Algerier wählen neues Parlament

Bouteflika in Wahllokal in Algier

Im Zeichen von Wirtschaftskrise und weit verbreiteter Politikverdrossenheit ist in Algerien am Donnerstag ein neues Parlament gewählt worden. Präsident Abdelaziz Bouteflika zeigte sich bei einem seiner selten gewordenen öffentlichen Auftritte in einem Wahllokal in Algier bei der Stimmabgabe. Angesichts des großen Unmuts in der Bevölkerung über soziale Missstände und nicht gehaltene Versprechen der Regierung wurde mit einer niedrigen Wahlbeteiligung gerechnet.

Auf den Straßen der Hauptstadt gab es am Donnerstagmorgen nur wenig Andrang vor den Wahllokalen. Die Zeitung "El Watan" berichtete von einem "allgemeinen Desinteresse" an dem Urnengang. 23 Millionen Stimmberechtigte waren aufgerufen, die 462 Abgeordneten der Nationalversammlung des nordafrikanischen Landes zu bestimmen.

Zur Zeit macht Algerien wegen gesunkener Ölpreise eine schwere Finanzkrise durch. Große Teile der Bevölkerung leiden unter Wohnungsnot, unzureichender Gesundheitsversorgung und hoher Arbeitslosigkeit. Die Hälfte der rund 40 Millionen Einwohner Algeriens ist unter 30 Jahre alt. Jeder dritte junge Mensch im Land hat keine Arbeit.

Bei der Parlamentswahl 2012 lag die Wahlbeteiligung bei etwa 43 Prozent. Verstärkt wird die Politikverdrossenheit durch die begrenzten Einflussmöglichkeiten des Parlaments. "Der Präsident hält die gesamte Macht in seinen Händen", sagte der Soziologe Nourredine Bekis von der Universität Algier.

Staatschef Bouteflika, der das Land seit 1999 autoritär regiert, erklärte im Vorfeld, eine hohe Wahlbeteiligung sei von entscheidender Bedeutung, damit das Land "stabil" bleibe. Im Rollstuhl sitzend gab der Staatschef, der 2013 einen Schlaganfall erlitt und über dessen Gesundheitszustand immer wieder Spekulationen aufkommen, seine Stimme ab. Der 80-Jährige war seit Jahren kaum noch in der Öffentlichkeit zu sehen. Erst im Februar war ein Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei Bouteflika wegen einer "akuten Bronchitis" kurzfristig abgesagt worden. Seit April 2014, als der Präsident seine vierte Amtszeit antrat, war er nur vereinzelt bei Auftritten in staatlichen Medien zu sehen.

Als Ergebnis der Parlamentswahl wurde ein Sieg der Regierungskoalition aus der ehemaligen Einheitspartei Nationale Befreiungsfront (FLN) und ihrem Juniorpartner Sammlungsbewegung für Demokratie (RND) erwartet. Die Islamisten, Hauptkraft der Opposition, traten in verschiedenen Gruppierungen an. Insgesamt bewarben sich 12.000 Kandidaten für einen Sitz in der Nationalversammlung. Rund 45.000 Polizisten sollten die mehr als 53.000 Wahlbüros im Land schützen.

Die Wahllokale sollten am Donnerstagabend bis 20.00 Uhr (MESZ) geöffnet bleiben, die Ergebnisse wollte Innenminister Noureddine Bedoui am Freitagmorgen bekanntgeben.

Mit Yahoo Nutzung stimmen Sie zu, dass Yahoo und Partner Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen