzugeben.

Eine Behandlung im Kleinkindalter wird man immer entlang des Schweregrads der Symptomatik und des Leidensgrads der Eltern und der unmittelbaren Umgebung treffen.

Bei massiv beeinträchtigten Kindern kann sehr sinnvoll sein, auch medikamentös zu intervenieren, um Leid von dem Kind fernzuhalten und seine psychische Entwicklung zu fördern. Im Regelfall wird man ein Kind erst mit dem Eintritt in die Grundschule diagnostizieren und gegebenenfalls behandeln. Immer sollte man die Eltern im Blick haben - vornehmlich die Väter - um sie auch bei Bedarf zu diagnostizieren und zu behandeln.

Kernsymptomatik eines ADS ist die Konzentrationsstörung, was die Abkürzung der Diagnose Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom wiedergibt. Diese Kinder - oder auch Erwachsene - sind durch eine kurze Konzentrationsspanne gekennzeichnet. Das ist etwas, was insbesondere jüngere Kinder an sich selber in der Regel nicht merken, es fällt in der Schule auf und bei den Hausaufgaben, wenn die Kinder einfach nicht gut lernen und durchhalten können.

ADHS steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Hypaktivitätssyndrom und bezeichnet Kinder, die zusätzlich zu einem Aufmerksamkeitsdefizit eine Hyperkativität, eine gesteigerte motorische Unruhe haben. Die ADHS-Kinder sind also die klassischen „Zappel-Philippe“, die über Tisch und Bänke gehen, schon im Erstgespräch dadurch auffallen, dass sie durch das Zimmer wuseln, alles anfassen, von einem Spielzeug zum nächsten springen und sehr deutlich nicht bei der Sache bleiben können.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Diagnosen ist also wesentlich die motorische Unruhe, gleichermaßen diagnoseleitend ist in beiden Fällen das Aufmerksamkeitsdefizit. Deshalb gilt immer der Satz: ADS ist keine Blickdiagnose und auch bei einem ADHS-Kind gehört eine Überprüfung der Konzentration dazu, um das unter Umständen beobachtbare H im ADS im Sinn der Kernsymptomatik zu überprüfen.

Die motorisch unauffälligen, „stillen“ ADS- Kinder sind ohne die testpsychologische Überprüfung nicht zu diagnostizieren.

ADHS-Kinder gelten mit ihrer motorischen Unruhe, zu der sich nicht selten eine erhöhte Impulsivität gesellen kann, schnell zu den „unerzogenen, frechen“ Kindern. Diese Unterstellung ist bei einem Zutreffen der Diagnose eine schlimme Fehleinschätzung, die nicht selten zu erheblichen Selbstwerteinbrüchen führen kann, weil diese Kinder ihr Verhalten krankheitsbedingt nicht steuern können.

Etwaige Sanktionen bestrafen also immer die Kinder für ihre Krankheit. Das gilt auch, wenn eine (medikamentöse) Behandlung nicht ganz so gut anschlägt oder vertragen wird - die Kinder aber weiterhin an diesem Syndrom erkrankt sind.

Einem möglichen Konzentrationsdefizit muss das Hauptaugenmerk aller Beteiligten gelten. Das ist für Eltern und vor allem Kinder oft schwer einzuschätzen. Konzentration ist ein subjektives Maß für Dabeibleiben, durchhalten, gut lernen können. Wir alle kennen von uns jeden Tag Konzentrationsschwankungen und messen diesem Phänomen in der Regel keine große Bedeutung zu, trinken einen Espresso, wenn sie nachlässt, haben aber in der Regel keine weiteren Probleme damit.

Auch ADS-Kinder können in bestimmten Spielsituationen, in denen sie hoch motiviert sind, konzentriert sein oder wirken. Kommt eine motorische Unruhe und eine Impulsivität dazu, wird es Eltern oft leichter fallen, den Weg zum Arzt zu suchen, weil der Leidensdruck der gesamten Familie ansteigt.

Bei einem ADS sind Eltern darauf angewiesen, ihr Kind sehr genau zu beobachten - bei den Hausaufgaben klassischerweise - und zusätzliche Informationen von Lehrern einzuholen. Lehrer können in der Regel gut Auskunft über die Konzentrationsspannen der Kinder in ihren Klassen geben. So sollte spätestens am Ende des ersten Halbjahres der ersten Klasse der Verdacht geäußert sein, um die entsprechende Diagnostik einzuleiten.

Eltern sind die Experten für ihr Kind. Sie sollten sich darauf verlassen, dass es Sinn macht, dem eigenen Eindruck „an meinem Kind stimmt etwas nicht“ nachzugehen. Sollte sich bei den Untersuchungen kein ADS bestätigen, so waren sie nicht vergeblich da, weil es nun mehr Sicherheit gibt.

Schwieriger wird es für Eltern manchmal, wenn sie auch selber - un-diagnostiziert - von einem ADS betroffen sind oder waren. Sätze, wie „das war bei mir auch so und ich bin ja auch durchgekommen“ sind verständlich, wiederholen aber das Drama des Übersehen-Werdens bei den Eltern oder Elternteilen.

