Berufungsprozess zum tödlichen Appetitzügler Mediator beginnt in Paris

Hunderte Menschen sind nach der Einnahme des Appetitzüglers Mediator in Frankreich gestorben, sein Hersteller aber hatte die Risiken jahrelang verschwiegen - seit Montag muss sich das zweitgrößte französische Phamaunternehmen Servier im Berufungsprozess erneut vor Gericht verantworten. "Sie wussten von Anfang an um die schweren Nebenwirkungen", sagte Jean-Christophe Coubris, Anwalt von etwa 2500 Zivilparteien an den Konzern gerichtet. Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück.

In erster Instanz war Servier 2021 zu 2,7 Millionen Euro Strafe verurteilt worden. Die Richter befanden das Pharmaunternehmen der "schweren Täuschung" und "fahrlässigen Tötung" für schuldig. Servier war jedoch vom Vorwurf des Betrugs und des Erschleichens der Marktzulassung freigesprochen worden. Deswegen gingen die Zivilparteien in die Berufung.

Das Diabetes-Medikament wurde mehr als drei Jahrzehnte lang in Frankreich etwa fünf Millionen Menschen verschrieben. Viele nutzten es zum Abnehmen. Es wurde erst 2009 vom Markt genommen, obwohl es schon Mitte der 1990er Jahre Anzeichen für schwere Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen gab. Die Zahl der Todesfälle wird auf mehrere Hundert geschätzt.

Servier gab an, vor 2009 nicht von den Risiken gewusst zu haben. In den USA, Spanien und Italien hatten die Behörden Mediator bereits Jahre zuvor verboten.

Der frühere Vize-Konzernchef Jean-Philippe Seta, die rechte Hand des 2014 gestorbenen damaligen Konzernchefs Jacques Servier, war in erster Instanz zu vier Jahren Haft auf Bewährung und zur Zahlung von 90.600 Euro verurteilt worden.

Die französische Arzneimittelbehörde ANSM musste 303.000 Euro zahlen, weil sie das Mittel zu spät vom Markt nahm. Das Gericht warf ihr vor, in ihrer Rolle als Aufsichtsbehörde "gravierend versagt" zu haben. Sie hat darauf verzichtet, in Berufung zu gehen.

Für den Berufungsprozess haben sich etwa 7.500 Zivilparteien gemeldet, die die Verhandlungen über ein Webradio verfolgen können. Der Prozess soll etwa sechs Monate dauern und findet im großen Gerichtssaal statt, der für Terrorprozesse eingerichtet worden war.

kol/yb