Black Widow ist Marvels Wiedergutmachung für ein sexistisches Jahrzehnt

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Wenn du „So eine will ich“ sagst, meinst du damit vielleicht eine schicke Armbanduhr, oder eventuell eine besonders appetitlich aussehende Pizza. In Iron Man 2 von 2010 sind das aber die Worte, die aus Tony Starks (Robert Downey Jr.) Mund kommen, nachdem er Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) zum ersten Mal trifft – und mit denen er uns schon darauf einstimmt, wie die Marvel-Charaktere seitdem größtenteils mit dem „sexy Avenger“ umgehen.

Natashas (alias Black Widows) erster Auftritt im Marvel Cinematic Universe (MCU) ist nun über ein Jahrzehnt her, und seitdem ist sie eine dessen umstrittenster Figuren. Sie ist die erste Frau in den Avengers, eine ehemalige russische Spionin und Auftragsmörderin, die schon diverse Höllen durchlebt hat. Natashas Charakterisierung in den meisten ihrer MCU-Auftritten repräsentiert aber viele der schlimmsten Eigenschaften der Comic-Welt und Action-Blockbuster: Sie wird hypersexualisiert, in den Hintergrund gerückt und dient meist nur als Support für die „echten“ Helden (sprich: die mit Superkräften und/oder -anzügen).

Nun hat Natasha Romanoff endlich ihren eigenen Film bekommen. Vor Black Widow (aktuell im Kino) war sie in insgesamt neun MCU-Filmen zu sehen: Iron Man 2, The Avengers, Captain America: The Return of the First Avenger, Avengers: Age of Ultron, The First Avenger: Civil War, Avengers: Infinity War, Avengers: Endgame sowie in kurzen Szenen in Thor: Tag der Entscheidung und Captain Marvel. Das ist nur ein Film weniger als Chris Evans’ Auftritte als Captain America und Robert Downey Jr.’s als Iron Man – und trotzdem bekommt Scarlett Johansson weniger Zeit vor der Kamera als Paul Rudd (Ant-Man) und Tom Holland (Peter Parker), die erst seit 2015 bzw. 2016 im MCU mitspielen.

Marvel-Fans fordern schon seit Jahren einen Solo-Black-Widow-Film; jetzt bekommt Natasha endlich die Chance, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Durch ihren Tod in Avengers: Endgame fühlt sich das inzwischen allerdings ein bisschen belanglos an. Nachdem Black Widow mehrere Filme quasi lang nur als sexy Sidekick diente und kurz vor der gigantischen Avengers-Schlacht in Endgame sterben musste – warum sollte uns dann jetzt ein Blick in ihre Vergangenheit interessieren, als sie noch nicht im Schatten von Iron Man und Captain America stand?

Ganz ehrlich: weil das das Mindeste ist, was Marvel ihr schuldig ist.

Dass sie zehn Jahre lang keinen Solo-Film bekam, ist frustrierend genug; das Black-Widow-Problem im MCU ist aber noch ein viel größeres. Im Nachhinein geraten manche Details schnell in Vergessenheit – deswegen habe ich mir Natashas vorherige Auftritte im Marvel Cinematic Universe mal genauer angesehen. Und dieses Franchise hat in der Hinsicht viele, viele Fehler gemacht.

Die größten Verbrecher – Iron Man 2, The Avengers & Avengers: Age of Ultron

In Iron Man 2 wird Nat ausschließlich sexualisiert; sie spielt quasi die Marilyn Monroe im Kontrast zu Pepper Potts’ (Gwyneth Paltrow) Jackie Kennedy. Als Tony sie googelt, scrollt er sich an ihrer Ausbildung vorbei und beglotzt ein Foto von ihr, auf dem sie in Lingerie auf einem Bärenfellteppich posiert – und das Geglotze hört nie wirklich auf. In Iron Man 2 sehen wir auch zum ersten Mal ihren Lieblings-Kampf-Move (den Johansson selbst als crotch throat grab“, also „Schritt-Würgegriff“ bezeichnet), ihre sexy Kampf-Pose und ihr unpraktischstes Outfit: einen hautengen Anzug, voluminöse Locken und jede Menge Dékolleté.

Auch in The Avengers, co-verfasst und unter der Regie von Joss Whedon,ergeht es ihr nicht viel besser. Nat ist zuerst in einem tief ausgeschnittenen Kleid zu sehen, mit verbundenen Händen hinter dem Rücken – eine Position, die in Kombination mit ihrem Outfit ihre Brüste beim Kämpfen betont. Oft wird sie von unten beleuchtet, um ihren am Po eng sitzenden Anzug in Szene zu setzen.

