"Mit einem Bein im Knast": Emotionaler Talk-Auftakt bei Marco Schreyl

Carmen Schnitzer
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"Mit einem Bein im Knast": Emotionaler Talk-Auftakt bei Marco Schreyl

Vaterschaftstests, Sexgeständnisse und Gebrüll - in Nachmittagstalkshows auf Privatsendern gab's oft ordentlich Krawall. RTL-Moderator Marco Schreyl knüpft in der nach ihm benannten Sendung lieber an die frühen Tage des TV-Formats an. Sein erstes Thema: "Pflegenotstand: ein Problem, keine Lösung?"

Braucht's das wirklich? Zugegeben, als RTL ankündigte, mit der wochentäglichen 16-Uhr-Sendung "Marco Schreyl" den in den 1990er- und 2000er-Jahren so beliebten Daily Talk wiederzubeleben, konnten einem schon Zweifel kommen. Zu sehr klingelten einem noch die Ohren, wenn man an all die Betrogenen und Betrüger dachte, die Möchtegern-Sexbomben und armen Teufel, die da vorgeführt wurden. Die Älteren unter uns aber erinnern sich vielleicht, dass zumindest in den Anfangsjahren bei Hans Meiser, Ilona Christen und Co. nicht nur über private, sondern auch über gesellschaftsrelevante Probleme diskutiert wurde - und das mitunter gesittet.

Hier setzte Marco Schreyl (46), bekannt unter anderem als Ex-DSDS-Moderator, in der ersten Folge der nach ihm benannten Talkshow an. Über das Thema "Pflegenotstand: ein Problem, keine Lösung?" sprach er mit Experten und Betroffenen, die teilweise in Sesseln auf einer kleinen Bühne, teilweise auf Sofas vor dem Publikum saßen. Besonders berührte dabei das Schicksal der Münchnerin Pınar Baştürk (36), deren zehnjährige Tochter Elif Su an einer Spinalen Muskelatrophie mit Zwerchfellparese (Atemnot) leidet, weshalb sie 24 Stunden täglich betreut werden muss.

Zwar wird sie zeitweise von Krankenschwestern unterstützt, den Großteil der Pflege aber übernimmt die junge Mutter selbst, weshalb sie derzeit nicht als Steuerfachangestellte arbeiten kann. Sie sprach tapfer über ihr Leben, doch die Erschöpfung und Verzweiflung waren ihr anzumerken: "Warum gibt es keine Zahlung für Angehörige vom Staat? Ich musste meinen Beruf aufgeben und bekomme nichts außer das Pflegegeld. Nichts zum Leben. Ich leiste mehr Arbeit als eine Vollzeitangestellte."

Auch die Kinderkrankenschwester Jeannine Fasold (47) klagte das System an: "Wir stehen oft mit einem Bein im Knast." Denn viel zu oft gäbe es einfach zu wenige Pflegekräfte auf zu viele Patienten, was eine angemessene Versorgung schier unmöglich macht.

Die psychische Belastung ist das Schlimmste

Dass das Thema "Pflege" auch die heute Gesunden eines Tages treffen könnte, besprach Marco Schreyl unter anderem mit seinem Kollegen, dem RTL-Reporter Jenke von Wilmsdorff (54), der in seiner Sendung "Das Jenke-Experiment" sowohl in die Rolle eines Pflegers geschlüpft war als auch in die eines alten Menschen, der sich kaum noch bewegen kann und der bis hin zur Intimpflege bei fast allem Hilfe braucht.

Seine Erkenntnis: "Die psychische Belastung hat mich am meisten belastet." Natürlich habe er - wie in der abschließenden Umfrage 89 Prozent des Publikums - Angst davor, eines Tages zum Pflegefall zu werden, auch wenn er betonte, dass es auch gute Pflegeplätze gebe.

Dass es nicht die eine Lösung für die Problematik gibt, machte Dr. Bodo de Vries deutlich, seines Zeichens Vorsitzender des Deutschen Evangelischen Verbandes für Altenarbeit und Pflege (DEVAP): "Der demografische Wandel ist längst da!" Es brauche eine Vielzahl verschiedener Ansätze und sei naiv zu glauben, "dass mehr vom Gleichen die Lösung sein wird." Weder die Orientierung an deutlich bevölkerungsärmeren Ländern wie Schweden oder den Niederlanden noch die von Gesundheitsminister Jens Spahn propagierten osteuropäischen Pflegekräfte allein könnten den Pflegenotstand beheben.

Nein, die im Sendungstitel angesprochene Lösung konnte man tatsächlich nicht finden. Auch hätte etwas mehr Kontroversität der Sendung vielleicht mehr Pfiff gegeben - etwa durch die Einladung eines Politikers -, doch insgesamt lässt sich als Fazit festhalten: Das Thema war brisant, der Talk und sein Moderator angenehm unspektakulär. Ob es dabei bleiben und ob das RTL-Publikum das Format unter diesen Umständen annehmen wird? Das werden die nächsten Wochen zeigen.