Analyse: Wie Sophia Flörsch den Horrorcrash in Macau überlebte

Markus Lüttgens

Der schwere Unfall der deutschen Formel-3-Pilotin Sophia Flörsch am Sonntag beim legendären Macau-Grand-Prix löste nicht nur in der Motorsport-Welt entsetzen aus. Auch viele Tageszeitungen und TV-Sender in ihren Nachrichtensendungen berichteten über den Horrorcrash der 17-Jährigen, bei dem auch ein anderer Fahrer, zwei Fotografen und ein Sportwart verletzt wurden.

Bei dem Unfall zog sich Flörsch einen Bruch der Wirbelsäule zu, an dem sie heute operiert wird. Wie ihr Vater der 'Bild' berichtete, zeigt sie aber glücklicherweise keine Lähmungserscheinungen und kann alle Gliedmaßen bewegen. Angesichts der Unfallbilder, die weit schlimmeres vermuten ließen, muss man hier fast schon von einem glimpflichen Ausgang sprechen, zumal auch alle anderen Beteiligten nicht lebensgefährlich verletzt wurden.

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Doch wieso war das glücklicherweise der Fall? Wir analysieren, wie es zu dem Unfall kam und welche Sicherheitsvorkehrungen dafür sorgten, dass dieser nicht in einer Tragödie endete.

Der Auslöser des Unfalls

Auf den offiziellen TV-Bildern war der Unfall nicht zu sehen, doch mehrere Videos und Fotos, die von Fans an der Strecke aufgenommen und in sozialen Medien veröffentlicht wurden sowie Aussagen anderer Fahrer zeichnen ein recht genaues Bild vom Hergang. Flörsch fuhr unmittelbar vor dem Anbremsen der Lisboa-Kurve auf das Auto ihres Rivalen Jehan Daruvula auf. Laut Aussage des dahinter fahrenden Yo-Zhou Guan angeblich deshalb, weil Daruvula aufgrund eines gelben Blicklichts an der Strecke plötzlich verlangsamt hatte.

"Sophia war sehr dicht hinter Jehan, und als er plötzlich so früh bremste, hatte sie keine Zeit mehr um zu reagieren", berichtet der Chinese. "Sie hat Jehans Auto hinten rechts getroffen, drehte sich dann und flog in der Lisbao in das andere Auto."

Bei dem Unfall wurden die linken Räder von Flörschs Auto abgeknickt, woraufhin sich das Fahrzeug um 180 Grad drehte und entgegen der Fahrtrichtung innen an der Leitplanke entlang rutschte. Damit hatte Flörsch praktisch keine Möglichkeit mehr, das Auto zu verlangsamen. Bei der Geschwindigkeitsmessung vor der Lisboa-Kurve wurde ein Tempo von 276,2 km/h aufgezeichnet.

Der Randstein

An der Innenseite der Lisboa-Kurve wurden in Macau in diesem Jahr neue Randsteine installiert. Diese höheren, sogenannten "Sausage-Curbs" hinter dem eigentlichen Randstein sollten vor allem die GT- Autos und Tourenwagen daran hindern, dort zu sehr abzukürzen. Auf diesem Foto kann man den Unterschied zwischen 2017 und 2018 gut erkennen.

Callum Ilott, SJM Theodore Racing by Prema, Dallara Mercedes Motorsport.com
Mick Schumacher, SJM Theodore Racing by PREMA Motorsport.com

Diese erhöhten Randsteine, wie sie in der Formel 1 und in vielen anderen Serien üblich sind, wirkten für das Auto von Flörsch wie eine Sprungschanze und hoben es in die Luft. Das klingt im ersten Moment alles andere als optimal, erwies sich in diesem Fall aber als Glücksfall. Denn andernfalls hätte der Zusammenstoß mit dem Auto des Japaners Sho Tsuboi viel schlimmer enden können.

Nach dem Abheben streifte Flörschs Auto das Fahrzeug ihres Rivalen am Überrollbügel. Wäre der Randstein nicht erhöht gewesen, wäre es seitlich genau auf Höhe des Cockpits eingeschlagen - ähnlich wie 2002 beim Unfall zwischen Nick Heidfeld und Takuma Sato beim Österreich-Grand-Prix der Formel 1. Bei der Geschwindigkeit von Flörschs Auto wäre ein solcher seitlicher Aufprall für Tsuboi wohl kaum glimpflich ausgegangen.

Der Fangzaun

Nachdem der Formel-3-Renner von Flörsch abgehoben und knapp über das Auto von Tsuboi geflogen war, schlug er rückwärts in den Fangzaun an der Außenseite der Lisboa-Kurve ein. Dieser wurde nach unseren Informationen vor einigen Jahren erhöht, was möglicherweise eine entscheidende Rolle dabei spielte, dass Flörsch den Unfall überlebte.

Zwar durchbrach ihr Auto den Zaun, doch der erfüllte trotzdem seinen Zweck, indem er eine große Menge der Energie des Unfalls absorbierte. Welche Kräfte dabei wirkten erkennt man an mehreren verbogenen Zaunpfosten.

Nachdem das Auto durch den Aufprall in den Zaun verlangsamt wurde, schlug es rückwärts in den Hochstand für die Fotografen ein und machte dann eine 90-Grad-Drehung nach oben um die Querachse. Wie durch ein Wunder scheint das Auto dabei mit Überrollbügel und Cockpit genau die Sichtöffnung im Hochstand zu treffen. Anschließend fiel das Auto zu Boden, wo zunächst der Feuerlöscher auslöste, ehe die 17-jährige unmittelbar von Rettungskräften versorgt wurde.

Aktuelle Zwischeninfo: Das Ärzte-Team arbeitet bewusst langsam, um Risiken zu vermeiden. Der bisherige OP-Verlauf sei gut und ohne Komplikationen. Die heute morgen begonnene OP dauert an. pic.twitter.com/3gHSCtFe4B

— Sophia Floersch (@SophiaFloersch) 19. November 2018

Zwar wurden bei dem Unfall wie erwähnt zwei Fotografen und ein Sportwart verletzt, doch die Entscheidung der Organisatoren, an dieser Kurve vor Jahren einen Hochstand zu errichten, erwies sich als weiterer Glücksfall. Die mit Leitplanken verstärkte Konstruktion hielt dem Unfall stand. Man mag sich kaum vorstellen, was passiert wäre, wenn dort beispielsweise nur ein Gerüst gestanden hätte. Nicht nur wären die Fotografen direkt getroffen worden, auch wäre Flörschs Auto wohl weitergeflogen und in das massive Gebäude dahinter geprallt.

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Der Unfall wird die Diskussion um die Sicherheit auf dem gefährlichen, bei den Fahrern aber sehr beliebten Guia-Circuit weiter anheizen. Bleibt zu hoffen, dass die lokalen Organisatoren und der Automobil-Weltverband FIA die richtigen Schlüsse daraus ziehen.