Ist ProSieben ohne Stefan Raab verloren?

Maria Timtschenko
Freie Journalistin
Es wird vermisst, das spitzbübische Lächeln, der lässige Ton, die bissigen Kommentare, die famosen Showideen. Stefan Raab fehlt bei ProSieben.

Dass Stefan Raab der Heilsbringer für das ProSieben gewesen ist, das haben viele Menschen erst nach seinem Weggang 2015 verstanden. Verstanden haben sie es, als sie vor den Fernsehgeräten saßen und sich durch endlos lange, emotionslos abgehaltene, unspektakuläre Shows quälten und schließlich verdrossen die Kiste abschalteten. Die neue Show „Alle gegen Einen“, moderiert von Elton, sollte es nun wieder richten. Geklappt hat das leider gar nicht.

2018 bekam der Samstagabend auf ProSieben seinen Todesstoß versetzt. Mit unzähligen Showkonzepten wartete der Privatriese auf, doch keines kam so richtig gut an. Am schlimmsten wurde es als Steffen Henssler Ende September das Ende seines Helden-Daseins als Nachfolger von „Schlag den Raab“ öffentlich machte.

Nicht einmal 600.000 Menschen aus der relevanten Zielgruppe zwischen 14- und 49-jährigen Zuschauern sahen an seinem letzten Abend Henssler zu, wie er vor der Kamera fightete. Das entsprach einem Marktanteil von 7,9 Prozent – unter dem Senderschnitt und ein echtes Fiasko für die Primetime-Show.

“Schatz, wer is’n da heute dabei?” – Die Type Raab

Henssler hatte die Show vor allem deshalb bekommen, weil sein Gemüt dem von Stefan Raab sehr ähnlich schien. Der TV-Koch strahlte Ehrgeiz aus und hatte Kampfgeist. Aber – das war’s dann auch schon. Während Raab trotz seinem immer sehr ernsthaft vorgetragenen Willen zum Sieg meist ein spitzbübisches Lächeln auf Lager hatte oder einen bissigen Kommentar auf den Lippen, wurde Henssler von Misserfolg zu Misserfolg immer angespannter, stummer und mürrischer. Bei einer teils über vierstündigen Show darf das aber gerade nicht passieren, sonst schaltet der Zuschauer weg. Gesagt, getan.

Auch Praktikant Elton, der seine Jahre im TV größtenteils als Lakai von Raab verbracht hat, sprachlich und witzgeladen aber immer ein bisschen in dessen Schatten stand und eher durch seine gutmütigen Dicken-Witze über sich selbst auffiel, hat in der Vergangenheit als Entertainer nachgelassen. Er war es, der die Samstagabende durch „Schlag den Star“ moderierte. Hier wirkte er mit zunehmender Zeit mehr und mehr spaßbefreit, viel zu Ernst und selbst genervt von den Gästen der Sendung, die, wie Pietro Lombardi, noch nicht mal Lego-Klötzchen richtig stapeln konnten.

Bei “Schlag den Star” wird Pietro Lombardi Sieger der Herzen – verliert aber glasklar gegen Gil Ofarim (rechts). Spannend wurde es mit dem Sänger als Kandidaten nie. Foto: ProSieben

Und auch die Allzweckwaffen Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf brachten nicht den gewünschten Senf auf das Wurstbrot vor dem TV. Die teils aufgesetzt wirkenden Dialoge zwischen den beiden und der ebenfalls manchmal unecht wirkende Spaß, den die Zwei verbreiten wollten, waren weit entfernt von dem, was ihnen auf Viva noch Street-Credibility gegeben hatte. Die Zuschauer merkten das ebenfalls. Ende September sahen nur noch 810.000 Menschen „Die beste Show der Welt“ und Anfang Oktober schalteten lediglich 670.000 Menschen bei „Beginner gegen Gewinner“ ein.

Und was macht der Rest?  – Die Konkurrenz

Doch wer nun glaubt, dass lineare Sendungen und Showkonzepte spätestens seit dem Ende von „Wetten, dass…?“ nicht mehr ins deutsche Fernsehen passen, der hat weit gefehlt. Andere Sender schaffen es nämlich, Zuschauer vor den TV zu locken.

