Die beste Dramedy des Jahres

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Von der Freundin verlassen, im Job unterbezahlt, die Musikkarriere gescheitert: Der Thirtysomething Josh Corman (Joseph Gordon-Levitt) fristet ein ihn nicht wirklich ausfüllendes Leben im Graubereich des kalifornischen Glücksversprechens. Die neue Dramedy von Apple TV+ ist ein echter Serien-Qualitäts-Tipp.  (Bild: Apple TV+)
Von der Freundin verlassen, im Job unterbezahlt, die Musikkarriere gescheitert: Der Thirtysomething Josh Corman (Joseph Gordon-Levitt) fristet ein ihn nicht wirklich ausfüllendes Leben im Graubereich des kalifornischen Glücksversprechens. Die neue Dramedy von Apple TV+ ist ein echter Serien-Qualitäts-Tipp. (Bild: Apple TV+)

Viele Kreative würden gern mit einer Serie über den bittersüßen Geschmack des Lebens reüssieren. Hollywood-Charakterdarsteller und Autor Joseph Gordon-Levitt gelingt in der TV-Königsdisziplin mit der zehnteiligen Dramedy "Mr. Corman" auf Apple TV+ (ab Freitag, 6. August) ein großer Wurf.

Wie ist es, wenn man mit Mitte, Ende 30 noch nicht in die Spur gefunden hat? Wenn man trotz großer Pläne, guter Ausbildung und viel Talent als schlecht bezahlter Lehrer zehnjährigen Schülern Geschichte beibringen soll. Wenn einen die Freundin verlassen hat und man wieder wie in Studentenzeiten mit dem Kumpel gemeinsam in einem kleinen Apartment lebt? Die wunderbare Serie "Mr. Corman" auf Apple TV+ erzählt ab 6. August in zehn Episoden à etwa 30 Minuten von dieser "Schmach" - und das auf wunderbar tiefsinnige, manchmal ungemein komische, vor allem aber sehr anrührende Weise.

Schauspiel-Star Joseph Gordon-Levitt, 40, ist Showrunner, Autor und Hauptdarsteller der Serie. Sein zerknautschtes und doch irgendwie attraktives Gesicht kennt man aus der Indie-Kult Romantic Comedy "500 Days of Summer" mit Zooey Deschanel. Oder aus Filmen wie "The Dark Knight Rises", wo er John Blake spielt, oder als Edward Snowden in Oliver Stones "Snowden".

Joseph Gordon-Levitt, im wahren Leben wohl Gott sei Dank glücklich verheiratet und Vater zweier Kinder, spielt in seinem Dramedy-Serienwerk vielleicht ein bisschen sich selbst - in einem weniger erfolgreichen Paralleluniversum. Eigentlich war Josh Corman nämlich auf dem Weg, ein erfolgreicher Musiker zu werden und mit Ex-Freundin Megan hätte er sich im San Fernando Valley auch eines jener erfolgreichen zufriedenen Leben "bauen" können, für die Kalifornien ja irgendwie steht. Doch der "Persuit of Happiness" läuft nicht immer glatt, und so hängt Joshs Leben irgendwie zwischen den Polen Katastrophe und Glück. Sein Job ist okay, wenn auch schlecht bezahlt. Über Kumpel Victor (auch wunderbar: Arturo Castro) als herzensgutem Mitbewohner kann man im Prinzip auch nicht meckern. Und Joshs Mutter (Debra Winger) ist zwar eigenwillig, aber letztlich auch verständnis- und liebevoll.

Bis in die kleinsten Nebenrollen großartig besetzt und mit wunderbaren Dialogen versehen: Juno Temple and Joseph Gordon-Levitt in der zehnteiligen Dramedy "Mr. Corman" auf Apple TV+. (Bild: Apple TV+)
Bis in die kleinsten Nebenrollen großartig besetzt und mit wunderbaren Dialogen versehen: Juno Temple and Joseph Gordon-Levitt in der zehnteiligen Dramedy "Mr. Corman" auf Apple TV+. (Bild: Apple TV+)

