Billie Eilish: Millennial der Massen

(dms/spot)
Verwandelt Angst in Kunst: Billie Eilish beim Lowlands Festival 2019 (Bild: Shutterstock/Ben Houdijk)

Billie Eilish (18) singt tatsächlich den Titelsong zum neuen James-Bond-Film "Keine Zeit zu sterben", dabei ist sie gerade einmal 18 Jahre alt. Damit ist Eilish die jüngste Künstlerin aller Zeiten, der diese Ehre zu Teil wurde. Beatles-Mastermind Paul McCartney (77) war bei seinem 007-Theme "Live And Let Die" (1973) bereits 32, die Fab Four längst Geschichte.

Der Bond-Song ist für Billie Eilish die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Die Erfolgsgeschichte der Newcomerin ist wie ein einziger großer Song-Stream. Ihr Debütalbum "When we all fall asleep, where do we go?" wurde Ende März vergangenen Jahres veröffentlicht, ihre Songs mehrere Milliarden Mal gestreamt. Es ist das erste Album eines Millennials, das direkt auf Platz eins in den US-Charts einstieg. Dazu kommen ellenlange, ausverkaufte Tourneen durch Stadien und Headliner-Gigs bei den größten Festivals. Billie Eilish ist der aktuell größte Pop-Star der Welt und der wichtigste Teenager der Musikwelt.

Follower und Streams als Währung

Ihre Teenagerzeit hat die Sängerin dadurch allerdings verloren, bevor sie überhaupt angefangen hat. Als mit "Ocean Eyes" ihre Karriere beginnt, ist Eilish sportliche 13 Jahre alt. Den Song hat sie irgendwann einmal bei Soundcloud (!) hochgeladen. Dann folgt der Major-Deal bei Universal. Das Label braucht sie mehr als andersherum - Eilish ist da bereits ein Star. Eilish ist aber eben auch ein Teenager. Rebellisch, launig, quirlig. Ihr ist es egal, was in den Medien zu lesen ist. Überhaupt schaut sie sich keine Interviews oder Kritiken an. "Ich hasse lesen", sagt sie. Eine CD hat sich Eilish noch nie in ihrem Leben gekauft, eine Schallplatte nur, um sie sich dekorativ ins Zimmer zu stellen. Sie ist die Definition ihrer Generation, deren Zeitgeist das Vakuum vieler junger Kids füllt: Sie trifft deren Nerv und artikuliert ihre Sorgen und Ängste.

Billie Eilish Pirate Baird O'Connell kommt am 18. Dezember 2001 in Los Angeles, Kalifornien zur Welt. Dort lebt sie immer noch, wenn sie nicht auf Tour unterwegs ist. Ihre Mutter Maggie - selbst Singer/Songwriterin - begleitet sie zu Interviewterminen, mit ihrem Bruder und Musikpartner Finneas O'Connell schreibt und produziert sie die Tracks am PC. Eilish ist ein Digital Native, der mit einem Laptop groß wurde und dessen Erfolg in Followern (48,8 Millionen auf Instagram) und Streams (mehrere Milliarden auf Spotify) gemessen wird. Die 18-Jährige ist der Gegenentwurf zu den gecasteten und gezüchteten Pop-Sternchen. Es sind einzelne Songs in Playlisten, die die Musikwelt prägen, keine Alben. Die Musikinstrumente der Generation Y sind Smartphone und Ableton.

Morbider Psycho-Angst-Pop

Billie Eilishs Sound ist schwer greifbar, es ist ein buntes Halluzinogen und gleichzeitig ein sedierendes Schlafmittel. Sie spielt mit den Einflüssen und Stilen und nimmt sie so auf, wie ihr gerade danach ist - Eilish vermischt in ihren Songs Trap, Goth, Neo-Jazz u.v.m. "Das Genre ist zwar noch nicht tot, aber es soll sterben", so Eilish im Interview mit "Spiegel online". Sie will, dass diese Genregrenzen verschwimmen und sich auflösen.

Das Klangkonzept ist eher Hollywood-Kino als "Strophe - Refrain, Gitarrenriff - Drums". Mal mischt sie ein schräges Vocoder-Element zu Piano und Streichern, mal ein säuselndes Autotune-Flüstern zu wummernden Minimal-Beats. Mit ihrem Null-Bock-Blick, den blaugrau gefärbten Haaren und dem Crossover-Look aus Kurt Cobain und Tupac lässt sich Eilish auch visuell keinem Genre zuordnen. Gleichzeitig hüpft sie zu diesen düsteren Sounds wild auf der Bühne umher.

In ihren Videos läuft ihr schwarzes Blut aus den Augen, aus ihrem Mund krabbeln Spinnen. Sie verwandelt Angst zu Kunst - ihre eigene Angst. Billie leidet unter Nachtangst und Alpträumen. Eher ein konventionelles als revolutionäres Konzept, und doch hat das bei Billie Eilish ein authentisches Wesen, in dem sich so viele Gleichaltrige wiedererkennen.

Die DIY-Attitüde, die Eilish zusammen mit ihrem Bruder Finneas pflegt, ist der größtmögliche Kontrast zu einem Musikgeschäft, in dem alles von den gleichen paar Profi-Songwritern und Hit-Produzenten erschaffen wird. Die Produktionsweisen haben sich verändert, die der Distribution auch.

Eilish ist der erste Mega-Star des 21. Jahrhunderts. Und das innerhalb von nur einem Jahr. Ein Künstlerstatus, für den die Beatles eine halbe Karriere gebraucht haben. Bemerkenswert - aber auch ein wenig beängstigend.