Der NSU-Prozess von A bis Z

Wiebke Ramm
Journalistin
Der NSU-Prozess



Der Prozess des Jahrhunderts geht in die Sommerpause.
32 Verhandlungstage lang hielt das Verfahren um die NSU-Morde nun die Republik im Atem - mit einer Mischung aus Tragik, Grusel und bizarren Einblicken in das Leben der Täter. Ein alphabetisches Resümee zur Sommerpause - von A wie Anklage bis Z wie Zschäpe.

Anklage

Beate Zschäpe soll als Mitglied des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) an zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen und 15 Raubüberfällen beteiligt gewesen sein. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sollen die Taten ausgeführt, Zschäpe davon gewusst und sie entscheidend unterstützt haben. Ihr das nachzuweisen, ist nicht einfach. Neben Zschäpe sitzen Ralf Wohlleben, Carsten S., André E. und Holger G. wegen Beihilfe und Unterstützung auf der Anklagebank.

Brief

Vor Gericht schweigt Zschäpe konsequent – und dann schreibt sie ausgerechnet einem Neonazi einen 26-Seiten-Brief. Zschäpe mäkelt darin über das Essen in der Haftanstalt, träumt von Thüringer Rostbratwurst und schreibt von Stimmungsschwankungen. Zwischendurch wird sie anzüglich. „Das naive Doofchen ist sie nicht“, so das Fazit eines Opferanwalts.

Ceska

Ralf Wohlleben und Carsten S. sollen die Pistole vom Typ Ceska 83 besorgt haben, mit der Böhnhardt und Mundlos neun Menschen türkischer und griechischer Herkunft ermordeten. Wohlleben und S. sind deswegen wegen Beihilfe angeklagt. In einem Neonazi-Laden in Jena habe S. die tschechische Pistole, mit Schalldämpfer und Munition bekommen.

Die Drei

Zum Verhältnis von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos untereinander ist wenig bekannt. Von ihnen ist meist als „die Drei“ die Rede. Exemplarisch ist der Dialog zwischen Psychiater Henning Saß und Carsten S. Der Psychiater fragte nach dem Verhältnis der Drei. Carsten S.: „Ganz normal.“ Wer hatte die Anführerschaft inne? Carsten S.: „Da habe ich nichts in Erinnerung.“

Ermittler

„Wir alle hätten diese Serie gerne geklärt. Und wir sind auch nicht auf dem rechten Auge blind“: Josef Wilfling, der wohl bekannteste Mordermittler Bayerns, geriet im NSU-Prozess unter Rechtfertigungsdruck. Drogen, Mafia, Schutzgeld – die Ermittler hielten vieles für möglich, ein rassistisches Motiv lange nicht. Erfolgreicher waren der BKA-Mann, der Zschäpe zum Plaudern brachte, und die Ermittler, die in der verbannten Wohnung haufenweise Belastendes fanden.

Frühlingsstraße

Die ausgebrannte Wohnung an der Zwickauer Frühlingsstraße, in der Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos ihre letzten gemeinsamen Jahre verbrachten, ist eine Fundgrube für die Ermittlungen: Waffen, Stadtpläne mit Tatortmarkierungen, Handschellen der getöteten Polizistin. Dass Zschäpe den Brand legte, bezweifelt kaum jemand. Sie stand vor dem Haus, Benzinspuren hafteten an ihren Strümpfen, der leere Benzinkanister lag vor der Tür.

G., Holger

Holger G. kennt Zschäpe seit ihrer Jugend. Er ist vom engen Freund zum wichtigsten Zeugen der Anklage geworden. Einem BKA-Mann sagte er, Zschäpe sei ein „gleichberechtigtes Mitglied“ innerhalb der Gruppe gewesen. Sie sei „kein Typ, der sich unterordnen würde“. Die Finanzen regelte sie. Zschäpe habe G. abgeholt, als er eine Waffe lieferte. Sie sah zu, wie ein Uwe die Waffe durchlud. G. hat die Drei mit Pässen versorgt. Von den Morden will er nichts gewusst haben.

Hitler-Bild

„Sie war eine liebe, gute Nachbarin“, sagte Nachbar Olaf B. über Zschäpe. Er nannte sie nur „Diddl-Maus“ und freute sich, wenn sie auf ein Glas Wein bei ihm im Keller vorbeischaute. Dass dort ein Hitler-Bild stand, soll sie nicht gestört haben. Er hatte auch noch einen Jutesack aus der Nazizeit mit Hakenkreuzen und ein Militärfahrzeug mit Eisernen Kreuzen. Das alles hätte aber mit Politik nichts zu tun. Drei Jahre lebte er mit dem NSU im selben Haus.

