Anne Will: Langsames Lösen der Schockstarre

Ein Rentenkonzept hat Alexander Gauland am Wahlabend nicht dabei – dafür aber jede Menge Hühnchen zu rupfen mit der CDU, seiner früheren politischen Heimat. Foto: Screenshot/ARD

Ein wenig mehr als drei Stunden nach den ersten Hochrechnungen versucht Anne Will, die allgemeine Schockstarre zu lösen – und schafft es nicht. In der Talkrunde geht es unter anderem um die Allgegenwärtigkeit des deutschen Rechtsrucks, die Angst vor einer Koalition mit der CDU, und – nicht zuletzt – die verletzten Gefühle des Alexander G.

Eigentlich will Anne Will zu Beginn ihrer Sendung am Wahlsonntag noch gar nicht über die AfD reden. Das Thema soll erst später drankommen. Zuerst einmal soll es nur um die Situation der etablierten Parteien gehen, um die Frage, warum sie von den Wählern abgestraft wurden – und sonst nichts.

Dass das nicht klappen kann, sollte eigentlich klar sein: Im Nachklang an diese Bundestagswahl lässt sich nichts erklären, ohne dass man die AfD in die Rechnung mit aufnimmt. Verluste bei den Großen sind direkt mit den Bewegungen am rechten Rand verbunden. Und so scheitert Will, weil sie scheitern muss: Immer wieder taucht die neueste Partei im Bundestag in den Antworten ihrer Gäste auf. Immer wieder nehmen Manuela Schwesig (SPD), Ursula von der Leyen (CDU), Wolfgang Kubicki (FDP), Cem Özdemir (Grüne) und Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges auf sie Bezug, während Alexander Gauland (AfD) sich erst mal zurücklehnt.

Stern-Kolumnist Jörges erklärt, dass die Verluste der Großen (an die AfD) vor allem durch den ideenlosen Wahlkampf verursacht worden wären. Die Beendigung der großen Koalition, die kurz zuvor von fast allen hohen SPD-Mitgliedern angekündigt worden war, hält er für richtig. Außerdem, mutmaßt er, würde Merkel nach diesem „Umbruch im größten Ausmaß“ nicht vier Jahre durch regieren, sondern ihr Amt vorzeitig abgeben. Eins kann man gleich sagen: Talkrunden-Anfänge haben auch schon mal weniger geknallt.

Ursula von der Leyen und die “Wohlfühlwolke”

Ursula von der Leyen ist als nächstes dran. Sie versucht, den Verlust von mehr als neun Prozent weg zu erklären und die Schuld auf Anne Will im Speziellen und die Medien im Allgemeinen abzuwälzen. Sie hätte sich, sagt sie, ja eine Diskussion über andere Themen gewünscht. Subtext: Wären da nicht die bösen Medien gewesen, die das nicht wollten. Will lässt diese Erklärung nicht zu. Es liege auch an der Union, unterbricht sie die Verteidigungsministerin, und bezeichnet die Wahlkampftaktik der CDU als „Wohlfühlwolke“, die diese übers Land gelegt hätten.

Von der Leyen versucht zu kontern und nennt den Sieg über die Jugendarbeitslosigkeit und die Tatsache, dass man ja Stimmen an die FDP verloren habe und außerdem eine große Mehrheit gegen Extreme gestimmt hätte. Will stoppt die Ministerin in ihrem Lauf. Man bekomme das Gefühl, die Union denke nicht über ihre Versäumnisse nach.

FDP-Mann Wolfgang Kubicki gibt ihr da Recht. Er attestiert der CDU und der SPD ein gewisses Maß an Realitätsverweigerung, was die Politik der letzten vier Jahre betrifft. Das Ergebnis, sagt er, sei die Quittung der Menschen dafür, dass das, was man sage, mit dem, was man tue, nicht übereinstimme.

Ursula von der Leyen könnte jetzt sagen, dass er ja leicht reden habe, weil die FDP in den letzten vier Jahren politisch in Deutschland eher wenig vertreten war. Sie tut es nicht und betont stattdessen, dass das Ergebnis natürlich kein gutes sei.

