ARD-Doku: Deutschlands Versagen beim Kinderschutz

Ein Mitarbeiter des Jugendamts betreut derzeit bis zu 100 Fälle von Gewalt an Kindern, obwohl die Obergrenze bei 35 liegen sollte. (Bild: Getty Images/ImagesBazaar)

Eine neue Studie wirft ein schockierendes Licht auf Personaldefizite und Wissenslücken beim Kinderschutz in Deutschland.

Vor fünf Jahren hängte das Jugendamt Berlin-Mitte ein weißes Laken als Zeichen der Kapitulation aus dem Fenster: eine Kapitulation vor dem Umfang der Aufgaben und dem enormen Ressourcenmangel. Über 100 Fälle betreut eine einzelne Vollzeitkraft beim Jugendamt in manchen deutschen Städten. Eigentlich sollte die Obergrenze bei 35 Fällen pro Person liegen. Hinzu kommt, dass sehr viel Zeit mit der Dokumentation der Fälle verbracht werden muss: 63 Prozent ihrer Arbeitszeit müssen die Sozialarbeiter mit Schreibtischarbeit zubringen – Zeit, die ihnen für die persönliche Betreuung der Familien fehlt.

Laut der Sozialwissenschaftlerin Kathinka Beckmann, die mit über 650 Mitarbeitern von 175 Jugendämtern über ihren Arbeitsalltag gesprochen hat, liegt das Personaldefizit bei über 16.000 Personen. Die Auswirkungen der Personal- und Ressourcenknappheit sind verheerend: Im letzten Jahr sind 147 Kinder an den Folgen von Gewalt gestorben. Das sind zwei bis drei Kinder pro Woche. Im Jahr davor gab es in ganz Deutschland rund 22.000 Fälle von Kindesmissbrauch.

Der dramatische Ressourcenmangel und die Unterbesetzung sind das Thema der ARD-Doku „Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln”. Darin sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Jörg M. Fegert von der Uniklinik Ulm: „Die Fälle, über die berichtet wird, sind nur die Spitze von einer Spitze des Eisbergs.”

Die frühere Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen mit Prof. Jörg Fegert und Prof. Christian Pfeiffer bei der Vorstellung des Frühwarnsystems gegen Kindesmisshandlung im Jahr 2006: Elf Jahre später sterben in Deutschland zwei bis drei Kinder pro Woche an Gewalt. (Bild: AP Photo/Fritz Reiss)

Kindern auf der Straße sieht man nicht an, ob sie zu Hause Gewalt erleben. Die einzigen, die blaue Flecken, gebrochene Knochen und andere Gewaltspuren an Kindern zu Gesicht bekommen, sind Kinderärzte. Deswegen besteht seit einigen Jahren keine Schweigepflicht für Ärzte mehr, wenn sie Verdacht schöpfen, dass ihre kleinen Patienten misshandelt werden.

So war es auch bei der heute dreijährigen Lily, an deren Beispiel die Doku aufzeigt, woran besserer Gewaltschutz für Kinder in der Praxis scheitert. Ihre Kinderärztin hatte im Februar 2015 auffällig viele blaue Flecken am Körper des Babys festgestellt, deren Ursprung die Eltern nicht glaubwürdig erklären konnten.

Bei einer weiteren Untersuchung im Krankenhaus stießen die Ärzte auf neun gebrochene Rippen. Die Eltern reagierten wie viele andere in ihrer Situation ablehnend gegenüber der angebotenen Unterstützung. Erst als ein Familiengericht im Februar 2016 ein Gutachten über ihre eingeschränkte Erziehungsfähigkeit ausstellt, kommt das Kleinkind in eine Pflegefamilie. Die leiblichen Eltern legten Beschwerde ein – und bekamen Recht zugesprochen, Ihr Kind, dessen neunfachen Rippenbruch im Säuglingsalter sie nicht erklären konnten, dürfe wieder zu ihnen zurück.

Die Sozialwissenschaftlerin Kathinka Beckmann hat eine Studie über deutsche Jugendämter durchgeführt. In der ARD-Doku „Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln“ stellte sie ihre Ergebnisse vor. (Bild: ARD)

Das Problem seien nicht nur die unterbesetzten Jugendämter, sondern auch die großen Wissenslücken unter Richtern, die das Familienrecht verhandeln, sowohl was die Risiken für Kinder als auch die Rückfallbereitschaft gewalttätiger Eltern angeht. Elternrecht genießt in Deutschland einen hohen Stellenwert: Wann immer möglich, sollen Kinder bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen.

Über die Entscheidung in Lilys Fall sagt der Rechtswissenschaftler Prof. Ludwig Salgo, die Richter hätten sich mit Lebenserfahrung über die professionelle Meinung der Gutachter hinweggesetzt. Das „wäre vielleicht nicht passiert, wenn Richter etwas wüssten über Kindeswohlgefährdung, Bindung, Trennung, kindliches Zeitempfinden – das wären alles Themen für die Fort- und Ausbildung.“ Die wird aber von den Justizministern aller Bundesländer mit dem Argument abgelehnt, sie könne die rechtliche Unabhängigkeit gefährden.

Lilys Fall könnte deswegen ein wegweisender Fall sein, weil es hier das erste Mal war, dass danach eine Anwältin die Interessen des Kindes gegenüber den Eltern und dem Staat vertreten hat. Die Verfahrensbeiständin, auf die jedes Kind, das in einen Gerichtsfall verwickelt ist, Anspruch hat, schaltete auf eigene Faust eine Anwältin ein. „Ich war mir sicher, dass die Entscheidung falsch war. Und die Entscheidung, die konnte ich auch nicht mittragen“, sagt Birgit Martens über ihren Entschluss. Wenn sie diese Verfassungsbeschwerde nicht einlege, würde es niemand tun, war ihr klar. „Mit diesem Gefühl wollte und konnte ich nicht leben.“ Martens hatte Erfolg: Bei der erneuten Prüfung des Falls zogen die leiblichen Eltern ihre Beschwerde zurück. Lily darf jetzt bei ihrer Pflegefamilie bleiben und hat die Chance, das Erlebte zu verarbeiten.

In Deutschland besteht seit fast 20 Jahren das Recht auf gewaltfreie Erziehung. „Damit dieses Recht auch tatsächlich umgesetzt werden kann, brauchen wir einen Kinderschutzbeauftragten“, sagt Kathinka Beckmann. „Wir haben viele andere Beauftragte, Wehrbeauftragte, Wolfsbeauftragte … was wir eben nicht haben, ist jemand, der mit Befugnis darauf achtet, dass die bestehenden Rechte, die Kinder jetzt schon haben, auch endlich umgesetzt werden – und zwar vollumfänglich.“

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