Alleinerziehende Mütter in Deutschland: Wo der Staat seine eigenen Kinder frisst

Linda - Im Gegenteil

Dieser Artikel erschien zuerst bei im gegenteil!

Ganz Deutschland diskutiert derzeit über die (zu Recht) umstrittene Idee Jens Spahns, eine Studie über die psychischen Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs in Auftrag zu geben. Die Notwendigkeit einer Diskussion darüber, inwieweit eine Frau im Jahre 20fucking19 noch nicht über ihren eigenen Körper bestimmen darf, schockt mich jeden Tag aufs Neue.

Ich könnte hier auch ewig weiterschreiben, dass der Spießrutenlauf an Terminen, den man vor einem Schwangerschaftsabbruch über sich ergehen lassen muss, viel eher der Grund für psychische Probleme ist als der Abbruch selbst – solange er nicht von außen aufgezwungen wurde. Und ich erinnere mich, dass es vor noch gar nicht allzu langer Zeit sehr ähnlich aussah, wenn es lediglich um ein Rezept für »die Pille danach« gehen sollte.

Aber was passiert, wenn man sich für ein Kind entscheidet – und dann mit der Erziehung allein gelassen wird?

Aber was passiert, wenn man sich für ein Kind entscheidet – und dann mit der Erziehung allein gelassen wird? Und damit meine ich nicht nur von der*dem Partner*in, sondern auch und vor allem vom Staat. Das Beenden von ungewollten Schwangerschaften wird hier in Deutschland nicht nur auf gesellschaftlicher, sondern auch auf politischer Ebene stigmatisiert – und wenn man dann doch ein Kind bekommt, sich dieser fordernden Aufgabe stellt, dann will einem als alleinerziehendem Elternteil keiner helfen.

Da Frauen noch immer wesentlich häufiger mit einer solchen Situation zu hadern haben, werde ich mich hier mit Single-Mums beschäftigen. Wer sich aber im Besonderen für alleinerziehende Väter interessiert, kann hier einen spannenden Bericht in unseren Kiezgeschichten lesen.

Alle zahlen Steuern, aber keiner steuert dagegen

Ich beginne mal mit ein paar hard facts: Im Jahr 2017 gab es in Deutschland ca. 2.203.000 alleinerziehende Mütter und ca. 416.000 alleinerziehende Väter. Noch in 2015 betrachtete der Staat Ein-Elternteil-Familien nicht als »richtige Familien«, sondern lediglich als Singles mit Kind(ern). Sie fallen dabei in Steuerklasse II.

In der Politik spielen sie kaum eine Rolle, fühlen sich nicht selten auch gesellschaftlich als Familien zweiter Klasse. Dabei machen die Ein-Elternteil-Modelle mittlerweile jede fünfte Familie hier in Deutschland aus – zu viele, um die Probleme, mit denen sie umgehen müssen, weiterhin zu ignorieren.

»Ganz offensichtlich gelingt es bisher nicht, Alleinerziehende und ihre Kinder passgenau zu unterstützen – ungeachtet der Tatsache, dass die Probleme und Notlagen dieser Familienform seit Jahren bekannt sind und vielfach diskutiert werden. In den letzten zehn Jahren haben Reformen in verschiedenen Rechtsbereichen jedoch keineswegs zu besseren Lebensbedingungen von Ein-Eltern-Familien beigetragen«, wie auch die Studie »Alleinerziehende unter Druck« nahelegt.

Die Steuerpolitik des Staates weist nach wie vor ein massives Ungleichgewicht auf, wenn es um die Verteilung von steuerlichen Vorteilen geht.

Die Steuerpolitik des Staates weist nach wie vor ein massives Ungleichgewicht auf, wenn es um die Verteilung von steuerlichen Vorteilen geht. So werden verheiratete Paare – mit oder ohne Kind(er) – u.a. mittels Ehegattensplitting steuerlich begünstigt, nur die »alleinerziehenden Singles« werden kaum bis gar nicht berücksichtigt – obwohl für sie meist deutlich mehr auf dem Spiel steht.

