Nach Anschlägen von Brüssel: Häme gegen Angela Merkel

Während in Belgien Menschen sterben, sucht das Netz nach Chancen zum Rufmord. Hat sich daran CDU-Politikerin Vera Lengsfeld beteiligt?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Eigentlich klingt es zu aberwitzig, um wahr zu sein. Alles könnte ein Fake sein, ein schlechter Scherz, den sich jemand auf Kosten einer öffentlichen Person macht. Jedenfalls ist dieser Post die Geschmacklosigkeit des Tages.

Heute Vormittag haben Explosionen die belgische Hauptstadt erschüttert, zwei am Brüsseler Flughafen, eine in einer Metro-Station der City. Die Zahl der Toten und Verletzten ist noch nicht abzusehen – von mehr als einem Dutzend Gestorbener ist auszugehen; und der Verdacht liegt nahe, dass die Urheber dieser Angriffe im radikalislamischen Umfeld des Islamischen Staat (IS) oder al-Qaidas zu suchen sind.

Und nun gibt es diesen Post. „Gelobt sei Angela Merkel, die Warmherzige, die Vorausschauende. Sie hat alles dafür getan, dass der Terror in Europa Fuß fassen kann und seine Söhne hier die eigene Zukunft von einen gestörten Welt verwirklichen können“, zitiert ihn die Online-Zeitung „Huffingtonpost“. Und weiter: „Lasst uns Angela Merkel feiern, sie hat es geschafft!“

Rätselraten um Facebook-Accounts

Angebliche Urheberin auf Facebook: Vera Lengsfeld. Die CDU-Politikerin hatte sich in der DDR in der Opposition engagiert, saß anfangs für Bündnis 90/Die Grünen bis 1996 im Bundestag, wechselte zur CDU und blieb im Parlament bis 2005.

Ob dieser Post von Lengsfeld tatsächlich stammt, kann derzeit nicht ermittelt werden. Einerseits wirkt er authentisch, er verfügt über Abonnenten und „Freunde“, die ebenfalls bekannt und im Bekanntenumfeld von Lengsfeld zu verorten sind. Andererseits verfügt die Politikerin zweifellos über einen anderen Facebook-Account, auf den ihre offizielle Website verweist: Dort steht der menschenverachtende Post nicht.

Auch ist der Post auf der anderen, vermeintlichen Facebook-Seite von Lengsfeld nicht vorhanden – oder er wurde mittlerweile gelöscht. Einen Hinweis gibt es: In einem Kommentar, der kurz nach dem angeblichen Post auf die Seite geschrieben wurde, heißt es: „Ihr Post vorhin war einfach ekelhaft!“ Auf den ersten Blick erscheint er zusammenhanglos; als beziehe er sich auf etwas, das nicht mehr da ist.

Ob diese Sätze von Lengsfeld stammen oder nicht – sie sind erschütternd. Sie verdeutlichen, wie zynisch Menschen agieren können, wenn es ihnen um ihre Meinungsäußerung geht. Die Kanzlerin hat in der so genannten Willkommenspolitik einen mutigen Schritt getan – und unabhängig davon, ob dieser Unterstützung oder Ablehnung findet, kann Merkels Entscheidung der Grenzöffnung nicht dazu missbraucht werden, sie für alles und jeden verantwortlich zu machen.

Die kleine Welt der Zyniker

Das Kalkül solcher Hetze ist einfach gestrickt: Es ist natürlich möglich, dass ein oder mehrere Attentäter von heute als „Flüchtlinge“ nach Europa gekommen sind. Daraus den Vorwurf zu stricken, Merkels Grenzöffnung habe den Terror möglich gemacht, ist dumm und böse zugleich. Dumm, weil der IS Terror verüben kann, ohne auf Asylgesetzgebungen angewiesen zu sein. Die Infrastruktur des IS wird durch solch einen Vorwurf lächerlich unterschätzt. Auch in Deutschland sind solche Anschlagsversuche möglich, wenn sie gewollt sind – wir leben in einer globalisierten Welt, alle nah beieinander. Und böse ist der Vorwurf, weil er einfach einer Person schaden will, die in keinem kausalen Zusammenhang zu den schrecklichen Geschehnissen von Brüssel steht.

Lengsfeld wird sich äußern müssen, ob dieser Kram von ihr stammt. Konsequenzen hätte dies keine, sie ist mittlerweile Privatperson. Sollte dieser Post eine Fälschung Dritter sein, wäre er ein Beweis für die Untiefen des Netzes. Sollte er aus Lengsfelds Feder kommen, wäre damit endgültig dokumentiert, wem man keine besondere Aufmerksamkeit mehr schenken müsste.

Erste Reaktionen auf die Anschläge von Brüssel in den sozialen Netzwerken sehen Sie in dieser Bildergalerie.

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