Brandenburg, Bayern: Wo Deutschland bald zur Wüste wird

Eric Leimann
·Lesedauer: 6 Min.

"Erstmals erleben wir den Klimawandel in einer Generation", hieß es in Harald Leschs ZDF-Doku, die speziell auf aktuelle und zeitnahe Veränderungen in Deutschland blickte. Was wird passieren - und wie kann man jetzt noch darauf reagieren?

Klimawandel ist normal, er würde auch ohne menschliches Zutun passieren. Durch das von uns produzierte CO2 passiert jedoch alles in zehnfacher Geschwindigkeit. Deshalb, so die gängige Auffassung der Wissenschaft, erleben wir den Wandel und all seine Folgen - enorme Hitze, Wassermangel, Dürre, Waldsterben, Stürme - gerade am eigenen Leib. In wenigen Jahren scheinen sich Veränderungen zu vollziehen, für deren Beobachtung es früher mehrere Generationen gebraucht hätte. Der weltweite Ausstoß von CO2 steigt immer noch an. Nur das Tempo des Anstiegs hat sich zuletzt verlangsamt. Allerdings müsste die Welt bis 2050 klimaneutral "funktionieren", damit die Phänomene halbwegs beherrschbar bleiben.

In einer faktenreichen Umwelt-Reportage, die an vielen Orten Deutschlands unterwegs war, erklärte Harald Lesch zur besten Sendezeit am Dienstagabend (oder in der ZDF-Mediathek), auf welche Veränderungen man sich wo in Deutschland einstellen muss. Erst im letzten Drittel der 45 Minuten dieser "ZDFzeit"-Sendung kam so etwas wie Hoffnung auf.

Temperaturen von 45 Grad: keine Seltenheit mehr in Deutschland

"Wir haben zur Zeit eine Studie laufen, die besagt, dass bis zum Ende des Jahrhunderts Temperaturen von 45 Grad keine Seltenheit mehr sind", sagt Andreas Walter vom Deutschen Wetterdienst. Seit 1881 ist es in Deutschland um 1,5 Grad wärmer geworden. Damit liegen wir über dem Schnitt von etwa einem Grad Erwärmung weltweit. "Die zehn heißesten Sommer, die wir in Deutschland beobachten konnten, liegen alle nach 2000", nahm Walter Klimawandel-Zweiflern jeglichen Wind aus den Segeln. Im ultraheißen Juli 2020 trockneten erstmals Flüsse in Deutschland aus, die zuvor immer Wasser führten. Welche Auswirkungen hat der Klimawandel in Deutschland ganz konkret - und wo schlägt er zu? Harald Lesch sammelte die Fakten.

Erstes Opfer: der deutsche Wald

Jahr für Jahr binden unsere Wälder etwa 14 Prozent der CO2-Emissionen. Doch Deutschlands Wälder - mit 32 Prozent sind wir noch das waldreichste Land Europas - sind enorm bedroht. Die weit verbreitete Trockenheit der vergangenen Jahre schwächte die Bäume so, dass der Borkenkäfer leichtes Spiel bei seinem Zerstörungswerk vorfindet. Bereits 40 Prozent des Waldbestandes sind stark geschädigt. 2018 gingen 110.000 Hektar verloren, 2019 waren es 180.000 Hektar, und bis Juli 2020 starben allein 285.000 Hektar Wald, mehr als die Fläche des Saarlandes. Zu lange, so wurde im Beitrag deutlich, hat man in Deutschland auf Monokulturen gesetzt und auf schnell wachsende, aber anfällige Nadelhölzer wie die Fichte. Mittlerweile forscht man fieberhaft daran, andere Baumarten in Deutschland zu etablieren.

Macht unsere Landwirtschaft die Grätsche?

Die statistischen Daten zeigen: Dürreperioden werden immer häufiger, und sie breiten sich über die Landkarte Deutschlands aus. Von den letzten 32 Monaten waren 23 viel zu trocken. Weil die Trockenheit in der Tiefe angekommen ist, erholen sich die Böden nicht mehr durch zwischenzeitliche Regenfälle. "Man braucht feuchte Jahre, um das zu kompensieren", sagte auch der Meteorologe Peter Hoffmann. "Zwei Monate mit viel Regen reicht da nicht mehr".