Doch der Staat unterstützt leider immer noch nur da, wo auch geheiratet wurde – und die Ehe auch gehalten hat. Dass hier lediglich einem einzelnen Modell (Mutter + Vater = Kind) so sehr Vorzug gegenüber den vielen anderen gegeben wird, ist ein systemimmanentes Problem, für das konkrete Lösungen längst überfällig sind.

Hinzu kommen noch die alltäglichen Hürden, die für Familien mit Partnereltern zwar manchmal nervig, für Alleinerziehende aber bisweilen zur Existenzbedrohung werden können: Denn Letztere müssen oftmals in Vollzeit arbeiten, um den steuerlichen Nachteil abzufedern. So werden Kitastreiks oder ungeplante Krankheitsvertretungen im Job häufiger zu unvorhersehbaren und unkalkulierbaren Risiken – nicht zuletzt für das Nervenkostüm.

Druck von allen Seiten

Viele Single-Eltern beklagen sich sowohl über den sozialen als auch über den finanziellen Druck, der auf ihnen lastet, und schildern ein Gefühl der Ausweglosigkeit: Sie MÜSSEN arbeiten, damit sie sich ihr Leben und das des Kindes/der Kinder leisten können, aber wenn sie zu viel arbeiten, bleibt zu wenig Zeit für die Betreuung des Kindes. Kitas, die Kinder ganztägig betreuen, gibt es in Deutschland nur wenig bis gar nicht und Au-Pairs können sich die meisten einfach nicht leisten.

»In einer perfekten Welt hätte jeder größere Betrieb eine eigene Kita im Haus – oder zumindest eine Notfall-Kinderbetreuung«, sagt Jasmin, eine von uns befragte alleinerziehende Mutter. Sie ist 33 Jahre alt und lebt mit ihrer 15 Monate alten Tochter im Saarland. Das wäre zumindest die Lösung für eines der vielen Probleme, mit denen Single-Mums so zu kämpfen haben.

… und mit dem Partner hat es auch nicht geklappt. Nicht mal das können die – haben sie sich ja selbst ausgesucht.

Wenn alleinerziehende Mütter jedoch weniger arbeiten (möchten), um den Kindern eine präsente Mutter zu sein und weil es die Öffnungszeiten der Kita nicht anders zulassen, bekommen sie oftmals den Stempel der Sozialschmarotzerin aufgedrückt. Und mit dem Partner hat es auch nicht geklappt. Nicht einmal das können die – haben sie sich ja selbst ausgesucht.

»Ich hätte aus so mannigfaltigen Gründen in dieser Situation landen können«, sagt Nora, eine weitere Single-Mutter, die sich bei uns gemeldet hat. Sie ist 35, lebt in Berlin und versorgt sich und ihren siebenjährigen Sohn als selbstständige Fotografin. »Was, wenn ich aus einer gewaltvollen Beziehung geflüchtet wäre? Aber klar, das System ist nie schuldig daran, wie es einem geht. Immer nur man selbst.«

Auch Jasmin hat schlechte Erfahrungen mit Vorurteilen der Gesellschaft gegenüber alleinerziehenden Müttern gemacht: »Ohne die Geschichte zu kennen, gehen viele davon aus, dass man einfach verantwortungslos ist, weil man es nicht geschafft hat, mit dem Vater einen Weg zu finden. Oder aber man wird übermäßig bemitleidet.«

Working Mum – eine muss den Kopf hinhalten

Für einige alleinerziehende Mütter steht zwischen den gesellschaftlichen Stigmata und der Frage nach einer ganztägigen Betreuung durch eine Kita jedoch noch ein ganz anderes Problem: das leidige Thema von der Rückkehr in den Job. Frauen und Mütter – ob nun in festen Partnerschaften oder nicht – werden ohnehin immer noch viel zu oft bei der Jobsuche benachteiligt.

