Nachgefragt

Grüne Medizin: Warum Bäume dem Herz gut tun

Bäume steigern das menschliche Wohlbefinden - und die Gesundheit (Bild: thinkstock)Bäume steigern das menschliche Wohlbefinden - und die Gesundheit (Bild: thinkstock)

Grüner ist gesünder – diesen Zusammenhang haben nicht nur szenige Großstädter und Öko-Bauern verinnerlicht. Dabei denken die meisten an Elektroautos, Eier aus Freilandhaltung und Bio-Gemüse, nicht aber an das wohl naheliegendste überhaupt: Bäume. Dass die grünen Riesen einen signifikanten Einfluss auf unser körperliches Wohlbefinden haben, legt nun eine Studie von Geoffrey Donovan vom US Forest Service nahe. Er hat den Schädlingsbefall amerikanischer Eschen untersucht und festgestellt: Wo Bäume sterben, sterben auch mehr Anwohner. Donovan ist es erstmals gelungen, diesen Zusammenhang zu quantifizieren. Vor allem wohlhabende Nachbarschaften leiden mit der sie umgebenden Fauna. Warum das so ist? Wir haben nachgefragt.

Er glänzt metallisch-grün, hat einen roten Bauch und erreicht eine Länge von bis zu 1,3 Zentimeter: Der asiatische Eschenprachtkäfer (Agrilus planipennis) macht seinem Namen alle Ehre. Doch so elegant er aussieht, so gefährlich ist er – für Bäume wie für Menschen, die in ihrer Nähe wohnen. Seitdem das farbenfrohe Insekt im Jahr 2002 in Michigan auftauchte und sich in benachbarten US-Bundesstaaten sowie dem Südosten Kanadas breit machte, fielen ihm nicht nur rund 100 Millionen Bäume zum Opfer, sondern, schätzt Geoffrey Donovan, auch rund 21.000 Amerikaner (bis 2007).

Bäume beeinflussen Atemwegs- und Herzkreislaufsystem

Doch wo liegt der Zusammenhang zwischen dem Baumsterben und der erhöhten Mortalität der in der Nähe wohnenden Menschen? Der Käfer befällt alle 22 Arten der nordamerikanischen Esche und stört ihr Bewässerungssystem. Die Folge: Sie verlieren ihre Blätter und sterben innerhalb von zwei bis fünf Jahren. In mittlerweile 15 US-Staaten dezimiert das Insekt bereits den Eschenbestand – und beeinflusst gleichzeitig die Gesundheit der Anwohner. Um diesen Zusammenhang zu bestätigen, wälzte Donovan Statistiken. Er verglich Meldungen zum Eschenprachtkäferbefall in 1.296 Landkreisen in den USA mit amtlichen Daten zur Bevölkerung für die Jahre 1990 bis 2007 und fand heraus, dass überall dort, wo der Käfer auftauchte, die Sterblichkeit der Menschen stieg. Oft waren Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Todesursache.

Ganz neu ist diese Erkenntnis nicht. "Viele andere Studien haben die Beziehung zwischen Umwelt und Gesundheit untersucht. Doch bisher fiel es schwer, die Veränderungen zu quantifizieren. Denn normalerweise verändert sich die Natur sehr langsam. Denken Sie nur daran, wie lange ein Baum zum Wachsen benötigt. Der Käfer beeinflusst die Umwelt vergleichsweise schnell, deshalb ist meine Studie einzigartig", so Donovan gegenüber Yahoo! Nachrichten. Und seine Ergebnisse sprechen für sich: In Gegenden, die vom Käfer befallen sind, stieg die Zahl der Todesfälle auf Grund von Herz-Kreislauf-Krankheiten um 15.000, jene auf Grund von Atemwegserkrankungen um 6.000 an.

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Es liegt also nahe, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen Bäumen und der Gesundheit gibt. Ein Beleg dafür stehe jedoch nach wie vor aus, stellt Donovan klar. Auch, wenn es viele denkbare Wirkmechanismen gebe: "Eine grüne Umgebung verringert Stress, verbessert die Luftqualität und erhöht den Anreiz, sich zu bewegen." Alles Dinge, die nachweislich Einfluss auf das menschliche Atmungs- und Herzkreislaufsystem haben.

Höheres Einkommen, größere Angriffsfläche

Ein Punkt in Donovans Arbeit überrascht besonders. Offenbar hat der Befall durch den Eschenprachtkäfer in reicheren Gegenden höheren Einfluss auf die Mortalität. Möglicherweise, so der Wissenschaftler, liege das an folgendem Zusammenhang: In ärmeren Nachbarschaften ziehen Parks nicht ausschließlich Sonnenanbeter, sondern auch Kriminelle wie etwa Drogenhändler an. Aus diesem Grund suchen die Anwohner sie weniger auf, profitieren also quasi schon vornherein nicht von den positiven gesundheitlichen Effekten der Flora. In Gegenden mit einem hohen Einkommensniveau ist das anders: Erstens sind solche Areale meist grüner, zweitens verbringen die Menschen dort mehr Zeit an der (vergleichsweise sicheren) frischen Luft. Breitet sich nun plötzlich der Eschenprachtkäfer aus, sterben erst die Bäume und dann die gut situierten Nachbarn.

Ein Effekt, der laut Donovan nicht allein für die Vereinigten Staaten gelten muss. Auch in Europa sind Bäume von Insekten oder Pilzen bedroht – so wie die europäische Esche, der ganz aktuell ein Pilz zusetzt: "Natürlich lassen sich die genauen Zahlen nicht auf den Rest der USA oder Europa übertragen. Aber ich denke, rein qualitativ wären die Ergebnisse wohl ähnlich – genau wie die Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen."

Das klingt zunächst beängstigend, heißt im Umkehrschluss aber eben auch: Die beste Medizin ist grün – und gratis noch dazu. "Mir zum Beispiel geht es am besten, wenn ich an einem warmen Sommertag mit einem Buch und einem kühlem Getränk im Schatten eines Baumes sitze", so Donovan schmunzelnd.

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