Berliner Runde: Der seltsame Auftritt von SPD-Chef Schulz

Berliner Runde

Natürlich ist es unfair, an Wahlabenden kurz nach den ersten Hochrechnungen tiefgründige Analysen zu erwarten. Aber müssen es immer dieselben Floskeln sein? Für eine solche Diskussionsrunde braucht man im Prinzip nur fünf Satzbausteine. Die lauten: „krachende Niederlage“, „dramatische Verluste“, „in Ruhe analysieren“, „großartiger Abend“, „mit allen Demokraten reden.“ Am Sonntagabend ließ sich das einmal wieder in der „Berliner Runde“ beobachten.

Doch zunächst die Fakten: CDU/CSU bleiben stärkste Fraktion. Allerdings erlitt die Union hohe Verluste. Einen erneuten Tiefpunkt erreichte die SPD, die mit gut 20 Prozent nur noch rund sieben Punkte vor der drittstärksten Partei, der AfD liegt. FDP, Grüne, Linke erreichen zwischen 9 und 10 Prozent.

Angela Merkel (CDU) sagte zum schlechtesten Wahlergebnis ihrer Kanzlerschaft: „Ich bin nicht enttäuscht, ich danke den Wählerinnen und Wählern.“

Martin Schulz (SPD) beschönigte seine Niederlage so: „Zunächst haben wir ein bitteres Ergebnis erzielt, aber auch die CDU hat eine verdiente Niederlage eingefahren.“

Katja Kipping (Die Linke), deren Partei von der stärksten Oppositionspartei wohl zur kleinsten Fraktion wird, sagte: „Wir gehören zu den Gewinnern, wir haben zugelegt.“

Ähnlich äußerten sich CSU, Grüne und FDP, wobei die FDP tatsächlich zu den Gewinnern zählt. Genauso wie die AfD, für die gut 13 Prozent der Wähler stimmten.

Martin Schulz weiter im Wahlkampfmodus

Dass die Sendung nicht wie üblich dahinplätscherte, war Martin Schulz zu verdanken. Schulz war auf Krawall gebürstet. Zunächst attackierte er Merkel. Die Bundeskanzlerin habe einen „skandalösen Wahlkampf“ geführt. Das sei „Verweigerung von Politik“ gewesen und habe die AfD stark gemacht.

Anschließend prophezeite Schulz, er wisse ganz genau, dass Merkel eine Jamaika-Koalition mit FDP und Grünen bilden werde. „Frau Merkel wird jedem Kompromiss zustimmen, um das Kanzleramt zu behalten“, erklärte er. Auch die CSU werde sich einem Bündnis mit Grünen und FDP nicht verweigern, denn die Bayern seien nur ein „Anhängsel der CDU.“ Das ist natürlich ein Witz, angesichts des monatelangen Störfeuers aus München in Richtung Berliner Kanzleramt.

Die Moderatoren der Berliner Runde

Als Moderator Peter Frey Schulz bat, doch endlich seine Frage zu beantworten, explodierte der Kanzlerkandidat: „Es wäre schön, wenn Sie mich meine Gedanken zu Ende führen lassen”, schimpfte Schulz. „Ich bin es ja mittlerweile gewohnt, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ständig unterbrochen zu werden.“ So dünnhäutig sah man Schulz selten.

Die Vertreter der anderen Parteien reagierten irritiert auf seine Wutrede. Katrin Göring-Eckardt von den Grünen sagte: Herr Schulz, es hilft nicht, wenn Sie in Ihrer Stimmung, schon den nächsten Wahlkampf führen.“

Christian Lindner antwortete sichtlich erstaunt: „Herr Schulz, Sie reden sich um Kopf und Kragen.“

Merkel gab sich betrübt. „Ich bin traurig, Herr Schulz, dass Sie unsere Erfolge in der Großen Koalition so schlecht reden.“ Überrascht war die Kanzlerin, dass die SPD Koalitionsverhandlungen mit der Union kategorisch ausschloss. Sie appellierte an die Verantwortung von Schulz, was beim SPD-Chef zu erneuten Eruptionen führte. „Es ist ein starkes Stück, dass Sie von uns Verantwortung verlangen“, echauffierte er sich. Sein Auftritt erinnerte an die legendäre Elefantenrunde mit Gerhard Schröder am Wahlabend 2005. Seinerzeit polterte der SPD-Wahlverlierer ebenfalls gegen Merkel und die Moderatoren.

AfD-Vize Meuthen: “Kaum noch Deutsche in deutschen Großstädten.”

Den zweiten bemerkenswerten Auftritt des Abends hatte Jörg Meuthen. Der AfD-Politiker sagte: „Wir machen Politik für das deutsche Volk und dazu gehören auch Menschen mit Migrationshintergrund.“ Damit dürfte er sich bei seinen Wählern nicht nur Freunde gemacht haben. Danach betonte Meuthen: „Wir haben keine rassistischen oder rechtsextremen Positionen in unserer Partei.“ Vielleicht hatte Meuthen vergessen, dass seine Parteifreunde von „Mischvölkern“, „Schuldkult“ und „Stolz auf die deutsche Wehrmacht“ halluzinieren und eine SPD-Politikerin „entsorgen“ möchten.

Verhilft der Einzug in den Bundestag der AfD zu einer neuen Sachlichkeit? Eher nicht. Schon kurz nach seinem Bekenntnis gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit fiel Meuthen zurück in seine ganz eigene Welt aus Ressentiments. „Ich sehe in deutschen Großstädten kaum noch Deutsche”, behauptete Meuthen ernsthaft.  Später drohte er: „Wir holen uns unser Land zurück.“ Damit suggerierte der AfD-Mann, dass seine Partei für die Mehrheit der Bürger spricht. Tatsächlich repräsentiert die Partei nur eine Minderheit. Denn 87 Prozent der Wähler – das sollte man auch an diesem Wahlabend nicht vergessen – haben nicht für die AfD votiert.

Autor: Frank Brunner

Sehen Sie im Video: Martin Schulz: Ein klassischer Sozialdemokrat


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