Noch immer werden Frauen in einigen Berufen schon allein aufgrund ihrer Gebärfähigkeit benachteiligt und nicht eingestellt.

Obwohl offiziell bei Jobinterviews nicht nach Familienstand oder -planung gefragt werden darf, werden Frauen in einigen Berufen schon allein aufgrund ihrer Gebärfähigkeit nicht eingestellt. Sie könnten ja irgendwann einmal Elternschaft in Betracht ziehen.

Was aber, wenn man schon Mutter ist und endlich wieder arbeiten möchte und muss? Für Jasmin wird sich diese Frage in den nächsten Monaten stellen. Auch sie fühlt sich bei der Jobsuche ungerecht behandelt und da ihre Tochter aufgrund einer Behinderung besondere Pflege braucht, ist an einen Vollzeitjob also auch im Anschluss an die Elternzeit praktisch nicht zu denken.

Wenn man nicht voll einsatzfähig ist, aus welchem Grund auch immer, wird man gerne aussortiert. Und als Frau scheint man nie voll einsatzfähig zu sein – willkommen in der Leistungsgesellschaft. Einer Gesellschaft, in der die Gebärfähigkeit von Frauen – die eigentlich erst einmal ein Grund zur Freude ist – als Behinderung und Risiko für Abläufe in Unternehmen angesehen wird. Und nicht als eine wunderbare Möglichkeit für die Zukunft des Landes.

Bei unserer Frage, woran es Jasmin konkret mangelt, um sich und ihr Kind gut zu versorgen, ist die Antwort von ihr ganz klar: »Es fehlt immer vor allem an Geld.« Und daran ist schwierig zu kommen, wenn einem der Staat systematisch Unterstützung verweigert, man nicht vollzeitig arbeiten kann und der Expartner den Unterhalt nicht bezahlt oder bezahlen kann – was auch immer die Gründe sein mögen. Auch Nora gibt mehrfach an: »Gerade das Thema Geld ist eine wahnsinnige Belastung.«

Den Unterhalt einzuklagen, ist in Fällen wie dem Jasmins nicht selten die letzte Möglichkeit, doch auch hier muss sie erstmal Geduld an den Tag legen, da dem Vater Fristen gesetzt werden, in denen er das Geld zurückzahlen sollte, müsste, könnte. Wenn nicht, tja, dann wird’s schwierig. Denn dem Jugendamt sind oftmals die Hände gebunden, wenn es über die üblichen Verfahren hinausgehen soll – und einen Rechtsanwalt mit der Einforderung von Unterhalt zu beauftragen, können sich viele nicht leisten, weil der Unterhalt fehlt.

Hat man mit 40 nicht schon eine gewisse Karriere am Start, ist der Wiedereinstieg in die Berufswelt in diesem Alter eine Katastrophe.

Für Nora ist das allerdings keine Option. Unterhalt bekommt auch sie keinen, da ihr Expartner arbeitslos und Hartz-IV-Empfänger ist. »Er ist kein Schmarotzer!«, schiebt Nora allerdings entschieden ein, »Er ist nur schon über 40 und hat man da nicht schon eine gewisse Karriere am Start, ist der Wiedereinstieg in die Berufswelt in diesem Alter eine Katastrophe.« Auch hier ist es natürlich einfach, von außen zu urteilen, ohne die genauen Umstände zu kennen. Das machen sowohl Gesellschaft als auch Politik gerne.

Shit is getting serious – die ernsthaften Folgen unserer Steuerpolitik für Single-Eltern

In der Konsequenz ist auch (Alters-)Armut immer häufiger ein Schicksal, welches Alleinerziehende – und auch hier: eher Frauen – erleiden. »Das Einkommensarmutsrisiko 2 betrug bei Alleinerziehenden im Jahr 2014 nach den Ergebnissen des Mikrozensus 41,9 Prozent. Demgegenüber hatten Paare mit einem Kind ein entsprechendes Armutsrisiko von 9,6 Prozent; bei Paaren mit zwei Kindern lag es bei 10,6 Prozent«, verrät die bereits oben angeführte Studie »Alleinerziehende unter Druck«.

