"Black Lives Matter": Die stärksten Protest-Aktionen des Jahres

Moritz Piehler
·Freier Autor
·Lesedauer: 6 Min.

Die anti-rassistische “Black Lives Matter”-Bewegung hat die Menschen weltweit berührt. Und sie zeigte alle Formen des Protestes in seinen kreativsten eindrücklichsten Formen.

Die Familie Johnson demonstriert am Todesort George Floyds in Minneapolis. (Bild: REUTERS/Lucas Jackson)
Die Familie Johnson demonstriert am Todesort George Floyds in Minneapolis. (Bild: REUTERS/Lucas Jackson)

Nachdem die Aufnahmen des gewaltsamen Todes von George Floyd durch US-amerikanische Polizisten Ende Mai um die Welt gingen, formierte sich der bereits lange bestehende Protest der “Black Lives Matter”-Bewegung (“BLM”) neu und gewann stetig an Zulauf und Unterstützung. Ob in Minneapolis, New York, London, Paris, Berlin oder Tokyo: Die Namen der Opfer von Polizeigewalt wie George Floyd und Breonna Taylor wurden zum Symbol für rassistische Strukturen auf der ganzen Welt.

Der letzte Satz Floyds “I can’t breathe” wurde auf Transparenten, T-Shirts und Graffiti zur Anklage gegen die systematische Unterdrückung schwarzer Menschen. Während es vielerorts auch zu Ausschreitungen kam, fanden Menschen überall auf dem Globus verschiedenste Wege, ihrer Frustration, ihrer Trauer und ihrer Wut über systematischen Rassismus Ausdruck zu verleihen.

Knien und schwarze Quadrate

Das sichtbarste Symbol, das schnell überall auf dem Globus in den sozialen Medien eingesetzt wurde, war sicherlich das schwarze Viereck, das Menschen als Zeichen der Solidarität anstelle ihrer Profilbilder posteten. Ob Superstars, Politiker oder normale Menschen: Das Internet wimmelte nur so von den schwarzen Quadraten, die am 2. Juni als “Blackout Tuesday” als Aktionstag geplant waren.

Doch während das Quadrat schnell als billige Option der Solidarität ohne tatsächliches Engagement in die Kritik geriet, war das Jahr 2020 geprägt von aufmerksamkeitserregenden Aktionen und mutigen Symbolen, die dem Thema “Black Lives Matter” die anhaltende und gebührende Aufmerksamkeit sicherten.

Selbst demokratische Senatoren um Senatssprecherin Nancy Pelosi (vorne links) knieten solidarisch mit den Demonstrierenden. (Bild: Brendan Smialowski / AFP via Getty Images)
Selbst demokratische Senatoren um Senatssprecherin Nancy Pelosi (vorne links) knieten solidarisch mit den Demonstrierenden. (Bild: Brendan Smialowski / AFP via Getty Images)

Das friedliche Hinknien, mit dem einst der NFL-Profi Colin Kaepernick für heftige Diskussionen und Anfeindungen gesorgt hatte, wurde zu der prägenden Geste der Solidarität. Bei den teilweise gewalttätigen Auseinandersetzungen, die es besonders in den USA immer wieder zwischen Polizisten, Demonstranten und rechten Milizen gab, wurde das Auf-die-Knie-gehen zur Geste der Versöhnung. Selbst Polizisten sah man immer wieder solidarisch mit den Demonstrierenden knien.

Wie hier in Atlanta, Georgia, knieten häufiger Polizisten in Solidarität mit den Demonstrationen gegen Polizeigewalt. (Bild: REUTERS/Dustin Chambers)
Wie hier in Atlanta, Georgia, knieten häufiger Polizisten in Solidarität mit den Demonstrationen gegen Polizeigewalt. (Bild: REUTERS/Dustin Chambers)

Der Sport wird politisch

Auch in den großen Sportligen tat sich einiges. Während diese aus Angst davor, Sponsoren oder Zuschauer zu verlieren, mit politischen Äußerungen oft sehr zurückhaltend sind, positionierten sie sich in diesem Sommer deutlich. In der Premier League knien die Spieler bis heute vor vielen Partien in Solidarität mit der Bewegung. In Deutschland war es Dortmunds Jadon Sancho, der beim Torjubel nach seinem Hattrick gegen Paderborn als erster Bundesligaspieler ein Shirt enthüllte auf dem er forderte: “Justice for George Floyd”. Im Gegensatz zur üblichen Bestrafung für politische Botschaften ließ ihm die DFL das Statement mit dem richtigen Gespür durchgehen.

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Die US-amerikanische Basketballliga NBA stellte ihre wiederaufgenommene Saison in der “Bubble” gleich ganz unter das Motto soziale Gerechtigkeit und ließ alle Spieler mit selbstgewählten Botschaften auf dem Rücken auflaufen. Neben “Black Lives Matter” konnten die Basketball-Profis auswählen zwischen Messages wie “Equality”, “Power to the People”, “Anti-Racist” oder “Say Their Names”. Die Frauenliga WNBA tat es ihr gleich.

