Büdchen-Stadtführung durch Sülz: Es lebe der kölsche Kiosk

Die Preußen etablierten die ersten Trinkhallen, aus denen später die Büdchen wurden.

Der Geschmack der Kindheit. Stadtführer Bruno Knopp verteilt tütchenweise Ahoi-Brause mit Himbeer- und Waldmeister-Aroma, augenzwinkernd. Die Papierpäckchen sind heute Teilnahmetickets, für seine „Sülzer Büdchentour“.

Sie ist auch eine Exkursion in die Vergangenheit. An Station Nummer eins, dem Kiosk von Karen Soren am Gottesweg, Ecke Luxemburger Straße, gibt es außer der Brause noch ein Flaschenbier – und eine Lektion in Büdchen-Geschichte. Ein Kiosk stand hier schon immer.

Kaffeebuden im Rheinland vor 150 Jahren entstanden

Die Kaffeebud und ihre Artverwandten, sagt Knopp, seien im Rheinland und im Ruhrgebiet vor rund 150 Jahren entstanden. Die Obrigkeiten und gutbürgerliche Gesellschaft hätten die Trunksucht in der Arbeiterschicht einschränken wollen. Ursprünglich hätten die Unternehmer ihre Arbeiter selbst gerne mit Schnaps bei Laune gehalten und in den Pausen manchen Klaren ausgeschenkt.

Später habe man gemerkt, dass es ein Fehler war, angetrunkene Arbeiter in die Stollen oder an die Fließbänder der Stahlproduktion zu lassen. So stellten die Kommunen und auch manche Fabrikbesitzer Mineralwasserherstellern Grundstücke zur Verfügung, um dort Verkaufsstellen zu eröffnen.

Wohl erst seit der Nachkriegszeit sei am Büdchen Alkohol verkauft worden, so Knopp. Aber nur in Flaschen – zum Genuss einige Meter entfernt. Denn den klassischen Kiosken fehlte die Genehmigung zum Alkoholausschank. „Nach dem Krieg“, schildert der Fachmann, hätten Büdchen oft Witwen und Kriegsversehrten ein Einkommen verschafft.

Standorte der Kioske waren immer schon belebte Straßen

Sie entstanden dort, wo viele Menschen waren, an belebten Straßen, Bahnhaltestellen, so wie an der Ecke Luxemburger Straße, Gottesweg. „Zwischenzeitlich war die kleine Verkaufsbude auch mal ein Blumen-Fachgeschäft“, sagt der Sülzkenner. „Blumen Mückel, genannt das Mückel-Center.“ Heute gibt es Kippen und Kölsch.

Vor dem nächsten Kiosk, Ecke Siebengebirgsallee, Petersbergstraße, präsentiert Knopp Kapitel zwei der Büdchenkunde, eine Typologie: Das Eckkiosk sei eine andere Büdchenform als das freistehende, sagt der Experte. Es ist der Typ, der einen Lebensmittelladen ersetzte. Die Lampen im Innenraum des Kiosks hängen in einem Bogen von der Decke, vollziehen die Form einer Theke in Nierenform nach, die hier in den 50er-Jahren wohl stand.

Damals habe sich in dem Laden eine Metzgerei befunden, sagt Knopp. Sie habe weichen müssen, als in den 70er-Jahren der Siegeszug der Supermärkte begann. „Hier im Viertel gab es einen, der hieß »Der böse Wolf«. Der Besitzer der Kette habe seine Filialen in Anlehnung an seinen Nachnamen so getauft, selbstironisch.

Supermärkte bedrohten Tante-Emma-Läden in Köln

Denn der Supermarkt schürte Existenzängste bei Tante-Emma-Ladenbesitzern. „Der böse Wolf“ hatte eine große Fleischtheke – die Fleischerei nebenan gab auf. Kioske ergänzten aber das Warenangebot außerhalb der Supermarktöffnungszeiten. Sie sind Treffpunkt im Veedel, „der Ort, wo man nachfragt, wenn man einen Klempner braucht oder jemanden, der mal auf die Oma aufpasst, ein Stück Heimat“, sagt Knopp. „Heute kämpfen sie mancherorts ums Überleben.“

Die verlängerten Öffnungszeiten der Supermärkte machen die Notversorger überflüssig. Einfallsreiche Büdchenbesitzer hätten Gegenstrategien entwickelt, berichtet Tourleiter Knopp, wie die Betreiber der Kaffebud „Savoca“ im Gottesweg, die er jetzt ansteuert. Italienischer Kaffee, hochwertige Weine, Senf, Vinaigrette, leckeres Eis, Snacks und ein paar besonders gemütliche Sitzplätze hinter dem Ladenfenster und vor der Tür locken die Kundschaft.

