Billy Mitchell: Erst Laufbote, jetzt «Mr. Apollo»

Billy Mitchell führt Besucher auf einer Tour durch das Apollo-Theater. Foto: Shahar Azran

Als an einem Tag im Jahr 1965 der Kühlschrank in der Wohnung des kleinen Billy Mitchell und seiner 13 Geschwister in der New Yorker South Bronx mal wieder leer ist, schickt ihn seine Mutter zu einer Tante nach Harlem, um Geld zu leihen.

«Meine Familie war so kaputt, das können Sie sich gar nicht vorstellen», seufzt der Mann mit Anzug, Krawatte und Einstecktuch. Aber der Ausflug nach Harlem sollte sein Leben verändern. «Meine Tante wohnte auf der anderen Straßenseite vom Hintereingang des Apollo-Theaters», erzählt Mitchell. «Als ich hinging, war sie nicht da, also wartete ich auf dem Bürgersteig, als die Tür plötzlich aufging und der Besitzer des Theaters, Frank Schiffman, herauskam.»

Der habe ihn gefragt, ob er nicht während er warte ein bisschen Geld verdienen wolle. «Schau Dir all diese Menschen an, die hier proben, die brauchen alle jemanden, der für sie zum Laden rennt und ihnen ihren Kaffee, ihr Essen, ihre Zeitung holt und ihre Schuhe putzen lässt. Und wenn du das machst, dann geben sie dir Trinkgeld.»

So wird Mitchell zum Laufboten im längst legendären Apollo-Theater - und arbeitet mehr als 50 Jahre später immer noch dort. Inzwischen als «hausinterner Historiker», sagt Kamilah Forbes, Chefproduzentin des vor allem für seine herausragende Rolle in der afroamerikanischen Kulturlandschaft bekannten Theaters. Das Apollo sieht sie als «Leuchtturm amerikanischer Kultur» mit einer seit der Wahl des umstrittenen US-Präsidenten Donald Trump «noch dringenderen Rolle» in der Gesellschaft.

Billy Mitchells Hauptaufgabe heute: Führungen durch das Aufführungshaus an der 125. Straße. «Ich habe diese Tour in meiner zweiten Woche im Job hier mitgemacht und es war eine meiner Lieblingsunternehmungen», sagt Chefproduzentin Forbes. «Jedes Mal, wenn Billy eine Führung leitet, versuche ich reinzuhören, denn ich lerne immer noch etwas dazu.» Die «New York Times» und andere Lokalmedien nennen Mitchell längst «Mr. Apollo».

Als Laufbursche habe er damals die ganz großen Stars getroffen, erinnert sich der 67-Jährige - die Temptations zum Beispiel, die Supremes und Stevie Wonder. «Als ich den zum ersten Mal getroffen habe, war er 15. Eines Abends kam ich her und da war ein kleiner Junge, neun Jahre alt, das war Michael Jackson.» All diese Stars und viele mehr feierten einst ihren Durchbruch am 1934 eröffneten Apollo-Theater, die meisten bei der beliebten «Amateur-Night», einem Vorläufer heutiger Talent-Shows.

«Nach einer Weile mochten mich die Stars und wollten mir helfen, denn ich war dreckig und meine Klamotten waren zerrissen. Ich hatte kaum Selbstbewusstsein, weil die anderen Kinder in der Schule sich über mich lustig machten, also passte ich nicht auf und fiel überall durch. Eines Tages hat mich dann James Brown nach meinem Zeugnis gefragt.» 

Alle vier Monate spielte der 2006 gestorbene «Godfather of Soul» damals im Apollo-Theater, jedes Mal fragte er Mitchell nach der Schule, und jedes Mal log der, alles laufe blendend. «Als er sah, dass ich durch alles durchfiel, schrie er mich an und drohte, dass ich nicht mehr zur Arbeit kommen darf, bevor ich bessere Noten nachweisen kann.» Mitchell schaffte es - und für die weitere Ausbildung zahlten Brown und Sängerkollege Marvin Gaye persönlich.

Seitdem hat Mitchell sein Apollo-Theater nie lange verlassen, er war hier über die Jahre Platzanweiser, Geschenkladenverkäufer und Produzent der «Amateur-Night». «Es war so ein irrer Lauf, manchmal kann ich gar nicht glauben, wie viel Glück ich hatte.» 

Wenn Mitchell durch das Theater führt, in dem auch schon Taylor Swift, Metallica, Paul McCartney, Justin Timberlake, Elton John oder Eric Clapton aufgetreten sind, spickt er alles mit persönlichen Anekdoten. Wie Beyoncé und die anderen Stars die neuen modernen Garderoben alle nicht nutzen wollen, weil die alten so eine lange Geschichte haben. Wie selbst James Brown und Lauryn Hill bei der «Amateur-Night» schon ausgebuht wurden. Oder wie einst die Jackson Five im verrauchten, dunklen Proberaum Fangen spielten.

«Hach, Dionne Warwick, die kenne ich seit ewigen Zeiten», seufzt Mitchell während der Tour. Oder: «Nina Simone! Die hat sich nichts bieten lassen. Wenn jemand während einem ihrer Konzerte gequatscht hat, hat sie aufgehört zu singen und denjenigen angemotzt.»

Dass Mitchell nicht auch in seinem geliebten Harlem wohnt, sondern im weit entfernten Brooklyn, liegt an seiner Frau, mit der er seit fast 33 Jahren verheiratet ist. «Der einzigen Liebe meines Lebens. Aber sie ist ein Brooklyn-Mädchen.» Die gemeinsame Tochter arbeitet im Geschenkladen des Theaters. «Ich nehme das Apollo-Theater überall hin mit», sagt Mitchell. «Wo immer ich auch bin, vertrete ich mich - und das Theater.»

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