Anne Will wundert sich – obwohl sie es besser wissen müsste

Cem Özdemir bezeichnet die Wahl als Erdrutsch und die gemeinsame Politik der SPD und CDU als „in Stein gemeißelte Alternativlosigkeit“. Angesichts der AfD als drittstärkste Kraft gelte es jetzt das Grundgesetz zu schützen und die Demokratie zu verteidigen, konstatiert der Grünen-Politiker.

An diesem Punkt kommt es zum ersten, etwas seltsamen Moment des Abends. Es wundere sie, dass alle immer die AfD aufgreifen würden, sagt Anne Will, und müsste es doch eigentlich besser wissen – ohne die Erwähnung des massiven Rechtsrucks ist diese Wahl nicht zu erklären.

Der zweite seltsame Moment, der fast lustig sein könnte, wäre alles nicht so ernst, folgt kurz danach, als Manuela Schwesig wiederholt, dass die SPD für eine große Koalition nicht zur Verfügung stehe. Sowohl Kubicki und Özdemir versuchen daraufhin, die Sozialdemokratin davon zu überzeugen, dass ihre Partei sich damit aus der Verantwortung stehle. Fast wirkt es, als hätten beide, sowohl der grüne Spitzenkandidat als auch der FDP-Spitzenmann, Angst vor einer möglichen Koalition mit der Union.

Schwesig lässt die beiden gekonnt auflaufen. „Sie haben uns gesagt, Sie seien bereit für Regierungsverantwortung“, entgegnet sie Kubicki. „Ich habe das Gefühl, Ihnen geht der Hintern auf Grundeis“. Als Kubicki entgegnet, man habe auch Wahlkampf gegen die CDU gemacht, antwortet sie schlicht: “Das ist jetzt Ihr Problem”.

Gauland beschwert sich – und wiederholt sich

Nachdem das geklärt ist, wendet sich Anne Will an Alexander Gauland. Der beschwert sich erst einmal darüber, bisher nicht drangekommen zu sein. Es sei um eine Regierungsbildung gegangen, antwortet Will. Da sei er schlicht nicht dabei. Auch auf seinen Trick, die verfolgte Unschuld zu spielen, falle sie nicht rein, sagt sie ihm.

Gauland wiederholt dann vieles von dem, was er oder andere in seiner Partei schon in den letzten Wochen gesagt haben:

Die Rechtsbrüche müssten aufhören.

Es dürfe keine „Masseninvasion“ geben.

Europa dürfe nicht zum „Superstaat“ werden.

Außerdem, sagt der 76-Jährige, sei es doch “lächerlich”, der AfD mit der „rechtsradikalen Keule“ zu kommen.

Als Will ihn fragt, wo denn die konstruktive Idee der AfD sei antwortet Gauland: „Liebe Frau Will, das ist im Moment nicht unsere Aufgabe“.

Das Publikum im Studio lacht ihn aus.

Die verletzten Gefühle des Alexander G.

Auf die Frage, wo denn beispielsweise das Rentenkonzept der AfD sei, antwortet er, man habe sich eben noch nicht einigen können, weil man die Diskussion darüber noch nicht geführt habe.

Dann schwenkt er zur CDU und es wird klar, warum dieser Mann heute Spitzenkandidat der AfD ist.

„Ich bin in einer anderen CDU groß geworden“, lamentiert Gauland mit Bezug auf die „dämliche Energiewende“. Er sei „wie der letzte Dreck“ behandelt worden, als er versucht habe, die CDU konservativ zu halten, fügt er hinzu, klingt dabei wie ein verlassener Liebhaber und beweist in seiner Emotionalität unfreiwillig: Der Mann ist heute da, wo er ist, weil er sich persönlich – nicht so sehr politisch – von der CDU verraten fühlt. Es geht bei ihm in erster Linie um verletzte Gefühle.

Eine wirkliche Lösung der Schockstarre kann Anne Will in ihrer Sendung am Ende nicht erreichen – wie auch. Interessant ist die Runde aber trotzdem: Weil sie eine SPD zeigt, die von Kopf bis Fuß auf Opposition eingestellt ist (und damit nach langer Zeit wieder Kante zeigt), eine CDU, vor denen als Koalitionspartner alle Angst zu haben scheinen – und einen AfD-Spitzenkandidaten, der nur wenige Antworten auf zukünftige Fragen gab, aber viele Einsichten in die eigene Enttäuschung mit seiner ehemaligen politischen Heimat. (jl)

Foto: Screenshot/ARD

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