AZ-Interview mit Christoph Butterwegge - "Auf die Villa am Starnberger See ist man nicht neidisch"

Sophie Anfang

Im AZ-Gespräch erklärt der Sozialforscher Christoph Butterwegge, warum es einen Sozialneid nach unten gibt – und warum München mit Sorge nach Wien schauen sollte.

München - Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, populistische Parteien gewinnen stetig an Zuspruch – gerade in München. Wie hängen diese Entwicklungen miteinander zusammen? Und was kann man dagegen tun? Am Dienstagabend diskutieren der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Prof. Marcel Fratzscher und der Armutsforscher Prof. Christoph Butterwegge diese Fragen im Rathaus.

Im AZ-Gespräch erklärt Butterwegge vorab, warum im Hasenbergl weniger Menschen wählen, und warum wir an der Isar besorgt nach Wien schauen sollten.

AZ: Herr Butterwegge, in München beobachten wir Mietpreise um die 20 Euro pro Quadratmeter. Ist die Stadt von sozialer Spaltung mehr betroffen als andere Städte?

CHRISTOPH BUTTERWEGGE: München ist zusammen mit Hamburg die deutsche Großstadt, in der sich die Spaltung zwischen Arm und Reich am deutlichsten zeigt. Während die Innenstadt voller Glas- und Glitzerfassaden ist, gibt es auf der einen Seite noble Stadtteile wie Grünwald und auf der anderen Seite Viertel, die abgehängt sind wie das Hasenbergl.

Hat die Kommunalpolitik Möglichkeiten, diese soziale Spaltung abzumildern?

Kommunal- und Landespolitiker sind gerade in München gefordert, den sozialen Wohnungsbau voranzutreiben, um für eine bessere soziale Mischung in den Stadtvierteln zu sorgen. Das passiert auch mehr als in manch anderer Großstadt. Aber gerade die von Ihnen angesprochenen hohen Mieten verdrängen Menschen natürlich an den Stadtrand oder auch darüber hinaus. Das ist für den sozialen Zusammenhalt einer Stadt tödlich.

Inwiefern?

Meine These ist, dass Spaltungen im Sozialen zu politischen Verwerfungen führen. Ausgegrenzte und Abgehängte beteiligen sich immer weniger an Wahlen. Das heißt, sie nehmen nicht mehr an politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen teil. Untersuchungen zeigen, dass sich die Wahlbeteiligung bei der vergangenen Bundestagswahl in fast allen deutschen Großstädten in den Luxusquartieren und die in sogenannten sozialen Brennpunkten um etwa 40 Prozentpunkte unterscheidet.

Auch in München?

Da es in München 25 große Wahlbezirke gibt, die gemischter sind, in denen also nicht nur Reiche oder nicht nur Arme wohnen, sind die Unterschiede hier scheinbar geringer. Aber auch hier gibt es Extreme: Bei der Bundestagswahl 2013 haben in Milbertshofen-Am Hart 61,5 Prozent gewählt, in Pasing-Obermenzing lag die Wahlbeteiligung hingegen bei 75,2 Prozent. Dies ist das eine Problem.

Und das andere?

Menschen, die in der Mittelschicht beheimatet sind, haben zunehmen Angst vor dem sozialen Abstieg. Sie sind deshalb besonders anfällig für rechtspopulistische Propaganda, die ihnen einfache Lösungen verspricht. Wenn es Wirtschaftskrisen und gesellschaftliche Umbrüche gibt, wächst die Gefahr, dass rechte Demagogen an Einfluss gewinnen.

Aber Parteien wie die AfD machen ja gerade keine Politik für Einkommensschwächere. Warum wählen die sie dann?

Tatsächlich ist die AfD eine Partei der Privilegierten, weil sie Steuern abschaffen will, die vor allem Wohlhabende und Reiche zahlen müssen: die Erbschaftsteuer und die Vermögensteuer.
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