Internet

Kurz bevor Zschäpe am 4. November 2011 die Wohnung anzündete, surfte sie im Internet. Sie suchte „promi news“ und klickte auf „bild.de“. Um kurz vor 12 Uhr erschoss Mundlos in Eisenach erst Böhnhardt, dann sich selbst. Zschäpe schaltete um 12.12 Uhr den Computer aus, fuhr ihn um 12.35 Uhr wieder hoch. Sie suchte nach Autounfällen in Sachsen, dann nach „Tierheim“. Um 14.30 Uhr schaltete sie den PC aus. 30 Minuten später brannte es.


Journalisten

Erst Windhundrennen, dann Losverfahren: 45 Stunden, bevor der NSU-Prozess im April beginnen sollte, blies der Richter alles ab. Das Bundesverfassungsgericht forderte drei Plätze für türkische Medien, das Gericht erklärte gleich die ganze Platzvergabe für ungültig. Seit Prozessbeginn am 6. Mai stehen endlich die Taten des NSU im Fokus. Das mediale Interesse ist konstant hoch.

Katzen

Zschäpe rettete ihre Katzen Heidi und Lilly aus dem brennenden Haus in Zwickau. Manche werten es als Kaltblütigkeit, dass sie sich um die Tiere, nicht aber um die alte Frau nebenan und die Handwerker obendrüber kümmerte. Die Handwerker waren Kaffee trinken, als es brannte. Vielleicht kein Zufall. Eine knarzende Treppe könnte Zschäpe verraten haben, dass sie weggingen. Und die Nachbarin? Jemand hatte geklingelt. Wollte Zschäpe die Frau warnen?

Lisa

„Lisa“ ließ Beate Zschäpe sich im Campingurlaub auf Fehmarn nennen, als „Lise“ meldete sie sich an ihrem Computer an, als „Susann“ stellte sie sich den Nachbarn vor, und „Mandy“ stand auf dem Impfpass ihrer Katzen als Name der Besitzerin. Eine Frau mit vielen Namen.

Morde


Fünf der zehn NSU-Morde sind bis zur Sommerpause Thema vor Gericht geworden. Ermittler, Zeugen, Rechtsmediziner berichteten von ihren Erkenntnissen über die Morde an Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Yunus Turgut, Ismail Yasar und Habil Kilic. Die Neonazis Böhnhardt und Mundlos zielten stets auf die Köpfe ihrer Opfer. Einige Leichen fotografierten sie noch.

Nebenkläger

Die Witwe von Habil Kilic wirkte traumatisiert, als sie am 22. Tag als Zeugin gehört wurde. Jahrelang wurde die trauernde Familie kriminalisiert. „Wir haben genug gelitten“, sagte sie und weigerte sich, Götzls Fragen zu beantworten. Semiya Simseks Warten auf Wiedergutmachung hatte ein Ende, als ein Ermittler vor Gericht bestätigte, dass alle Verdächtigungen haltlos waren.

Öffentlichkeit


André E., einer der Angeklagten, hatte gleich am ersten Tag familiäre Unterstützung. Sein Zwillingsbruder Maik saß in der ersten Reihe auf der Besucherempore. Auch ihre rechtsradikale Gesinnung soll identisch sein. Mit dabei war Karl-Heinz S., Münchener Neonazi. Beide kamen zuletzt nicht mehr. Die Besucherplätze waren weiterhin fast immer alle besetzt.

Paulchen-Panther-Video

Am 14. Tag zeigte Götzl das sogenannte Paulchen-Panther-Video, das Bekennervideo des NSU. Dramaturgisch hätte er die Menschenverachtung kaum besser vermitteln können. Direkt davor zeigte er Tatortfotos. Dann den Rosaroter-Panther-Cartoon garniert mit Leichenfotos und Musik. „Heute ist nicht alle Tage, wir kommen wieder, keine Frage.“ Carsten S. sah aus, als sei ihm übel.

Qual

Leichenbilder werden vor Gericht selten gezeigt. Doch es sind zu viele Anwälte beteiligt, als dass sie alle Platz am Richtertisch fänden. So wurden die furchtbaren Bilder auf riesige Leinwände projiziert. Zschäpe drehte den Kopf weg. Carsten S. stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Angehörige der Opfer waren zum Glück nicht im Saal.

