Berlinale: „Berlin Alexanderplatz": Der Trugtraum vom guten Menschen

Die Welt steht buchstäblich Kopf zu Beginn dieses Films. Zwei Menschen treiben entkräftet auf offenem Meer. Die Kamera filmt das aber verkehrt herum. Wer untergeht, steigt damit quasi direkt in den Himmel auf. Einer von beiden aber taucht wieder auf, erreicht mit letzter Kraft einen Strand und bricht dort völlig erschöpft zusammen.

Sein altes Leben hat er hinter sich gelassen. Jetzt will er ein neues beginnen. Und fortan gut sein, so sein Schwur, ein neuer, ein besser Mensch. Jella Haases Erzählerstimme aus dem Off erklärt aber sogleich, dass ihm das nicht gelingen wird. Dass der Neubeginn nur eine Gnadenfrist ist. Dass er in Berlin, wo er landet, drei Schicksalsschläge erleiden, dass er sich dort drei Mal wieder aufrappeln wird. Bis er endgültig untergeht.

Der epochale Roman radikal neu und ganz aktuell

Mit „Berlin Alexanderplatz“ hat Burhan Qurbani Alfred Döblins Buchklassiker – knapp 90 Jahre nach der Erstverfilmung mit Heinrich George und 40 Jahre nach der legendären Serie von Rainer Werner Fassbinder mit Günter Lamprecht – radikal neu verfilmt. Einfach, indem er die Handlung in die heutige Zeit verlegt. Und die Hauptfigur Franz Biberkopf zu einem Flüchtling aus Westafrika namens Francis B. verwandelt.

Der gute Francis (Welket Bungué) und seine Nemesis, der körperlich wie seelisch verwachsene Reinhold (Albrecht Schuch, l). Frederic Batier / dpa

Diese zwei eigentlich simplen Kunstgriffe reichen schon aus, um das epochale Werk ganz modern und ganz gegenwärtig zu machen. Weil einem Staatenlosen ohne Arbeitserlaubnis im heutigen Berlin das Leben so schwer, so unmöglich gemacht wird wie dem Ex-Häftling Biberkopf anno 1929.

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