Was bewegt junge Berliner?: „Es gibt für unsere Generation keine Sicherheit mehr“

Wie tickt die Berliner Jugend? Ein Gespräch über Ängste und Vertrauen in Politik.

Die meisten jungen Menschen in Europa haben nur wenig Vertrauen in die Politik und Medien. Das ergab die kürzlich veröffentlichte Studie „Generation What?“, für die über 200.000 18- bis 34-Jährige an einer Online-Umfrage der Europäischen Rundfunkunion teilnahmen. Woher kommt dieses Misstrauen? Und wie wichtig ist Europa heute noch für junge Europäer? Wir haben die beiden Berliner Daniel Cohen (27) und Marie Deventer (20) gefragt, die ganz unterschiedliche Interessen haben.

In der Umfrage, über die wir sprechen möchten, wird Ihre Generation als „Generation What?“ bezeichnet. Wie würden Sie sie nennen?

Marie Deventer: Unsere Generation ist schwer zu fassen, aber ich finde den Begriff „Unentschlossen“ am passendsten. Die meisten meiner Freunde haben nicht direkt nach dem Abi Ausbildung oder Studium begonnen, sondern sind wie ich erst mal ins Ausland gegangen, um sich selbst zu finden – weil sie noch nicht wissen, was sie wollen. Weil es so viele Möglichkeiten und Chancen gibt.

Daniel Cohen: Das stimmt, man kann heute eigentlich alles machen, was man will. Egal, welchen sozialen Hintergrund man hat. Unsere Generation hat sehr viele Freiheiten – das ist toll, aber auch gefährlich. Gerade hier in Berlin erlebt man sehr viele junge Menschen, die sich selbst verwirklichen wollen und dabei die Kontrolle über ihr Leben verlieren. Dem gegenüber stehen viele extrem Kontrollierte, die auf  Bachelor oder Master studieren und dabei einen großen Leistungsdruck erleben.

Hat die Zeit im Ausland bei der Entscheidung geholfen?

Deventer: Vor allem hilft sie dabei, verschiedene Kulturen kennenzulernen und sein eigenes Land mehr wertzuschätzen – die Justiz und die geringe Korruption zum Beispiel. Ich war Deutschland gegenüber vorher viel kritischer, aber in Argentinien hat sich das geändert.

Cohen: Ich reise auch sehr viel und habe das ähnlich erlebt. Uns geht es schon sehr gut hier.

Den Ergebnissen der Umfrage „Generation What?“ zufolge vertrauen 34 Prozent der jungen Menschen der Justiz eher nicht. Auch der Politik nicht: 23 Prozent der Befragten in Deutschland haben in sie wenig bis gar kein Vertrauen. Geht es Ihnen auch so?

Cohen: Ein Grundvertrauen habe ich schon. Ob es enttäuscht wird, hängt ja immer davon ab, wie sehr man seine persönliche Zufriedenheit von der Einhaltung von Wahlversprechen abhängig macht. Oder ob man sich damit arrangiert, dass vieles eben nicht zu ändern ist. Ich kann meine Stimme für eine Regierung abgeben, aber das war es dann auch.

Deventer: Es gibt doch noch viel mehr als Wahlen. Bürgerbewegungen, Volksentscheide, Demos. Ich sehe es als demokratische Pflicht, sich für das zu engagieren, was man ändern will.

Cohen: Und auf welche Demos gehst Du?

Deventer: Zuletzt war ich bei der Anti-Pegida-Demo und auf der gegen TTIP und CETA. Wenn mir etwas wichtig ist, gehe ich dafür auf die Straße. Bei TTIP waren wir zehntausende und hatten viel mediale Aufmerksamkeit. Ich glaube schon, dass so etwas Politiker beeinflusst.

Cohen: Ich finde Dein Engagement toll, aber ich würde eher für eine gute Sache spenden, als selbst auf die Straße zu gehen. Ich möchte meine Freizeit nicht mit Wut verbringen, und wenn ich nur über Pegida nachdenke, macht mich das schon wütend. In  unserem Rechtsstaat sollte es gar nicht erst erlaubt sein, dass eine Partei existiert, die die Demokratie gefährdet. Sollte so etwas wie die NPD mal an die Macht kommen, wandere ich lieber aus.

Nationalistische Tendenzen sind in Europa gerade sehr verbreitet. Bereitet Ihnen das Sorge?

Deventer: Es ist erschreckend zu sehen, wie viele Menschen sich bei der AfD oder dem Front National aufgehoben fühlen – obwohl viele Politiker dort so offenkundig rassistisch auftreten. Gerade im weltoffenen Berlin hätte ich das nicht für möglich gehalten. Aber es ist wichtig, mit diesen Wählern in den Dialog zu kommen, anstatt das einfach so hinzunehmen.

Cohen: Viele Menschen, die noch nicht viel von der Welt gesehen haben, ticken nun mal so – alles Fremde macht ihnen Angst. Aber extreme Positionen gehören verboten, gerade angesichts unserer Geschichte.

Deventer: Ich finde die Existenz solcher Parteien ok und auch, dass sie in Talkshows eingeladen werden. Immerhin kann so jeder selbst sehen und merken, warum man sie bei der Bundestagswahl besser nicht wählen sollte.

Für Sie ist es die erste Bundestagswahl, Marie – für Sie, Daniel, die dritte. Sind Sie bisher immer hingegangen?

Cohen: Ich gehe wählen, wenn ich da bin. Es ist mir auch schon passiert, dass ich die Briefwahl verpasst habe.

Deventer: Also gehst Du wählen, wenn es sich ergibt, aber oberste Priorität hat es nicht?

Cohen: Genau. Zur Berlin-Wahl bin ich gegangen und habe für die FDP gestimmt, weil sie Tegel offenhalten will.

Deventer: Also entscheidest Du aufgrund einzelner Argumente?

Cohen: Genau – oder aufgrund der Personen. Ich lese nicht jedes einzelne Parteiprogramm. Bei der letzten Bundestagswahl habe ich für Merkel gestimmt, weil ich ihre Haltung gut finde.

Deventer: Ich auch. Aber die CDU regiert nun mal mit der CSU – und Seehofer ist für eine Obergrenze bei Flüchtlingen.

Cohen: Das ist in der Tat ein Problem.

Auch in der Umfrage „Generation What?“ wurde gefragt, für wen wir unsere Grenzen öffnen sollten. Was denken Sie?...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung

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