Aufstand der Wissenschaft gegen "alternative Fakten"

In mehr als 500 Städten weltweit gehen am Samstag Menschen auf die Straßen, um gegen die zunehmende Einschränkung der Wissenschaft zu demonstrieren. Nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump wächst vor allem in den USA die Angst vor einer neuen Ära der "alternativen Fakten". Aber auch in anderen Ländern wie beispielsweise der Türkei und Ungarn wird die freie Wissenschaft immer stärker eingeschränkt.

Die Idee für den "Marsch für die Wissenschaft" (March for Science) entstand im Zuge des Women's March am 21. Januar. Damals hatten weltweit mehr als zwei Millionen Menschen für Menschenrechte demonstriert. Anlass waren neben den frauenverachtenden Äußerungen Trumps auch seine Herabwürdigung von Mexikanern, Muslimen und anderen Gruppen.

Seine Ansichten über den angeblich von China erfundenen Klimawandel bringen vor allem Umweltschützer in Rage. Im Februar demonstrierten in Boston bereits mehrere hundert US-Wissenschaftler und Klimaschützer gegen Trumps Politik. Sie riefen den Präsidenten und seine Regierung auf, die Tatsache des von Menschen gemachten Klimawandels anzuerkennen und hielten Schilder mit Aufschriften wie "Macht Amerika wieder intelligent" oder "Wissenschaft ist wichtig" hoch.

Viele Experten sehen Wissenschaft und Forschung durch die Regierung des rechtspopulistischen Präsidenten existenziell bedroht. Sein Vorschlag, die Forschungsbudgets zugunsten des Rüstungshaushalts drastisch zu kürzen, erfüllt sie mit großer Sorge. Diese Pläne würden "eine ganze neue Generation von Wissenschaftlern davon abhalten, überhaupt loslegen zu können", sagt Nobelpreisträgerin Carol Greider, Professorin für Molekularbiologie an der renommierten Johns Hopkins Universität.

Im Januar stellten US-Atomwissenschaftler eine symbolische "Weltuntergangsuhr" auf zweieinhalb Minuten vor Mitternacht. Als Grund nannten die hoch angesehenen Wissenschaftler "den Anstieg eines schrillen Nationalismus weltweit, die Äußerungen Trumps zu Atomwaffen und zum Klimawandel, eine verschlechterte weltweite Sicherheitslandschaft und eine zunehmende Missachtung wissenschaftlicher Erkenntnisse".

In der US-Hauptstadt Washington wollen die Demonstranten am Samstag (ab 14.00 Uhr MESZ) zum Kapitol ziehen. Dort treten neben Rednern aus der Wissenschaft unter anderem Musiker wie Questlove und The Roots auf. Ähnliche Veranstaltungen finden weltweit in mehr als 500 Städten statt. In Deutschland sind es rund 20 Städte, in denen Proteste geplant sind, darunter Berlin, Hamburg und München.

Weltweit würden Wissenschaftler "bedroht, gegängelt und der Wert wissenschaftlicher Forschung wird grundlegend in Frage gestellt", beklagt die deutsche Kommission der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (Unesco). Auch er sehe "mit Sorge, wie Wissenschaftsfreiheit zunehmend unter Druck gerät, auch in Europa", erklärte Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD). "Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus politischen Gründen entlassen, Universitäten ins Aus manövriert oder Forschungsbereiche substantiell geschwächt werden, sind das auch Angriffe auf unser demokratisches Verständnis."

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wies auch auf Missstände in Deutschland hin. "Wenn neun von zehn wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit einem Zeitvertrag abgespeist werden, bleibt das nicht ohne Folgen für die Kontinuität und Qualität sowie Kritik- und Innovationsfähigkeit wissenschaftlicher Arbeit", erklärte GEW-Vize Andreas Keller. Zudem forderte er einen Ausbau der Grundfinanzierung der Hochschulen: Wenn diese ihre Aufgaben nur noch erledigen könnten, wenn sie "erfolgreich Drittmittel einwerben, erzeugt dies einen Druck, sich an die Interessen externer Geldgeber anzupassen".

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