Bavarian Angst

München erwartet auf dem Oktoberfest wieder Millionen Besucher. Aber dieses Jahr ist alles anders, der Terror, der weit weg war, scheint plötzlich wieder ganz nah zu sein. München diskutiert, wie sicher es selbst noch ist – Eindrücke aus einer gespaltenen Stadt.

Von Maximilian Gerl

Bevor sie nach Hause gehen, wollen Monika und ihre Freundin ins “Enterprise”. Das Fahrgeschäft ist eine der Attraktionen auf dem Oktoberfest, es  sieht aus wie ein Riesenrad, aber es dreht sich schneller und die Gondeln sind fixiert. Am höchsten Punkt der Fahrt stehen die Passagiere Kopf. Kurzerhand stellen sich Monika und ihre Freundin an der Kasse an. Die Bombe explodiert.

Schwerster Anschlag der Nachkriegszeit auf dem Oktoberfest

Das Oktoberfestattentat vom 26. September 1980 gilt als schwerster Terroranschlag in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine Rohrbombe, versteckt in einem Mülleimer am Haupteingang zum Oktoberfest, tötete 13 Menschen. 221 Personen wurden teils schwer verletzt. Das Attentat traf eine verunsicherte Republik: Nach den blutigen Terrorjahren durch die RAF hatten alle auf ruhigere Zeiten gehofft.

Seitdem sind 36 Jahre vergangen. An das Attentat von damals denkt kaum einer mehr. Das Oktoberfest, das größte Volksfest der Welt, zieht jedes Jahr Millionen Besucher an. Auch die Einheimischen freuen sich, wenn die Wiesn beginnt, wie sie ihr Fest nennen: Vielen gelten die zweieinhalb Wochen zwischen September und Oktober als “fünfte Jahreszeit”. Aber dieses Jahr ist alles anders.

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Die Hotels müssten restlos belegt sein, aber sie verzeichnen weniger Buchungen. Tische in den Bierzelten, die ein Jahr im Voraus reserviert wurden, werden plötzlich storniert. Zwei Trachtenvereine haben ihre Teilnahme am traditionellen Festumzug zur Wiesn abgesagt: zu gefährlich, heißt es.

Es scheint, als habe der Terror wieder das Oktoberfest erreicht. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Als es damals knallte, dachte Monika an einen platzenden Luftballon. Monika, der Vorname genügt, passierte nichts. 50 Meter lagen zwischen dem “Enterprise” und dem Eingang: genug, um von der Explosion verschont zu bleiben, “nah genug, um die Menschen am Boden liegen zu sehen”. Wenn Monika heute davon erzählt, merkt man, wie unwirklich ihr die Situation vorgekommen sein muss: “Du rechnest ja nicht damit, dass etwas explodiert.”

Der Terror ist wieder nahe

Der Terror ist den Münchnern wieder sehr nah gekommen. Erst verletzte im Juli in Würzburg ein 17-Jähriger mit einer Axt fünf Menschen zum Teil lebensgefährlich. Knapp eine Woche später sprengte sich in Ansbach ein Flüchtling in die Luft, 15 Menschen wurden verletzt. In beiden Fällen kamen die Sicherheitsbehörden zum Schluss, dass die Attentate einen islamistischen Hintergrund hatten.

Und dann war da noch der Amoklauf in einem Münchner Einkaufszentrum mit zehn Toten. Er hatte keinen terroristischen Hintergrund, fühlte sich aber wie Terror an. Die Polizei riegelte München eine Nacht lang ab, Gerüchte machten die Runde, dass schwerbewaffnete Schützen unterwegs seien. Einsatzkräfte rasten mit Blaulicht durch die Straßen. Taxifahrer weigerten sich, Fahrgäste zu befördern – aus Angst, ihre Passagiere könnten Terroristen sein.

Eine solche Nacht möchte niemand in München noch mal erleben. Jeder geht damit anders um. So teilt sich die Stadt dieser Tage in zwei Hälften: in diejenigen, die das Oktoberfest meiden, und in diejenigen, die trotz allem hingehen werden. Karl-Heinz Knoll sagt: “Ich habe vollstes Verständnis für jeden, der nicht auf die Wiesn raus will. Das muss jeder selbst entscheiden.”

Knoll ist Präsident des Festrings, der Trachtenverein organisiert jedes Jahr den Festumzug. Seit zwei Gruppen ihre Teilnahme daran abgesagt haben, ist Knoll ein begehrter Gesprächspartner. Der Bayerische Rundfunk wollte ihn für eine TV-Runde zum Thema Sicherheit gewinnen, aber Knoll lehnte ab: “Ich bin kein Sicherheitsexperte.”

Wiesn-Funktionär kritisiert “German Angst”

Knoll stören am Angstgerede zwei Dinge. Erstens: Die Menschen hörten zu wenig den Sicherheitsexperten zu, dabei könnten diese die Lage am besten einordnen. Zweitens: Die Medien befeuerten die Ängste der Menschen. “Es wäre wichtiger, ihnen zu erklären, dass es absolute Sicherheit niemals geben kann”, sagt Knoll. Ob auf der Wiesn, im Straßenverkehr oder bei einer Wanderung in den Alpen, es könne immer und überall etwas geschehen. In anderen Ländern gingen die Menschen rationaler und letztlich entspannter mit Risiken um. In Deutschland dagegen herrsche  die “German Angst”, sagt Knoll. Eine typisch deutsche Überreaktion, immer das Schlimmste zu befürchten.

Die schwer greifbare Verunsicherung, die derzeit in Deutschland umgeht, zeigt sich auch in München. Hier ist sie zumindest nachvollziehbar. Das Oktoberfest gilt seit Jahren als theoretisches Anschlagsziel – aber die meisten Münchner haben das verdrängt. Sie sind es gewohnt, wie in ihrer Stadt die Dinge gemütlich vor sich hin laufen. Gleichzeitig hat sich München immer als weltoffen verstanden. Die jüngsten Ereignisse bedrohen das Selbstbild.

Polizei und Rathaus nehmen die Verunsicherung ernst. Der Stadtrat hat beschlossen, das Gelände mit einem Sicherheitszaun zu schützen. An den Eingängen soll kontrolliert werden, Taschen und Rucksäcke sind verboten. 450 Ordner werden im Einsatz sein, 200 mehr als bisher.

Galerie: Das müssen Sie über die Sicherheitsvorkehrungen auf der Wiesn wissen

Knoll hat vollstes Vertrauen in die Sicherheitskräfte. “Ich werde auch dieses Jahr wieder oft auf der Wiesn sein”, sagt er. Monika hat eine Tischreservierung in einem der Zelte, aber sie wird wahrscheinlich nicht hingehen, wie  viele ihrer Freunde. Sie sagt, sie habe ein mulmiges Gefühl: “Man muss es ja nicht darauf anlegen.”

Bilder: dpa

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