Die Befragten offizieller Studien beklagen häufig, dass sie sich gesellschaftlich in eine Ecke gedrängt und dann vom Staat systematisch ausgebeutet fühlen, denn in Deutschland gilt Erziehungsarbeit nach wie vor nicht als Arbeit und die eigene Rentenkasse wird durch diese Beschäftigung nicht gespeist – und das, obwohl man die Steuerzahler*innen von morgen großzieht.

Wenn einem dann noch der (Wieder-)Einstieg in den Job unmöglich gemacht wird, dann ist man in jeder Hinsicht die/der »Gearschte«, wie Nora es beschreibt. »Es gibt in diesem Land keine beschissenere Situation, als alleinerziehend und Hartz-IV-Empfänger*in zu sein.«

Es muss etwas passieren. Eine reformierte Steuergesetzgebung, die anerkennt, dass das Großziehen von Kindern ebenfalls Arbeit ist.

Klar ist demnach: Es muss etwas passieren. Eine reformierte Steuergesetzgebung, die anerkennt, dass das Großziehen von Kindern ebenfalls Arbeit ist. Harte Arbeit, die bisher unbezahlt bleibt und einfach als gegeben hingenommen wird. Man tut es ja aus Liebe. Klar ist aber auch: Nur von Liebe kann kein Mensch leben. Weder die Kinder noch die Mütter, die diese umsorgen und nach der Elternzeit schauen müssen, wo sie bleiben.

Interessant ist, dass dieses Problem hier in Mitteleuropa besonders in Deutschland so extreme Ausmaße annimmt. In Skandinavien ist das anders – besser. Kitaplätze – mit einer Betreuung von 7:00 bis 17:00 Uhr – sind ab dem ersten vollendeten Lebensjahr der Kinder fast immer selbstverständlich verfügbar. Auch ist es in der Mehrheit so, dass beide Eltern nach der Geburt wieder arbeiten gehen.

Wenn jemand im Berufsalltag früher aufbrechen muss, um das*die Kind*er aus der Kinderbetreuung abzuholen, ist das für keinen Arbeitgeber ein Problem, ebenso wenig wie die gerecht aufgeteilte Erziehungsarbeit zwischen den Partnern – auch wenn man sich hat scheiden lassen.

Die Lösungen könnten so einfach sein – in der Theorie …

… aber in der Praxis scheint es noch immer ordentlich zu hapern. Warum? Was her müsste, ist eine grundsätzlich neu gedachte Situierung der alleinerziehenden Eltern und vielleicht sogar besonders der alleinerziehenden Mütter. Steuervorteile müssten da eingeräumt werden, wo sie besonders gebraucht werden und nicht einfach nur ein antiquiertes Familien- und Paarbild unterstützen. Kitaplätze müssten flexibler zur Verfügung gestellt werden, auch wäre an eine Unterstützung durch spezielle Wohnprojekte für alleinerziehende Eltern zu denken.

Die Häufigkeit von Ein-Elternteil-Familien spricht eindeutig dafür, dass sich sorgsamer um dieses Modell gekümmert werden muss.

Die Häufigkeit von Ein-Elternteil-Familien spricht eindeutig dafür, dass sich sorgsamer um dieses Modell gekümmert werden, es besonders betrachtet werden muss und zwar als ein eines, das der Realität entspricht und nicht einem Wunschdenken, das auf der romantischen Kleinbürgerfamilie des 18. Jahrhunderts basiert.

Deutschland, kümmere Dich um Deine Mütter – Du hast ihnen so viel zu verdanken.

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Danken möchten wir auch ganz herzlich den Müttern, die uns so offen auf unsere Fragen geantwortet haben. Danke, liebe Nora, und danke, liebe Jasmin, dass Ihr uns dabei helft, auf Missstände hinzuweisen und in diesem Bereich für mehr Aufklärung zu sorgen.

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