"Alternative Fakten" ist Unwort des Jahres 2017

Unwort des Jahres gekürt

Zum Unwort des Jahres 2017 ist der irreführende Ausdruck "alternative Fakten" gekürt worden. Die Bezeichnung stehe "für die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis durch nicht belegbare Behauptungen zu ersetzen", begründete die Jury am Dienstag ihre Wahl. Die Sprachwissenschaftler rügten zudem den Begriff "Shuttleservice" im Zusammenhang mit der Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer sowie das Wort "Genderwahn".

"Die Bezeichnung 'alternative Fakten' ist der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen", erklärte die Jury. Geprägt wurde der Begriff von der Beraterin von US-Präsident Donald Trump, Kellyanne Conway. Sie verteidigte so die falsche Behauptung, dass zur Amtseinführung des Präsidenten so viele Menschen wie nie gekommen seien.

"Der Ausdruck ist seitdem aber auch in Deutschland zum Synonym und Sinnbild für eine der besorgniserregendsten Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch - vor allem auch in den sozialen Medien - geworden", erklärten die Sprachexperten.

Lob für die Wahl kam vom Deutschen Journalistenverband. Die Jury habe "auf einen wunden Punkt der öffentlichen Kommunikation aufmerksam gemacht", erkläre Bundeschef Frank Überall in Berlin. Wenn Staatsvertreter Unwahrheiten verbreiteten, verspielten sie ihren Vertrauensvorschuss und beschädigten die Akzeptanz staatlichen Handelns. Der Begriff "alternative Fakten" sei die Umschreibung für Falschauskünfte.

Die Jury kritisierte zudem den Begriff "Shuttleservice" in Bezug auf Seenotrettungseinsätze von Nichtregierungsorganisationen im Mittelmeer für Flüchtlinge in Schlauchbooten. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer hatte demnach erklärt, diese bedeuteten "de facto" einen "Shuttleservice zum italienischen Festland beziehungsweise den italienischen Inseln". Damit würden sowohl die flüchtenden Menschen als auch vor allem diejenigen diffamiert, die ihnen humanitäre Hilfe leisteten, erklärte die Jury.

Mit dem Ausdruck "Genderwahn" werden laut den Sprachwissenschaftlern "in konservativen bis rechtspopulistischen Kreisen zunehmend Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit in undifferenzierter Weise diffamiert". Als Beispiele nannten sie die geschlechtergerechte Sprache, die Ehe für alle sowie die Bemühungen zur Anerkennung von Transgendermenschen.

Das Unwort des Jahres wird seit 1991 gekürt. Damit soll auf "undifferenzierten, verschleiernden oder diffamierenden öffentlichen Sprachgebrauch" aufmerksam gemacht werden. Im vergangenen Jahr wurde "Volksverräter" zum Unwort des Jahres gewählt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und andere führende Politiker waren vor allem im Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik von rechten Demonstranten immer wieder mit diesem Begriff beschimpft worden.

Der Jury gehören neben der Darmstädter Sprachwissenschaftlerin Nina Janich als Sprecherin noch drei weitere Wissenschaftler sowie der Autor und Journalist Stephan Hebel an. Dazu kam in diesem Jahr noch die anonyme Street-Art-Künstlerin Barbara. Der Jury lagen in diesem Jahr 684 verschiedene Vorschläge vor. Davon entsprachen rund 80 den Unwortkriterien.