Außer Kontrolle? - Corona in der Türkei und der Kampf um Transparenz

·Lesedauer: 5 Min.
Sanitäter bringen einen Corona-Patienten in Begleitung seiner Frau in ein Istanbuler Krankenhaus (Bild: Chris McGrath/Getty Images)
Sanitäter bringen einen Corona-Patienten in Begleitung seiner Frau in ein Istanbuler Krankenhaus (Bild: Chris McGrath/Getty Images)

Die Türkei schien die Pandemie gut im Griff zu haben. Doch nun gehen die Fallzahlen durch die Decke. Ärzte und Opposition werfen der Regierung mangelnde Transparenz vor. Und auch eine beliebte Urlaubsregion schlägt Alarm.

Schutzkleidung wird in Istanbul inzwischen für alle Begräbnisse angelegt - als Vorsichtsmaßnahme. “Schließlich können wir nicht sicher sagen, wer an Corona gestorben ist und wer nicht”, sagt Ayhan Koç, Leiter des Friedhofsamts in Istanbul. Koç ist für die rund 570 Friedhöfe der Millionenmetropole zuständig. Zurzeit hätten sie jeden Tag etwa 400 Begräbnisse in der gesamten Stadt - doppelt so viel wie in normalen Zeiten. “Es ist eine außergewöhnliche Situation”, sagt er.

Begräbnis eines Corona-Toten in Istanbul im Mai - inzwischen tragen die Friedhofsmitarbeiter zur Sicherheit bei jeder Beerdigung Schutzausrüstung (Bild: Bulent Kilic/AFP)
Begräbnis eines Corona-Toten in Istanbul im Mai - inzwischen tragen die Friedhofsmitarbeiter zur Sicherheit bei jeder Beerdigung Schutzausrüstung (Bild: Bulent Kilic/AFP)

Die Corona-Fallzahlen in der Türkei steigen seit Wochen. Im Frühjahr schien die Türkei die Pandemie gut im Griff zu haben - inzwischen gehört sie zu den am stärksten betroffenen Ländern weltweit. Ärztevertreter schätzen die Lage in den Krankenhäusern als besorgniserregend ein. Intensivstationen seien überfüllt. Die Kliniken müssten aus Platzmangel immer wieder Notfallpatienten ablehnen, berichtet die Vorsitzende der Vereinigung der Intensivkrankenschwestern, Ebru Kıraner.

Ruf nach strengeren Maßnahmen

Der Generalsekretär der Istanbuler Ärztekammer, Osman Küçükosmanoğlu, zeichnet ein ähnliches Bild. “Die Situation ist außer Kontrolle geraten”, sagt er. Ärzte und Opposition, sie alle fordern zusätzlich zu schon bestehenden Ausgangssperren noch strengere Maßnahmen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Und sie verlangen vor allem Transparenz. Denn mit den Zahlen in der Türkei ist es so eine Sache.

Polizisten kontrollieren die Einhaltung der Ausgangssperre in Istanbul (Bild: Arif Hudaverdi Yaman/Anadolu Agency via Getty Images)
Polizisten kontrollieren die Einhaltung der Ausgangssperre in Istanbul (Bild: Arif Hudaverdi Yaman/Anadolu Agency via Getty Images)

Rund 30 000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus registriert die Türkei zurzeit täglich - ähnlich wie in Deutschland bei fast gleicher Einwohnerzahl (rund 83 Millionen). Eine regionale Aufschlüsselung der Fallzahlen wird nicht bekanntgegeben. Am Donnerstag meldete Gesundheitsminister Fahrettin Koca mit 243 Todesfällen an einem Tag im Zusammenhang mit dem Coronavirus einen neuen Höchststand. Doch die Opposition und die Ärztevereinigung gehen davon aus, dass täglich deutlich mehr Menschen an oder mit dem Virus sterben.

Doppelt so viele Tote wie im Vorjahr

Friedhofschef Koç führt für Istanbul darüber Statistik. Sein Büro liegt im Viertel Zincirlikuyu auf dem Gelände einer der größten Friedhöfe der Stadt. Hinter seinem überdimensionalen Schreibtisch hängt ein Bild des türkischen Republikgründers Atatürk. Noch vor einem Jahr habe er selbst als Intensivmediziner gearbeitet, dann habe der oppositionelle Bürgermeister Ekrem İmamoğlu ihn gebeten, die Leitung des Friedhofsamts zu übernehmen.

Behandlung eines Corona-Patienten in einer Klinik in Istanbul (Bild: Chris McGrath/Getty Images)
Behandlung eines Corona-Patienten in einer Klinik in Istanbul (Bild: Chris McGrath/Getty Images)

Als Todesursache werde Covid-19 nicht offiziell verzeichnet, die Verstorbenen würden auf dem Totenschein unter der Kategorie “Infektionskrankheiten” eingetragen, führt Koç aus. Das sei ein weites Feld. Von Cholera bis zur Grippe gehörten alle mögliche Krankheiten dazu. Um einen Eindruck darüber zu bekommen, wie viele Menschen in Istanbul mit Covid-19 gestorben seien, habe er die Sterberaten verglichen: In den Jahren 2016-2019 seien in Istanbul im November durchschnittlich rund 6000 Menschen gestorben, also etwa 200 pro Tag. Im November diesen Jahres waren es demnach 11.500 - also fast doppelt so viel.