Richter Manfred Götzl

Richter Götzl hat sich schnell Respekt verschafft und ein gutes Maß an Strenge und Nachsicht gefunden. Faustregel: Rechnet man mit Empörung, bleibt Götzl ruhig, rechnet man nicht damit, wird er laut. Das Presseplatzhickhack hat seinen Prozessplan torpediert, Zeugen waren zum neuen Termin verhindert. So wurden mehrere Morde, die Brandstiftung und die Aussagen von Holger G. und Carsten S. mitunter parallel behandelt. Auf Kritik reagierte Götzl empfindlich.


Sachverständiger Henning Saß

Psychiater Henning Saß soll für das Gericht ein Gutachten über Zschäpe erstellen. Wie gefährlich war und ist sie? Es geht auch um Anordnung der Sicherungsverwahrung, also darum, ob sie vor dem Rentenalter wieder in Freiheit kommt. Zschäpe spricht nicht mit ihm. Saß hat also nur die Akten, die Zeugen und seine Beobachtungen. Und er hat ihren Brief an den Neonazi.

Taschenlampen-Anschlag

Carsten S. sorgte am 8. Prozesstag für Aufruhr, als er berichtete, dass Böhnhardt und Mundlos ihm von einem bislang unbekannten Anschlagsversuch mit einer Taschenlampen-Bombe in Nürnberg erzählten. Als Zschäpe hinzugekommen sei, sollen die Uwes zu Carsten S. „Psst!“ gesagt haben. Aber was sollte Zschäpe nicht mitbekommen? Dass es einen Anschlagsversuch gab – oder dass sie es Carsten S. erzählten? Ein entscheidender Unterschied.

Uwes, die

Irgendwie muss es Böhnhardt und Mundlos gelungen sein, zu einer Person zu verschmelzen. Carsten S. sagt, er wisse nicht mehr, welchem Uwe er die Ceska übergab. Holger G. sagt, er wisse nicht mehr, welcher Uwes ihm eine Pumpgun zeigte. Die Handwerker im Zwickauer Haus sagten, sie wissen nicht, welchem Uwe sie begegnet sind. Sogar die Rentnerin von gegenüber musste passen: „Die waren mehr wie ein Phantom.“

Verteidigung

Es reicht ein Blick von Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Heer auf Götzl und der Richter rüffelt einen ungeschickt fragenden Opferanwalt. Heer hat sich Götzls Anerkennung durch juristische Pingeligkeit erarbeitet. Einige Opferanwälte zählen dennoch eher die „Eigentore“ der Verteidigung. So kam erst durch Zschäpes Anwälte heraus, dass ihre Nachbarin am Brandtag wie jeden Freitag drei Frauen zum Kaffee eingeladen hatte. Plötzlich standen drei weitere Mordversuche im Raum.

Wohlleben, Ralf

In der Neonazi-Szene gibt es Solidaritätsaktionen für Wohlleben. Er ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt und sitzt in U-Haft. „Freiheit für Wolle“ fordern die Sympathisanten auf T-Shirts, deren Logo kein Wohlleben-Foto ist – sondern ein Schaf. Seine Verteidigerin kennt er noch von früher. Als er Chef des NPD-Kreisverbands Jena war, war auch Nicole Schneiders NPD-Mitglied. Sie trat wieder aus. „Als Szene-Anwalt zu gelten, das ist mir völlig egal“, sagte Mitverteidiger Olaf Klemke.

XXL-Prozess

Der NSU-Prozess ist ein Mega-Verfahren. Etwa 80 Nebenkläger mit knapp 60 Anwälten nehmen am Prozess teil. Die fünf Angeklagten haben insgesamt elf Verteidiger, allein Zschäpe drei. 22 Sachverständige, darunter Psychiater und Rechtsmediziner, sind geladen, gut 600 Zeugen benannt. 32 Prozesstage gab es, 160 weitere sind bis Ende 2014 schon terminiert.

Yasar, Ismail

Ismail Yasar ist – soweit bekannt – das sechste Mordopfer des NSU. Er wurde am 9. Juni 2005 in seinem Imbiss in Nürnberg erschossen. In der Zwickauer Wohnung fanden die Ermittler einen Stadtplan von Nürnberg, der Standort des Imbisses war mit „X7“ markiert, die Adresse handschriftlich auf einer Liste vermerkt. Es ist der fünfte Mord, der im Prozess zur Sprache kam.

Zschäpe, Beate

Sie sagte nicht einmal ihren Namen, schwieg die ersten 32 Prozesstage beharrlich vor Gericht und wird es wohl auch weiterhin tun. Die Pirouette, mit der sie jeden Verhandlungstag den Kameras ihren Rücken präsentiert, wirkte immer gekonnter. Während Böhnhardt und Mundlos mordeten, soll sie nach außen die Fassade der Normalität aufrechterhalten haben.