Trotz ihrer eindeutigen körperlichen Stärke und ihres Status als eine von Nick Furys (Samuel L. Jackson) engsten Vertrauten wird Nat nicht wie eine Heldin behandelt. Sie spielt nur eine unterstützende Rolle, indem sie den Quinjet fliegt, während die Avengers-Männer kämpfen, und dient ihrem Kumpel Clin Barton/Hawkeye (Jeremy Renner) als emotionaler Support. Zweimal wird sie von ihren Avengers-Kollegen gerettet, und einmal rät sie Captain America, er solle sich aus dem Kampf raushalten, weil er – wie sie – nicht mit den „Göttern“ (Iron Man und Thor) mithalten könnte. Captain America stürzt sich trotzdem ins Getümmel und beweist seine Stärke; währenddessen bleibt Nat zurück und scheint sich selbst – und das Publikum – zu fragen, ob sie wirklich als „voller“ Avenger gilt.

Den absoluten Tiefpunkt erreicht Natashas Darstellung aber in Avengers: Age of Ultron, für den Drehbuchautor Joss Whedon zurecht einen Shitstorm kassierte. Nachdem sie effektiv als Babysitter für den Hulk (Mark Ruffalo) fungiert und für sie untypisch nervös mit seinem Alter Ego Bruce Banner geflirtet hat, fleht sie ihn quasi an, mit ihr durchzubrennen. Bruce verneint – weil er als monströser Hulk keine eigene Familie gründen könne. Nat antwortet daraufhin, Bruce sei nicht „das einzige Monster im Team“, weil sie während ihrer Spionageausbildung eine unfreiwillige Hysterektomie unterzogen worden sei; sie hat keine Gebärmutter mehr. Dieser Spruch regt viele Fans bis heute auf, weil er eiskalt impliziert, eine Frau, die keine Kinder gebären kann, sei etwas Furchtbares. Nach diesem schlimmen Dialog verbringt Nat den Großteil des restlichen Films in einem Käfig, bis sie von Bruce gerettet wird.

Besser, aber immer noch nicht gut – Captain America: The Return of the First Avenger, The First Avenger: Civil War & Avengers: Infinity War

Sobald die Russo-Brüder die Drehbuch-Zügel in die Hand nehmen, wird Natasha weniger sexualisiert. Trotzdem schwingen in vielen Szenen in The Return of the First Avenger von 2014 noch sexuelle Vibes mit: Um sie zu verhören, drückt Captain America Natasha gegen eine Wand. Einem Soldaten flüstert sie „Hey, Matrose“ ins Ohr, bevor sie ihn tötet, und küsst Captain America, damit ihre Feinde die beiden nicht erkennen. Trotzdem ist die Veränderung im Umgang ihrer Co-Helden mit ihr zu spüren. Captain America begegnet Nat eindeutig auf Augenhöhe, sucht ihren Rat und vertraut darauf, dass sie in einem Kampf auch alleine klarkommt. Gegen Bucky/Winter Soldier (Sebastian Stan) besteht sie bis auf ein paar Kratzer mühelos.

In Civil War ist Natasha in jeder Kriegsrat-Sitzung mit Tony und Cap dabei. Sie vertritt die Avengers auf politischer Ebene und hält problemlos mit ihren Super-Kolleg:innen mit; selbst in Ziviloutfits stürzt sie sich in Kämpfe mit riesigen, gepanzerten Soldaten, und im Konflikt zwischen Captain America und Iron Man vertraut sie ihrem Bauchgefühl und verhilft Cap, Sam (Anthony Mackie) und Bucky zur Flucht.

In Infinity War scheint Natashas Entwicklung aber an ihre Grenzen zu stoßen. Zwar dienen ihre Outfits nicht mehr als Hingucker für ihre männlichen Kollegen (und Zuschauer) – aber wieder ist sie lediglich Captain Americas Unterstützerin und wird in den Hintergrund gedrängt, während sein Auftritt mit dramatischer Avengers-Musik untermalt wird. In der großen Schlacht am Ende des Films bekommen alle anderen Original-Avengers ihre eigenen Szenen; Natasha hingegen muss ihre Szene mit einer Gruppe MCU-Frauen in einem dezent herablassenden Kampf gegen Proxima Midnight (Carrie Coon) teilen.

Und obwohl all das im Vergleich zu ihren vorherigen Auftritten im MCU sicherlich ein großer Fortschritt ist, wird hier klar: Nat braucht dringend eine Beförderung.

