Bluttat in Potsdam: Kritik an Berichterstattung

Johannes Giesler
·Freier Autor
·Lesedauer: 4 Min.

In einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung wurden vier Bewohner*innen getötet. Auf Twitter kritisieren viele die Berichterstattung darüber und das fehlende Interesse der Öffentlichkeit.

Blumen, Kerzen und Plakate am Tatort (Foto: Soeren Stache / dpa-Zentralbild)
Blumen, Kerzen und Plakate am Tatort (Foto: Soeren Stache / dpa-Zentralbild)

In Potsdam wurden vier Menschen getötet und einer schwer verletzt. Ereignet hat sich die Tat in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Alle Opfer waren langjährige Bewohner*innen der Betreuungseinrichtung, teilweise lebten sie dort seit ihrer Kindheit. Sie wurden am Mittwochabend mit schweren Schnittwunden tot oder lebensbedrohlich verletzt aufgefunden.

Bei der mutmaßlichen Täterin handelt es sich um eine 51-jährige Mitarbeiterin der Einrichtung. Sie wurde zwischenzeitlich unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Während die Staatsanwaltschaft Haftbefehl wegen mehrfachen Totschlags beantragt hat, sieht die zuständige Richterin wohl dringende Gründe für eine eingeschränkte oder vollständige Schuldunfähigkeit. Die Verdächtige wurde deshalb in eine psychiatrische Klinik gebracht. Zu Motiv oder Ablauf der Tat gibt es keine Angaben der Polizei.

Fragwürdige Narrative

Das sind die bekannten Fakten in einer – wenn es nach zahlreichen User*innen auf Twitter geht – in der Öffentlichkeit zu wenig beachteten Bluttat. Die Poster*innen, darunter viele Menschen mit Behinderung, kritisieren zudem das mangelnde Interesse der Medien und dass die erfolgte Berichterstattung fragwürdige Narrative verbreiten würde.

"Presse und Politik reagieren wenig, die Diversitätsbubble kaum. Ich wünsche mir Solidarität, sonst muss ich leider glauben, euch ist das Leben behinderter Menschen weniger wert", schreibt Künstlerin Annton Beate Schmidt.

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Besonders Zuschreibungen für Menschen mit Behinderung als die "Schwächsten der Gesellschaft" oder dass es sich dabei um "besonders Schutzlose" handelt, seien "Othering". Darunter wird verstanden, dass Menschen anhand von Kategorien in unterschiedliche Gruppen eingeteilt werden – am Ende steht eine gesellschaftliche Spaltung in ein "wir" und ein "die anderen", kritisiert etwa Autorin Laura Gehlhaar. "Hört auf damit!", lautet ihr Appell.

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Gleichzeitig entsteht durch die Zuschreibungen eine Herabwürdigung von Menschen mit Behinderung, was Twitter-User*innen unter "Ableismus" zusammenfassen. Darunter wird, so erklärt es Die Neue Norm, eine Ausformung der Behindertenfeindlichkeit benannt. Ableistische Denkmuster führen demnach alles Handeln und Sein einer Person mit Behinderung auf eben ihre Behinderung zurück: Von schlechter Laune bis zum neugierigen Wesen lasse sich alles damit begründen. Eine Behinderung definiere somit alles, das Leben sei einzig dazu da, die Behinderung zu überwinden. In dem Text heißt es dazu: "Ableismus lässt uns als vielschichtige Person verschwinden, hinter einer Wand von stereotypen Annahmen."

NS-Rhetorik

Aber nicht nur Diskriminierung und die Stärkung von Stereotypen prangern die Twitter-User*innen an, auch würden manche Aussagen zu möglichen Motiven der mutmaßlichen Täterin an die NS-Zeit erinnern und gewissermaßen eine Täter-Opfer-Umkehr betreiben.

Geteilt wurde beispielsweise die Aussage eines Polizeipsychologen, der sich im Rbb nach der Tat zu möglichen Motiven geäußert hat. Er sagte: "Es kann aber auch sein, dass eine Motivation dahinter steht, die Leute zu erlösen von Leiden, die vielleicht sogar unheilbar sind."

Dazu schreibt Gehlhaar: "Wenn Medien und Entscheidungsträger*innen über die Ermordung behinderter Menschen sprechen und sich dabei NS Rhetorik bedienen, sagt das alles über die Grundhaltung zu Behinderung in Deutschland aus."

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Denn mit solchen Euphemismen arbeitete auch das NS-Regime, in dem Adolf Hitler eine Anordnung zur "Ausrottung lebensunwerten Lebens" erlassen hatte. Daraus folgte eine systematische Massentötung von Menschen mit Behinderung. Als Begründung sprach Hitler dabei zynisch vom "Gnadentod".

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Die Aktivistin Tanja Kollodzieyski stellt dazu klar: "Um nochmal festzuhalten: 4 Menschen mit Behinderung worden in Potsdam getötet. GETÖTET. Nicht erlöst. Nicht frei im Himmel. Ihr Leben wurde ausgelöscht, Gewalt tötet."

Video: Verdächtige nach Bluttat in Potsdam in Psychiatrie eingewiesen