Traum von Selbstständigkeit mit einem eigenen Kiosk

Grischa Savoca, ehemals Abteilungsleiter der Lebensmittelabteilung des Galeria Kaufhof, hat sich mit dem Café-Kiosk den Traum von der Selbstständigkeit erfüllt. Sein Vater hat es vorgemacht. Er kam aus Sizilien und betrieb in Köln eine Pizzeria.

Savoca ist mehr als bloßer Besitzer eines Büdchens mit italienischem Flair, er ist auch Wirt und bester Kumpel. „Klar“, sagt er, der Name Grischa ist nicht italienisch, sondern russisch.“ Er sei das Ergebnis einer Laune seiner Mutter. „Sie war so 'ne Hippiebraut“, sagt er. Immer wieder muss der junge Mann die Herkunft seines Vornamens erklären. Savoca sieht nicht so aus, als ob ihn das stört.

Kaffee, Eis und lustige Geschichten machen es den Besuchern schwer, sich loszureißen. Doch es steht noch ein Büdchen auf dem Programm: Es befindet sich am Nikolausplatz und ist laut Knopp einer der ältesten Kioske der Stadt. Doch heute können die Nachbarn hier keine Getränke und Süßigkeiten mehr erwerben. Das Büdchen ist geschlossen. 

Nächste Büdchentour in Köln-Sülz am 7. April

Anwohner haben es liebevoll grün getüncht. Erinnerungen vieler Sülzer hängen an der Bretterbude. Knopp plaudert über Puffreistütchen und Lakritz. In Gedenken an die guten alten Zeiten gibt es einen Schnaps und eine Lektion im Schokokussbrötchenbauen.

Für jeden Führungsteilnehmer hat der Leiter ein Brötchen dabei und einen schokoschaumigen Belag. Er klebt am Gaumen der Besucher, lange nachdem sie ihren Heimweg angetreten haben, und schmeckt nach Schulpausen in den 80er-Jahren.

Die nächsten Büdchentouren sind am Freitag, 7. April, und Freitag, 21. April, jeweils 19 Uhr. Treffpunkt: Ecke Luxemburger Straße/Gottesweg; Anmeldung auf der Homepage. Mehr Infos unter www.stadtfuehrung-koeln-individuell.de.

Büdchen und Kioske kann man auch in anderen Stadtteilen erleben. Und es machen auch immer wieder neue auf, wie das „King Georg Büdchen“ am Ebertplatz.

Eine kleine Büdchen-Kunde

„Büdchen“ ist kein rechtlich definierter Begriff und entstammt dem Volksmund. Das Ordnungsamt, das für die Genehmigung zuständig ist, unterscheidet zwischen Kiosk und Trinkhalle. Ein Kiosk ist eine Art Tante-Emma-Laden. Dort dürfen neben Getränken, Süßigkeiten und Zeitungen weitere Waren verkauft werden.

Betriebszeiten sind gesetzlich geregelt

Die Betriebszeiten unterliegen den Ladenöffnungszeiten, Sonderöffnungen zum Verkauf etwa von Backwaren, Zeitungen und Blumen (auch an Sonn- und Feiertagen) sind gesetzlich geregelt.

Eine Trinkhalle ist vom Grundsatz her ein gastronomischer Betrieb, der Alkohol verkaufen, aber nicht ausschenken darf. Flaschenbier darf er nicht öffnen, Kunden müssen es mitnehmen. Die Öffnungszeiten richten sich nach dem Gaststättengesetz. Trinkhallen können damit Tag und Nacht geöffnet haben, eine Sperrstunde von 5 bis 6 Uhr ist zu beachten ist. (se)...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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