Brände und Polizeigewalt: Clásico in Barcelona wird zur Nebensache

Ben Barthmann
Sports Editor

Der Clásico am Mittwochabend zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid ist angesichts der politischen Proteste rund um das Stadion zur Nebensache geworden. Insbesondere gegen Ende der Partie spielten sich Szenen ab, die das größte spanische Fußball-Spiel in seiner Bedeutung verblassen lassen.

Separatistische Demonstranten nutzten El Clásico für politische Zwecke. (Bild: Reuters)

Vieles bekam der durchschnittliche Zuschauer vor dem TV auf der heimischen Couch nicht mit: Als katalanische Separatisten während der zweiten Halbzeit zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid damit begannen, aufblasbare Bälle auf das Spielfeld zu werfen, entschied sich die spanische Liga schnell dazu, einige Zeitlupen und Wiederholungen einzuspielen.

Während die Ordner also darum bemüht waren, das Spielfeld möglichst schnell wieder repräsentabel zu machen, sahen die Zuschauer vor den Bildschirmen dieser Welt nichts vom schwelenden Unabhängigkeitskampf, der Katalonien seit Monaten höchst intensiv fesselt. Das Thema ist natürlich nicht erst ein paar Monate alt - seit der endgültigen Inhaftierung von separatistischen Politikern im Oktober entladen sich nur die Spannungen in einer ganz neuen Vielfalt und Härte.

Das wurde leider auch zum Ende der Partie deutlich. Ab etwa der 85. Minute war es selbst der spanischen Liga nicht mehr möglich, das Bild des völlig unpolitischen Fußball-Klassikers aufrechtzuerhalten. Laut wurde von den Mikrofonen im Stadion das Geräusch eines immer tiefer fliegenden Helikopters eingefangen, die Sicht wirkte teilweise vernebelt und rauchig.

Separatistische Demonstranten nutzten El Clásico für politische Zwecke. (Bild: Reuters)

Rauchentwicklung außerhalb des Stadions

Das lag nicht etwa an Bengalos oder anderem Feuerwerk, die Fans im Stadion hatten sich, abgesehen eben von Bällen, Bannern und Schals, verträglich verhalten, sondern vielmehr an einer starken Rauchentwicklung außerhalb des Stadions. Die Straßen rund um das Camp Nou waren während der zweiten Halbzeit des Clásicos zum Schauplatz von heftigen Konflikten geworden.

Der Stadionsprecher gab gleich mehrfach die Bitte an die Fans durch, diverse Ausgänge des Stadions zu vermeiden, weil dort Demonstranten und Polizisten aufeinandertreffen würden. Idealerweise würden die Fans gar noch einige Zeit im Stadion bleiben, um dem Aufruhr auf den Straßen zu entgehen.

Schon vor dem Spiel hatten sich die spanische Polizei und die katalanischen Mossos intensiv damit auseinandergesetzt, was im Vorfeld oder im Laufe der Partie alles hätte schiefgehen können: Blockieren der Busse, Platzsturm, Straßen- und Sitzblockaden. Wenig bis gar nichts davon trat ein.

Separatistische Demonstranten nutzten El Clásico für politische Zwecke. (Bild: Reuters)

Tsunami Democràtic organisierte mehrere Formen des Protests

Die Protest-Bewegung Tsunami Democràtic mobilisierte zwar letztlich 30.000 Menschen für die Proteste rund um den Clàsico, blieb dabei aber betont gewaltfrei. Ein Banner mit der Aufschrift “#SpainSitAndTalk” sowie ein weiteres Banner mit der Aufschrift “#Freedom” wurden während der Partie gezeigt.

Blaue Schals und kleine Plakate mit der gleichen Aufschrift waren immer wieder während des Spiels auf den Rängen zu sehen, auch die Bälle waren Teil des Tsunami-Protests. (Kuriose Begebenheit: Laut eigenen Aussagen hatten die Demonstranten die Bälle-Flut ursprünglich gar nicht geplant, waren aber durch ein Gerücht der Zeitung La Vanguardia auf die Idee gebracht worden.)

Vor dem Stadion wurden zudem Masken mit dem Antlitz von Lionel Messi verteilt worden. Diese waren mit einer klar separatistischen Botschaft beschriftet worden und wurden entsprechend von den Sicherheitskräften des FC Barcelona beim Eintritt ins Stadion konfisziert und in mehreren Mülltonnen vom Gelände geschafft worden.

Separatistische Demonstranten nutzten El Clásico für politische Zwecke. (Bild: Reuters)


Separatistische Demonstranten nutzten El Clásico für politische Zwecke. (Bild: Reuters)

Katalonien wird wieder zum Schauplatz überzogener Polizeigewalt

So richtig in die maximale Breite gehört wurde die Botschaft der Demonstranten also nicht. Dafür sorgte die spanische Regie ebenso wie die offizielle Berichterstattung und auch die Klubs auf beiden Seiten. Der FC Barcelona ist schon lange kein “echter” Unterstützer der Unabhängigkeitsbewegung mehr. Dem Klub muss zugute gehalten werden, dass viele der Demonstranten friedliche Proteste zugunsten von Vandalismus, Gewalt und Ausschreitungen niedergelegt haben.

Auch wenn der Clásico seit jeher ein Spiel großer politischer Bedeutung ist, wurde am Mittwochabend von offizieller Seite doch alles Nötige getan, um die Bedeutung rein auf das Sportliche zu zentrieren. Fußball und die Politik - das ist schon ein schwieriges Thema, wenn es nicht um den besonderen Fall des Clásicos geht.

Was allerdings durchaus Aufmerksamkeit erlangen sollte, ist die abermals überzogene Polizeigewalt rund um das Stadion. Videos davon sind zahlreich auf Sozialen Medien zu finden: Polizisten wie Mossos prügeln mit Schlagstöcken auf Demonstranten ein. Ein ganz besonders schockierendes Video zeigt mehrere Polizisten in schwerer Montur, die auf friedliche und bereits zurückweichende Menschen einschlagen.

In Barcelona sind diese Szenen seit Monaten tägliche Aktualität. Darüber wird aber noch ein viel größerer Mantel des Schweigens gelegt als über die, dann doch recht leisen, politischen Proteste im Camp Nou.

Separatistische Demonstranten nutzten El Clásico für politische Zwecke. (Bild: Reuters)