Lebensglück auf tönernen Füßen

Dennoch sieht Josh sein Leben vom Abrutschen bedroht. Es wäre ein Abrutschen in den Schlund des Scheiterns. Ein erwachsenes Leben in Depression und Bedeutungslosigkeit. In einer grandiosen, wiederkehrende Szene schaut Josh immer mal wieder Menschen hinterher, die irgendwo am Rand des Bildes schemenhaft alleine von dannen trotten. Es könnten Obdachlose sein, von denen es in L.A. ja bekanntlich viele gibt, vielleicht auch einfach unglückliche, einsame Menschen. Was an der Szene so stark ist: Sie wird beiläufig eingeflochten, fast könnte man sie übersehen, aber für Josh Corman steht sie für die Erkenntnis, auf welch tönernen Füßen sein - unser - Lebensglück steht und wie fragil wir Mensch sind.

Die unterhaltsam kurzweiligen, aber nie erwartbar angelegten Episoden begleiten den Helden bei missglückten Dates, im Kampf um seine psychische Gesundheit oder einfach beim Lehren und Kreativsein. Leider arbeitet sich Mr. Corman mit seinem scharfen Verstand allzu oft an Diskussionen über grundsätzliche Fragen des Lebens ab. Alltagsbetrachtungen und Streits, die zwar für den Zuschauer ob der wirklich exzellent geschriebenen Dialoge ungeheuer lustig sind, aber die Figur nicht wirklich glücklich machen. Als Serie ist "Mr. Corman" auch deshalb ein echter Hit, weil sie immer wieder überrascht.

Musical-Einlage in "Mr Corman": Josh Corman (Joseph Gordon-Levitt) und seine Mutter (Debra Winger) sagen sich die Dinge, die sie sich schon immer mal sagen wollten, aber nie zu sagen trauten, per Gesangsduett. (Bild: Apple TV+)
Musical-Einlage in "Mr Corman": Josh Corman (Joseph Gordon-Levitt) und seine Mutter (Debra Winger) sagen sich die Dinge, die sie sich schon immer mal sagen wollten, aber nie zu sagen trauten, per Gesangsduett. (Bild: Apple TV+)

Apple TV+ in Sachen Serienqualität auf dem Vormarsch

Gerade, wenn man nach Folge zwei glaubt, man habe verstanden, wie das Produkt von Apple TV+ funktioniert, nämlich als tragikomische Generationserzählung über desorientierte Thirtysomethings in L.A., schießt die Erzählung komplett quer und sprintet noch mal zu neuen Kreativ-Ufern: mit einer wunderschönen Musical-Einlage (Debra Winger und Joseph Gordin-Levitt singen!) über unausgesprochene Liebe zwischen Mutter und Sohn. Die Folge "Mr. Morales", die komplett aus der Perspektive von Joshs Mitbewohner erzählt wird, macht dessen Vita zum Thema - ein Schicksal, das Victor Morales mit stoischem Optimismus erträgt. Auch diese vierte Episode ist nicht nur ungemein komisch und lebensecht, sondern auch ein echtes Stück Lebensphilosophie: Wie gut oder schlecht man die eigene Existenz betrachtet, liegt nämlich nicht nur an den objektiv benennbaren Schwierigkeiten, mit denen man zu kämpfen hat, sondern auch an Persönlichkeit und Einstellung.

Über seine rund zehn Stunden ist "Mr. Corman" eine lustige, traurige und vor allem zutiefst humanistische Serie, die beeindruckend subtil erzählt und auch in ihrer Schauspiel- und exzellenten Kameraarbeit - nicht zu vergessen die wundervolle Soundgestaltung und Musik - zum Besten gehört, was man in diesem Jahr an Serie zu sehen bekommt. Joseph Gordon-Levitts Werk ist ein weiterer Beweis dafür, wie stark sich Apples Streamingdienst in Sachen Serienqualität auf dem Vormarsch befindet.

In stillen Momenten gibt sich Josh Corman (Joseph Gordon-Levitt) dem kreativen Prozess hin. Früher war er mal auf dem Weg, ein vielversprechender Musiker zu werden.  (Bild: Apple TV+)
In stillen Momenten gibt sich Josh Corman (Joseph Gordon-Levitt) dem kreativen Prozess hin. Früher war er mal auf dem Weg, ein vielversprechender Musiker zu werden. (Bild: Apple TV+)
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