Wenn jetzt hier vom Weg zum Arzt die Rede war, dann deshalb, weil es sich anbietet, eine Fachärztin/einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie aufzusuchen, weil man in vielen Fällen ohne eine medikamentöse Behandlung nicht auskommt. Es gibt auch Kinderärzte, die auf diese Diagnose spezialisiert sind. Psychologische Praxen decken in der Regel den testpsychologischen Bedarf gut ab, können aber nicht medikamentös intervenieren.

 

Steht die Vermutung, mein Kind hat ADS im Raum, gilt spätestens dann die volle Rücksichtnahme auf die Symptomatik. Auch, wenn es manchmal anders aussieht: Es ist kein Verweigerungsverhalten, kein Ausweichen, keine Faulheit!

Trösten sie ihr Kind und bedenken sie immer, dass die Symptome eines ADS weder psychotherapeutischen noch pädagogischen Maßnahmen zugänglich sind. Von den vielen alternativen Behandlungsmethoden, die immer wieder auf den Markt drängen, hat sich am Ende keines als wirklich wirksam erwiesen. Konzentrationssteigernde Spiele können eine Behandlung begleiten, aber nie ersetzen.

Strukturieren Sie den Tag für ihr Kind sehr übersichtlich in kleine Portionen der Konzentration/Leistung von z. B. jeweils 10 Minuten, um das abzulösen von etwas, was dem Kind Spaß macht. Gehen Sie davon aus, dass jede Rückkehr an den Schreibtisch ein Gang nach Canossa für das Kind sein kann.

Verkämpfen Sie sich nicht, alle Machtkämpfe verlieren Sie - und Ihr Kind. Suchen Sie den Kontakt zur Schule und leiten Sie schnell wie möglich eine fundierte fachärztliche Diagnostik ein. Je schneller und effektiver einem Kind geholfen werden kann, desto besser ist es für seine gesamte Entwicklung.

Jede (schulische) Niederlage Ihres Kindes hat Auswirkungen auf sein Selbstwertgefühl und auch auf die Entwicklung zusätzlicher psychischer Symptome als Reaktion auf die Nicht-Diagnostik und Nicht-Behandlung.

Grob gesagt, gibt es zwei Behandlungsmöglichkeiten: eine medikamentöse und eine psychotherapeutische. In der Regel ist bei einem entsprechenden Schweregrad der Symptomatik eine medikamentöse Intervention mit Methylphenidat oder Abkömmlingen davon unumgänglich.

Um das zu verstehen, ist es hilfreich, sich den Mechanismus zu verdeutlichen, der jedem ADS/ADHS zugrunde liegt: Es handelt sich um Dopaminmangel im kindlichen Gehirn. Dieser Dopaminmangel ist Maßnahmen von außen nicht zugänglich. Bei einem Kind mit frühkindlichem Diabetes würde man auch nicht auf die Idee kommen, den Insulinmangel durch Psychotherapie zu beeinflussen. Da man Dopamin nicht im Gehirn wirksam zuführen kann, kommt in diesem Fall ein Rezeptorblocker in Betracht, der dafür sorgt, dass das körpereigene Dopmamin, das zu wenig vorhanden ist, länger wirkt, bevor es in die Zelle zurück aufgenommen wird, aus der es gekommen ist.

Es handelt sich also um ein Medikament ohne eine eigene Wirkung im klassischen Sinn. Ein Stimulans, dass wie Coffein oder Teein, Einfluss auf den Dopaminhaushalt nimmt. Die Medikamente sind gut verträglich, sie sedieren nicht und machen nicht abhängig. Sie führen spezifisch zu mehr Dopamin im synaptischen Spalt. Hauptnebenwirkungen sind Appetitmangel und Einschlafstörungen. Dem Appetitmangel (am Mittag) kann damit begegnen, dass man im Rahmen der Essgewohnheiten die Hauptmahlzeit in den Abend verlegt und darauf achtet, dass die Kinder in 24 Stunden genug zu sich nehmen.

Regelmäßige Gewichts- und Wachstumskontrollen verhindern, dass die Kinder zu wenig wachsen, dem man in der Regel auch dadurch begegnen kann, dass die Kinder am Wochenende und in den Ferien das Medikament nicht nehmen und dann aufholen. Mögliche Einschlafstörungen lassen sich durch das nebenwirkungsfreie Melatonin (das nur noch ein Nahrungsergänzungsmittel ist) kompensieren. Eltern sollten das Medikament versuchsweise auch einmal selber einnehmen, um zu spüren, wie es wirkt, dann verliert sich auch die oft unbegründete Angst davor.

Ist ein Kind gut eingestellt, das Medikament ist gut verträglich und alle sind zufrieden damit, ist es hilfreich, noch einmal den Blick auf das Kind zu richten, um gemeinsam der Frage nachzugehen, ob es noch weitere unbeeinflusste Symptome gibt, unter denen das Kind oder die Familie leidet. Sollte dem so sein, ist eine flankierende psychotherapeutische Begleitung sicher zu stellen. In der Regel ist die Medikation eine Dauerbehandlung mindestens bis in die Pubertät hinein.

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