Aus der privaten Sparte ist hier RTL ganz groß im Rennen. Der Kölner Sender verzichtet konsequent auf Filme, zeigte stattdessen jeden Samstagabend eine Fernsehshow und machte es sich so auf dem Quotenthron bequem. Auf den Plätzen 1 bis 14 der meistgesehenen Samstagabend-Shows landete bei jungem Publikum nur Folgen von „Deutschland sucht den Superstar“ und „Supertalent“. Und auch die Plätze 16 bis 18 gehen wieder an DSDS-Ausgaben.

Lediglich die ARD versucht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hier mitzuhalten. Auf Platz 15 dieses Quoten-Rankings landete der „Countdown für Lissabon“, der vor dem Eurovision Song Contest im Ersten lief. Formate wie „Wer weiß denn sowas?“ – bei der übrigens auch Elton mitwirkt, vielleicht ist also doch noch nicht Hopfen und Malz verloren – erreichten im Frühjahr 6,66 Millionen Zuschauern. Bei den 14-bis 49-Jährigen reichte das zu 15,1 Prozent Marktanteil. Aber auch andere Sendungen wie „Frag doch mal die Maus!“ oder „Verstehen Sie Spaß“, kommen bei der Zielgruppe gut an. Letzteres erreichte mit 16,8 Prozent die höchste Quote bei jungem Publikum in mehr als einem Jahrzehnt. ProSieben kann solchen Quotenwerten nur aus der Ferne winken.

Wer hat sich denn das ausgedacht? – Neue Showkonzepte

Viele Shows haben es am Samstagabend statt Raab probiert. Viele Shows sind quotenmäßig gescheitert. Aber was ist mit der brandheißen Sendung „Alle gegen Einen“ vom vergangenen Samstagabend?

Elton muss es richten: Mit seiner neuen Show “Alle gegen Einen” ist er lange nicht so erfolgreich wie sein Mentor Stefan Raab. Foto ProSieben / Thomas Pritschet

Hier wird uns ein Typ präsentiert – ganz der Überflieger in „Schlag den Raab“ – Manier. Kai ist Polizist, will Hauptkommissar werden, fährt 24-Stunden-Kartrennen mit Sponsor, er scheint fit im Kopf und körperlich ist er auch überaus stark gebaut. Jawoll, wir legen uns fest, Kai kann den Raab schlagen, äh den Schwarm besiegen. Denn darum geht es bei „Alle gegen Einen“. Kai spielt gegen den Rest von Deutschland, der Zuhause hockt und per App die Fragen beantworten kann, die Moderator Elton stellt. Eigentlich ganz cool. Endlich kann man mitmachen, ohne in irgendwelchen Leitungen hängen zu müssen und viel Geld zu bezahlen, nur damit am Ende jemand Elefantenhoden essen muss.

Aber, wir haben ja schon gesagt, Kai ist ein krasser Typ. Doch Hirn, Muskeln, Ehrgeiz – das bringt ihm in dieser Show überhaupt rein gar nichts. Denn hier muss er tippen, wie viele Helium-Ballons es braucht, damit ein neunjähriges Mädchen vom Boden abhebt (2700) und wie viele Sekunden es dauert, bis sich ein Raum mit Schaum gefüllt hat, wenn man ihn mit Schaumkanonen füllen will (76 Sekunden).

Und diese Beliebigkeit macht die Show total kaputt. Da gibt es kein Mitfiebern und Reindenken in Spiele, der Kandidat ist kein Sympathieträger und braucht sich auch nicht ärgern, wenn es nicht läuft, denn – das hätte kein anderer besser wissen können. Außerdem: „Alle gegen Einen“ ist langweilig: Die Experimente sind aufwändig und 13 Abstimmungen ziehen sich endlos in die Länge.

Die Quoten sehen das genauso. Am ersten Samstagabend ihrer Ausstrahlung landet „Alle gegen Einen“ auf Platz 5. Bei den 14- bis 49-Jährigen schalteten 0,76 Millionen ein – das entspricht einem Marktanteil von eher unterdurchschnittlichen 8,6 Prozent. Pro Sieben findet das „ganz ordentlich“. Ein bisschen verloren scheint ProSieben also ohne Stefan Raab tatsächlich.

„Das Supertalent“ von RTL belegt übrigens Platz 1.