Bas: Erste Würdigung queerer Opfer im Bundestag ist Mahnung auch für Gegenwart

Mit einer feierlichen Gedenkstunde will der Bundestag am Freitag einer Opfergruppe des Nationalsozialismus gedenken, deren Leid und deren fortdauernde Verfolgung auch nach 1945 noch lange verschwiegen wurde: Schwulen, Lesben, Transsexuellen und anderen. Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) sagte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP, die erste Gedenkstunde für Angehörige sexueller Minderheiten im Plenum solle ein Zeichen gegen die Diskriminierung setzen – bis in die Gegenwart hinein.

"Es ist wichtig zu zeigen: Im Nationalsozialismus hat es diese Opfer gegeben - und auch nach dem Krieg hat es noch Verfolgung gegeben", sagte Bas. "Mir ist diese Gruppe wichtig, auch weil sie heute immer noch von Diskriminierung und Anfeindung betroffen ist."

Die Gedenkstunde für die queeren NS-Opfer sei für sie auch ein "persönliches Anliegen", sagte Bas. Die Bundestagspräsidentin verwies darauf, dass die Verfolgung sexueller Minderheiten mit dem Ende des Nationalsozialismus nicht vorüber war. Vor allem schwule Männer, aber auch lesbische Frauen und Transsexuelle mussten mit strafrechtlicher Verurteilung und gesellschaftlicher Ächtung rechnen.

Der Strafrechtsparagraf 175, der - auch einvernehmlichen - Geschlechtsverkehr unter erwachsenen Männern kriminalisierte, galt in der Bundesrepublik bis 1969 unverändert fort. Rund 50.000 Männer wurden in der Bundesrepublik auf Grundlage dieses Paragrafen verurteilt.

Auch dieses Unrecht soll laut Bas in der Gedenkstunde thematisiert werden. "Wir ziehen in der Gedenkstunde eine Parallele zu dem sogenannten 'Schwulenparagrafen', der erst sehr spät aufgehoben wurde", sagte die Bundestagspräsidentin. "Bis es Entschädigungszahlungen gab, haben viele schon gar nicht mehr gelebt."

Der Bundestag erinnert jedes Jahr am 27. Januar – dem Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen 1945 - in einer Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus. In der Vergangenheit standen dort oft bestimmte Opfergruppen im Mittelpunkt - nie jedoch die Angehörigen sexueller Minderheiten. Seit 2018 lag dem Bundestag eine Petition vor, die einen solchen Gedenktag für die queeren Opfer des Nationalsozialismus forderte.

Auch der Lesben- und Schwulenverband habe "sehr engagiert dafür geworben, diese Opfergruppe im Rahmen der Gedenkstunde besonders zu würdigen", sagte Bas. "Auch mir persönlich sind die Anliegen der queeren Community sehr wichtig - und wir waren uns im Präsidium des Deutschen Bundestages fraktionsübergreifend schnell einig."

Bas wird die Gedenkstunde am Freitag mit einer Ansprache eröffnen. Die Gedenkrede wird die Holocaust-Überlebende Rozette Kats halten. Eine weitere Rede wird Klaus Schirdewahn halten, der 1964 wegen sexueller Beziehungen zu einem anderen Mann verurteilt worden war. Der Schauspieler Jannik Schümann und die Schauspielerin Maren Kroymann werden Texte über zwei Opfer vortragen, deren Lebensgeschichten exemplarisch für die Verfolgung sexueller Minderheiten während des Nationalsozialismus sind.

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