Wir kommen der Sache näher – Avengers: Endgame

Endgame pusht die Handlung vor Black Widow nochmal aufs nächste Level – doch setzt Natashas Geschichte ein abruptes, jämmerliches Ende. Endlich hat sie ihren Femme-Fatale-Look komplett abgelegt, trägt eine Kampfuniform und ihre Haare endlich in einem praktischen Zopf. Als sie über ihre dunkle Vergangenheit spricht, klingt sie dabei weniger selbstkritisch und drückt stattdessen eine tiefe Dankbarkeit für ihre Beziehung zu den anderen Avengers aus. Die verbliebenen Avengers führt sie schließlich sogar an, und schmiedet den Plan für die Jagd nach den Infinity-Steinen. Trotzdem ist es Captain America, nicht Natasha, der die große, inspirierende Rede zum Plan hält.

Das große Problem in Endgame ist allerdings die Art, wie Natasha schließlich stirbt. Ihre letzte Szene, eine ganze Stunde vor der bisher größten Schlacht im MCU, teilt sie sich mit Clint, als sie nach einem Infinity-Stein suchen und begreifen, dass eine:r von ihnen dafür sterben muss. Clint lässt Nat widerwillig in den Tod fallen. Einerseits stirbt sie als Heldin, um sich für die Rettung der Welt zu opfern; andererseits sind ihre letzten Augenblicke in der Story aber sehr kurz, recht stumm und eben geteilt. Natasha bekommt keine letzte Gelegenheit, ihre Kampfkünste unter Beweis zu stellen, und auch keine tränenreiche Beerdigung, bei der Fury endlich mal ein paar Gefühle hätte zeigen können. Was sie stattdessen bekommt: eine kurze Rangelei mit Clint, gefolgt von einem plötzlichen Tod und anschwellender Musik.

Selbst in der Szene, in der sich ihre Avengers-Kollegen versammeln, um sie zu betrauern, geht es weniger um Nat als darum, die Umstände ihres und Gamoras (Zoe Saldana) Todes zu besprechen, die in Infinity War für denselben Infinity-Stein starb. Ja, Hulk schmeißt vor Wut mit einer Bank, und Clint gibt sich im Kampf gegen Thanos extraviel Mühe – aber Natashas Abschied wird mit Handlung vollgestopft und grenzt an sogenanntes Fridging, eine Erzähltechnik, bekannt aus diversen Comicbüchern, bei der der Tod einer Frau nur dazu dient, einem männlichen Helden noch mehr emotionale Motivation zu verpassen.

Die Wiedergutmachung – Black Widow

Black Widow spielt nach den Ereignissen von The First Avenger: Civil War, was den Film vor eine erzählerische Herausforderung stellt: Wie verleiht man Natashas Geschichte das nötige Gewicht, ohne dadurch anderen MCU-Filmen inhaltlich in die Quere zu kommen, die danach spielen? Die Lösung: Black Widow konzentriert sich darauf, wie Natasha von einem unschuldigen Mädchen durch tragische Umstände zu einer jungen Frau heranwuchs, die in ein mörderisches Business gezwungen wurde.

Johansson zufolge hat ihr ihre eigene Entwicklung dabei geholfen, Natashas Transformation darzustellen; Black Widow ist, Stand heute, längst nicht mehr dieselbe, die sie war, als sie 2010 zum ersten Mal in Tony Starks Boxring auftrat. „Seitdem sind zehn Jahre vergangen. Viel ist passiert und ich habe ein ganz anderes, weiterentwickeltes Verständnis von mir selbst“, erzählte Johansson gegenüber Collider. „Als Frau bin ich jetzt einfach an einem anderen Punkt in meinem Leben. Ich verzeihe mir selbst mehr, als Frau – manchmal vermutlich immer noch nicht genug. Ich akzeptiere mich besser, glaube ich. All das hat mit der Entwicklung dieses Charakters zu tun, weg von der Hypersexualisierung.“

Black Widow schafft es ziemlich gut, Natashas einst durchwachsene Story aus einem neuen Blickwinkel zu präsentieren. In ihrem Solo-Film ist Natasha eine starke Anführerin und für den Sturz eines verstörenden Bösewichts verantwortlich; außerdem macht er uns Hoffnung auf Marvels vierte Phase, in Form von Nats kleiner Schwester Yelena. Während sich Black Widow also ein letztes Mal aus dem MCU verabschiedet, wissen wir endlich: Natasha Romanoff ist nicht „der sexy Avenger“ – sondern eine Überlebenskünstlerin, die anderen Heldinnen den Weg zu ebnen versucht und die Marvel-Welt als einen besseren Ort hinterlässt.

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