Zahlreiche kreative Proteste

In Washington D.C. und hier in Brooklyn, New York, wurden Straßenzüge mit dem Motto der Bewegung bemalt. (Bild: REUTERS/Brendan McDermid)
In Washington D.C. und hier in Brooklyn, New York, wurden Straßenzüge mit dem Motto der Bewegung bemalt. (Bild: REUTERS/Brendan McDermid)

Doch es waren bei Weitem nicht nur Stars, die sich den Demonstrationen anschlossen. Es gab unzählige kleine und große Protest-Momente, die bunt, kreativ, mutig und beeindruckend waren. In vielen großen US-Städten benannten Demonstrierende Plätze und Straßen um. Manche wurden sogar in riesigen Lettern angestrichen, um den Protest sichtbar zu machen. Auch in Deutschland wurden Straßen umbenannt. In Berlin heißt die ehemalige “Mohrenstraße” nun endlich nicht mehr so. Der neue Name ist “Anton-Wilhelm-Amo-Straße”, benannt nach dem ersten Doktor der Rechtslehre und Philosophie afrikanischer Herkunft in Deutschland.

Der Protest hatte viele unterschiedliche Gesichter. In Los Angeles ritten die “Compton Cowboys” genau wie in Houston die “Nonstop Riders” hoch zu Pferd zu den Demos. Und die Hochzeitsfotografin Linda McQueen hielt diesen besonderen Moment einer Hochzeit in Philadelphia fest, bei der das Paar mit erhobenen Fäusten gegen Rassismus protestierte.

Der kanadische Pilot Demitri Neonakis wählte eine noch größere Leinwand für seine Protest-Aktion. Im Juni flog er vom Flughafen Halifax eine Flugbahn, die eine geballte Faust nachzeichnete. Auf Facebook erklärte der Pilot: “Während ich mich dort oben frei bewegte, kamen mir ein paar Mal die Worte von George Floyd in den Sinn - ‘Ich kann nicht atmen’ - das ist ein krasser Gegensatz.”

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John Boyegas ergreifende Insta-Rede

Auch zahlreiche Sänger und Schauspieler reihten sich ein in die Anti-Rassismus-Proteste. Superstars wie Beyoncé, Snoop Dogg, Madonna oder Justin Bieber zeigten ihre Unterstützung öffentlich. Kaum einer äußerte sich allerdings so deutlich wie “Star Wars”-Schauspieler John Boyega. 3,6 Millionen mal wurde seine emotionale Rede auf Instagram angeschaut.

“Jeder schwarze Mensch hier kennt den Moment, in dem ein anderer ihn zum ersten Mal daran erinnert hat, dass er schwarz ist“, sagte der Schauspieler. “Ich will, dass ihr versteht, wie schmerzhaft es ist, jeden Tag daran erinnert zu werden, dass deine Rasse nichts zählt.“

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Neben viel Beifall und Unterstützung bekam der britische Schauspieler auch heftige Kritik für seine deutlichen Worte. Doch Boyega machte klar, dass die Sache ihm weit wichtiger ist als jegliche Karriere-Überlegungen und verdiente sich damit nur noch mehr Respekt bei vielen Menschen. Er erklärte: “Ich weiß nicht, ob ich hiernach noch eine Karriere haben werde, aber scheiß drauf!“

Statuen-Stürze

Neben den vielen symbolischen Aktionen und Solidaritätsbekundungen gab es auch handfestere Ansätze. So wurden zunächst in den USA aber dann auch in vielen anderen Ländern Statuen gestürzt, die Profiteure und Befürworter der Sklaverei darstellten. Im englischen Bristol stürzten Demonstrierende der BLM-Bewegung die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston in den Hafen. An seiner Stelle errichteten sie später die Skulptur einer jungen schwarzen Frau mit erhobener Faust.

Hier schmeißen die Anhänger der "BLM"-Bewegung die Statue Edward Colstons in den Fluss. (Bild: Keir Gravil via REUTERS)
Hier schmeißen die Anhänger der "BLM"-Bewegung die Statue Edward Colstons in den Fluss. (Bild: Keir Gravil via REUTERS)

Auch in Deutschland wurde zum ersten Mal in einer breiteren Öffentlichkeit über den Umgang mit dem kolonialen Erbe des Landes diskutiert. In den USA haben die anhaltenden Proteste zu einer Diskussion über Ausbildung und Ausstattung der Polizei geführt, die sich auch nach Europa ausgeweitet hat. Und auch in der Präsidentschaftswahl spielte die Grassroots-Bewegung der “BLM”-Anhänger eine wichtige Rolle, indem sie Wähler motivierte und mit dafür sorgte, dass mit Kamala Harris zum ersten Mal eine schwarze Frau als Vizepräsidentin ins Weiß Haus einzog.

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