Deutscher Trainer in Schottland - letzte Chance für S04-Juwel

Reinhard Franke

Wenn man an Donis Avdijaj denkt, kommt einem unweigerlich dieses eine Video in den Sinn.

Das Video, mit dem das ehemalige Schalke-Talent 2015 für Verwunderung, aber auch für eine irre Klickzahl bei YouTube von über 900.000 sorgte.

Es war ein legendäres Interview, in dem er unter anderem erzählte, dass er sich ein Geld-Schwimmbad bauen möchte. Mit Pferden, die ihm beim Schwimmen zuschauen.


Damals war Avdijaj Spieler von Sturm Graz, das Interview ist heute längst Kult. Kurze Zeit später bereute der gebürtige Osnabrücker diese Aktion.

"Damals hatten wir im Trainingslager einen Nachmittag, an dem wir ein Scherz-Interview für einen Kanal auf der YouTube-Seite von Sturm Graz aufgezeichnet haben. Jeder Spieler hat ein solches Interview gegeben und es gab auch Antworten, die viel verrückter waren als meine. Im Endeffekt wurden sie aber nie veröffentlicht", erinnerte er sich einst.

Von Schalke über viele Stationen nach Schottland

Ein Jahr zuvor hatte Avdijajs Profikarriere beim FC Schalke 04 begonnen. Er träumte von einer schillernden Laufbahn, das sollte dann auch die Ablösesumme in Höhe von 15 Millionen Euro dokumentieren, die Schalke damals aufrief.

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Doch nach seiner Zeit in Gelsenkirchen geriet der gelernte Stürmer eher Stück für Stück ins Abseits statt ins Rampenlicht. Seine Stationen: Sturm Graz, Roda Kerkrade, Willem II Tilburg und zuletzt Trabzonspor. Regelmäßig gespielt hat Avdijaj bei keinem dieser Klubs.


Seit vergangenem Montag steht Avdijaj beim schottischen Traditionsverein Heart of Midlothian unter Vertrag. Sein Trainer dort: Der ehemalige Hannover-96-Coach Daniel Stendel, der in der Saison 2018/2019 mit dem FC Barnsley in die zweite englische Liga aufstieg.

"Wir suchten im Offensivbereich Verstärkung, und das ist gar nicht so einfach, als Tabellenletzter in Schottland einen Guten zu bekommen - gerade wenn du wenig Geld zur Verfügung hast. Da zerschlug sich das eine oder andere Ding", sagt der 45-Jährige im Gespräch mit SPORT1.

Stendel von Avdijaj überzeugt

Anfang Dezember 2019 übernahm Stendel den Trainerposten bei den Hearts. Und er wunderte sich etwas, als Avdijaj plötzlich vor ihm stand. Wie kam Avdijaj auf den Klub?

"Das ist eine gute Frage. Er hat einen befreundeten Berater, der in Schottland lebt. Über den kam der Kontakt zustande. Donis kam dann auf uns zu und hatte Interesse bekundet, uns zu helfen", erklärt der Coach. "Sicherlich ist da auch die Nähe zum englischen Fußball interessant, weil man sich dann empfehlen kann. Das spielt natürlich auch eine Rolle."

Stendel ist von der Qualität seines neuen Angreifers überzeugt. “Deshalb ist er jetzt erstmal bis zum Sommer bei uns. Er weiß, was ich erwarte, und solange er sich unseren Zielen unterordnet und das bringt, was wir uns von ihm erhoffen, wird es keine Probleme geben."

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Seit einer knappen Woche ist Avdijaj nun da. "Er hat sehr offen und ehrlich mit mir über seine Situation und seine Ziele gesprochen und ich habe das Gefühl, dass er sich für den Klub reinhauen will", sagt Stendel.

Eine mögliche Win-Win-Situation

Natürlich weiß er um die Schwierigkeiten von Avdijaj in den vergangenen Jahren. "Ich habe das alles mitverfolgt und man weiß nie, wie viel Wahrheit in solchen Geschichten steckt", sagt Stendel. "Wenn aber die eine oder andere Geschichte nicht passiert wäre, hätten wir ihn jetzt nicht bekommen. Ich mache mir lieber selber mein Bild von Donis und vertraue darauf, dass wir an einem Strang ziehen."

Jeder tue gut daran, Avdijaj zu helfen, "dass er seinen Job gut macht. Ich bin froh, dass Donis bei uns ist. Am Ende ist es wichtig, dass wir einen Qualitätsspieler dazu bekommen haben." Stendel hofft auf eine "Win-Win-Situation".

Er glaubt an Avdijaj. "Donis hat bei Transzonspor gespielt und auch, wenn er nicht so viele Einsatzzeiten hatte, hat er immerhin beim Tabellendritten der türkischen Liga, in der Europa League und davor schon in der ersten niederländischen Liga seine Tore gemacht. Er hat genug Qualität. Donis weiß, wie Fußball funktioniert. Ohne das Team wird er aber nicht erfolgreich sein."

Stendel nimmt Avdijaj in Schutz

So erfolgreich wie in der Jugend war Avdijaj allerdings nie mehr. Damals hat er alles kurz und klein geschossen, brach viele der Rekorde, die später Youssoufa Moukoko von Borussia Dortmund pulverisierte.

Natürlich könne man sagen, "dass er nicht einfach ist. Am Ende muss der Spieler damit leben und sicherlich hat er seinen Teil dazu beigetragen", glaubt Stendel.


Er nimmt Avdijaj in Schutz, denn er habe "keine Sachen gemacht, wo man sagt: 'Das geht überhaupt nicht'. Jeder verändert sich in seiner Persönlichkeit."

Und weiter: "Auf Schalke bekam er schon früh einen hochdotierten Vertrag mit einer Ablösesumme von 15 Millionen. Dadurch stand er sofort in der Öffentlichkeit und dann gerätst du als junger Kerl schneller unter die Räder."

Heart of Midlothian ist nach den beiden Klubs aus Glasgow der drittgrößte Verein in Schottland. In der Hauptstadt Edinburgh ist der Klub die klare Nummer eins. "Da ist die Aufmerksamkeit schon sehr groß, auch wenn die Liga im Ausland nicht so im Fokus steht", weiß Stendel und will erstmal dafür sorgen, dass sich Donis Avdijaj wieder etwas mehr in den Fokus spielt.