Es habe weder ein Erdbeben noch eine andere grassierende Infektionskrankheit neben Covid-19 gegeben. Die Regierung müsse die hohen Todeszahlen erklären und transparent sein, fordert Koç. Die “nebulöse” Politik im Umgang mit der Pandemie führe zu Fragezeichen und Misstrauen bei den Menschen.

Ärzte warnten schon im Sommer

Der Zweifel an den Zahlen kommt nicht von ungefähr. Schon im Sommer war die Ärztevereinigung alarmiert, weil die von der Regierung veröffentlichte Anzahl der Neuinfektionen nicht mit ihren eigenen Erhebungen übereinstimmte. Sie sollte Recht behalten. Gesundheitsminister Koca gab im September zu, dass monatelang nur die Infizierten mit Symptomen als Corona-Fälle veröffentlicht wurden. Als Konsequenz hob die Bundesregierung eine Ausnahmeregelung für vier der beliebtesten türkischen Urlaubsregionen, darunter Antalya, auf und erklärte wieder für die gesamte Türkei eine Reisewarnung. Anfang November gab Ankara dann die vollständigen Fallzahlen bekannt.

Im Sommer warb die Türkei für vermeintlich sicheren Urlaub in ihren Tourismusregionen (Bild: Mustafa Ciftci/Anadolu Agency via Getty Images)
Im Sommer warb die Türkei für vermeintlich sicheren Urlaub in ihren Tourismusregionen (Bild: Mustafa Ciftci/Anadolu Agency via Getty Images)

Durch inkorrekte Zahlen hätten sich die Bürger in falscher Sicherheit gewogen, kritisiert Nursel Şahin, Vorsitzende der Ärztekammer von Antalya. Die Urlaubsregion gehört inzwischen zu den am meisten vom Virus betroffenen Regionen im Land. Nach Erhebungen der Kammer gebe es zurzeit etwa 1500 tägliche Neuinfektionen in Antalya.

Die Regierung weist jegliche Vorwürfe zurück. Präsident Recep Tayyip Erdoğan betonte am Montag, man handhabe die Pandemie transparent und gemäß internationalen Standards. Die Ärztevereinigung ist ihm ohnehin ein Dorn im Auge. Im Oktober hatte er sie scharf attackiert und ihre Regulierung angekündigt. Gesundheitsminister Koca wehrte sich erst kürzlich und sichtlich aufgebracht im Parlament gegen Kritik. Das Gesundheitssystem stehe im internationalen Vergleich gut da und die Regierung erhöhe ständig die Kapazität von Intensivbetten. “Seid stolz auf die Türkei”, ruft er den Kritikern entgegen.

Vorrang für Tourismus

Nach ihrem ersten offiziellen Corona-Fall im März hatte die Türkei schnell reagiert, unter anderem Bars geschlossen, Auslandsflüge eingestellt und Reisebeschränkungen sowie Ausgangssperren erlassen. Ab Juni dann wurden die Beschränkungen aufgehoben - pünktlich zur Urlaubssaison. Die ohnehin angeschlagene türkische Wirtschaft war auf Devisen aus dem Ausland angewiesen.

Erstes Gebet nach der Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee (Bild: Emrah Yorulmaz/Anadolu Agency via Getty Images)
Erstes Gebet nach der Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee (Bild: Emrah Yorulmaz/Anadolu Agency via Getty Images)

Zu früh und zu umfassend, kritisiert die Ärztekammer-Chefin in Antalya Şahin die Lockerungen. Der Kolumnist Murat Yetkin nennt es eine “Kette falscher Entscheidungen” seit Sommer. Als Beispiel nennt er die umstrittene Eröffnung der Hagia Sophia als Moschee am 24. Juli, an der nach Regierungsangaben 350.000 Menschen teilnahmen. Zum Opferfest Ende Juli - einer der höchsten religiösen Feiertage im Land - habe es keinerlei Beschränkungen gegeben und sich das Virus so im Land verbreiten können, kritisiert Yetkin. Wie in Deutschland an Weihnachten kommen zum Opferfest die Familien zusammen.

Die Regierung hat die Corona-Restriktionen inzwischen wieder verschärft: Restaurants sind geschlossen, Ausgangssperren gelten abends und am Wochenende und über Silvester. Zu spät und zu wenig, kritisiert auch hier die Ärztevereinigung. Die Kammer in Antalya erklärte kürzlich: Wenn nichts unternommen werde, “wird unser Gesundheitssystem zusammenbrechen. Wir werden mehr Verluste und unerwünschte Konsequenzen haben.”

Video: Altenpfleger in Deutschland wegen Corona am Limit