Anklage wegen Polizeigewalt: Bei Verhaftung bricht Polizist einer 73-Jährigen den Arm

Johannes Giesler
·Freier Autor
·Lesedauer: 4 Min.

Eine 73-jährige Frau, die unter Demenz leidet, hat angeblich versucht hat, Gegenstände im Wert von 13,88 US-Dollar aus einem Supermarkt zu stehlen. Dafür wurde sie wenig später von der Polizei festgenommen. Bei ihrer Verhaftung, so wirft es eine aktuelle Klage den Beamt*innen vor, wurde der Frau ein Arm gebrochen und ihre Schulter ausgekugelt.

Bei der Verhaftung einer 73-jährigen Frau wurde laut einer Klage gegen die beteiligten Polizist*innen exzessive Gewalt angewendet. Foto: Screenshot Youtube / Loveland Police Department / The Life & Liberty Law Office
Bei der Verhaftung einer 73-jährigen Frau wurde laut einer Klage gegen die beteiligten Polizist*innen exzessive Gewalt angewendet. Foto: Screenshot Youtube / Loveland Police Department / The Life & Liberty Law Office

„Vorsicht: Verstörende Szenen.“ Diese Warnung ist einem Youtube-Video vorangeschaltet, das die Verhaftung einer 73-jährigen US-Amerikanerin durch die Polizei von Loveland, einer Stadt im Bundesstaat Colorado, zeigt.

Die Frau läuft darin eine Straße entlang, trägt nichts bei sich außer einer Brieftasche und Blumen. Ein Polizist nähert sich ihr von hinten und fordert sie auf, stehenzubleiben. Der Grund: Sie hat kurz zuvor versucht, einen Walmart mit unbezahlten Waren im Wert von 13,88 US-Dollar (rund 11,50 Euro) zu verlassen. Ihre Familie nimmt an, dass die verwirrte Frau vergessen hatte, zu bezahlen. Mitarbeiter*innen des Supermarkts riefen die Polizei.

Sie versucht, sich zu wehren

Die angesprochene Frau, die an Demenz und einer Sprachstörung leidet, dreht sich kurz zu dem Polizisten um, hebt ihre Arme, sagt etwas Undeutliches und läuft weiter. Der Polizist fragt sie, ob sie verhaftet werden müsse. Ohne eine Antwort abzuwarten, packt er sie, dreht ihren Arm auf den Rücken, drückt sie zu Boden und legt ihr Handschellen an. Sie versucht sich zu wehren.

In der nächsten Szene – das Video wurde zusammengeschnitten aus Aufnahmen der Bodycams, die die beteiligten Polizist*innen während des Einsatzes auf den Schultern trugen – wird die Frau auf der Motorhaube des Einsatzwagens fixiert. Der Polizist dreht ihren Arm immer weiter nach oben, während sie wiederholt ruft: „Ich möchte nach Hause gehen.“ Dann schreit sie vor Schmerzen auf.

Wurden ihre Rechte verlesen? Nein.

Das rund 15-minütige Video wechselt dann die Ansicht und zeigt Aufnahmen aus der Polizeiwache Loveland, wohin die 73-Jährige nach ihrer Verhaftung gebracht wurde. Erst ist die Arrestzelle, in der die Frau alleine auf einer Bank sitzt, zu sehen, dann ein langer Schreibtisch, an dem sich Polizist*innen über den Einsatz unterhalten.

Ob der Frau ihre Rechte verlesen worden seien, fragt einer. Nein. Ob das Blut an der Uniform eines beteiligten Polizisten von der Frau sei? Ja.

„Was hast du ihr gebrochen?“

In einer weiteren Szene beugen sich die Polizist*innen über einen Bildschirm und schauen sich gemeinsam die Aufnahmen der Verhaftung an. Sie lachen mehrmals. Eine Polizistin, sie war beim Einsatz dabei, sagt: „Ich schaue mir am liebsten unsere Aufzeichnungen der Bodycams an.“ Dann sagt der Polizist, der die Frau auf der Motorhaube fixiert hat: „Seid ihr bereit für das Knacken?“ Und wenige Sekunden später: „Habt ihr es gehört?“ Ein anderer fragt: „Was hast du ihr gebrochen?“ „Ich denke, die Schulter.“

Exzessive Gewalt gegen 73-Jährige

Ereignet hat sich der Vorfall am 26. Juni 2020. Beinahe ein Jahr später, am 12. April 2021, wurden die Aufnahmen der Bodycams und aus der Polizeiwache veröffentlicht. Sie haben jetzt eine Klage gegen das Vorgehen der Polizist*innen ermöglicht. Im Auftrag der Familie der 73-jährigen Frau hat sich eine Anwältin dem Fall angenommen, die gemeinsam mit Tonexpert*innen die Videos ausgewertet und beinahe jedes gesprochene Wort darin verständlich gemacht haben.

Die Ergebnisse hat die Anwältin am Montag auf Youtube veröffentlicht. Gleichzeitig hat sie Klage eingereicht gegen die Stadt Loveland und gegen drei Polizist*innen. In einer Pressemitteilung der Anwältin heißt es dazu: „Es tut mir leid, dass ich diese Videos veröffentlichen muss. Sie sind traumatisierend und erschütternd. Aber, wie immer mit schlechten Polizeibehörden: Nur wer sie bloßstellt, kann etwas ändern. Ohne diese Videos würde das toxische Verhalten der Polizei von Loveland und ihr Machtmissbrauch gegenüber Verletzlichen und Schutzlosen ungehindert weitergehen.“

In der Klageschrift heißt es, die Polizist*innen hätten bei der Verhaftung der 73-Jährigen, die unter Demenz und Aphasie leidet, „exzessive Gewalt“ angewendet, dabei ihren Arm gebrochen, ihre Schulter ausgekugelt, sie später für sechs Stunden in Gewahrsam genommen, ohne eine medizinische Untersuchung anzuordnen – und das trotz des Wissens, dass sie verletzt sei.

Sanktionen: suspendiert und Schreibtisch-Dienst

Wie die New York Times und zahlreiche andere überregionale Medien schreiben, haben die Videos zu einem öffentlichen Aufschrei geführt. Zudem wurden weitere Untersuchungen von der verantwortlichen Polizeidirektion, der zuständigen Staatsanwaltschaft und der Stadt Loveland gestartet. Sogar das FBI hat seine Unterstützung zugesagt. Die angeklagten Polizist*innen wurden zwischenzeitlich suspendiert oder vom aktiven Dienst abgezogen.

Video: Junge Afroamerikanerin bei Polizeieinsatz getötet