Die Folge: Deutschlands Bauern haben im dritten Jahr in Folge weniger Ernte eingefahren als im Durchschnitt der fünf Jahre zuvor. Das IFO-Zentrum für Energie, Klima und Ressourcen schätzt, dass wir in den nächsten Jahren von etwa 20 Prozent Ertragsminderung ausgehen müssen. Grund für die Hitze: Der Klimawandel hat die globalen Luftströme verlangsamt. Sogenannte "Omega-Wetterlagen", so wurde in dem Film erklärt, sorgen dafür, dass durch "stabile" Hochdruckgebiete über Mitteleuropa, regenreiche Tiefdruckausläufer häufiger um Deutschland herum gelenkt werden.

Wer produziert unser CO2? Wir selbst!

Die größten 20 Industrienationen sind für vier Fünftel des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. "Und Deutschland ist alles andere als unschuldig", formulierte es Harald Lesch. "Bei uns stehen sieben der schlimmsten Kohlenstoffschleudern Europas." Das größte Kohlekraftwerk Europas in Grevenbroich-Neurath (Rhein-Kreis Neuss) stößt jährlich 30 Millionen Tonnen CO2 aus. Tatsächlich ist Deutschland jetzt bereits auf Platz drei des weltweiten Rankings der Länder, die viel Geld für die Beseitigung von Wetterschäden zahlen müssen. Allein in Bayern gab es 2019 ein Hagelereignis, das zu summierten Schäden von einer Milliarde Euro führte.

Trinkwasser wird knapp, Küstenregionen verschwinden

Durch die Trockenheit in Verbindung mit heftigen Stürmen ergibt sich ein paradoxes Bild, das auch im ZDF-Beitrag gezeichnet wurde: Während Flüsse zunehmend versanden und das Trinkwasser im traditionell wasserreichen Deutschland immer öfter mal knapp werden wird, verschwinden Inseln und Küstengebiete ganz oder zum Teil. Der erwartete Meeresspiegelanstieg von etwa einem Meter bis zum Ende des Jahrhunderts wird die deutsche Küste verändern. Inseln wie Pellworm im Wattenmeer (1.100 Bewohner) wird es dann mit einiger Sicherheit nicht mehr geben, hieß es. Dagegen erlebte man 2020 im niedersächsischen Lauennau (Landkreis Schaumburg), wie erstmals die Trinkwasserversorgung zusammenbrach. Ein extrem seltenes Ereignis in Deutschland, das es in Zukunft öfter geben wird, sind sich Experten einig.

Die Meere heizen sich auf, Fischarten verschwinden

Das Wasser der Ostsee hat sich in der vergangenen 38 Jahren um bis zu 1,9 Grad erwärmt. Die Folge: Fischsterben und massive Veränderungen in den Nahrungsnetzen. "Das kann auch zur Ausbreitung von Krankheiten führen", erklärte Geomikrobiologin Antje Boetius. Besonders bedroht sei der Hering. Der sogenannten "Brotfisch", von dem sich viele andere Arten ernähren, hat heute nur noch halb so viele Nachkommen wie noch vor 30 Jahren.

Wie schlimm wird es bei uns?

Immer feinere Klimamodelle berechnen Best Case und Worst Case-Szenarien. Letztere gehen von vier Grad Erwärmung in Deutschland bis zum Ende des Jahrhunderts aus. "Auch bei uns könnten dann Landstriche versteppen, vor allem in Ost- und Süddeutschland", hieß es in der Lesch-Doku. Alpennahe Regionen in Süddeutschland und Brandenburg könnten zu neuen Wüstenregionen werden. "In Brandenburg aufgrund der geringen Speicherkapazität der Böden", sagt Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimaforschung. Günstige Szenarien gehen von einem Anstieg von zwei Grad aus - was aber auch schon zumindest Gletscher, Artenvielfalt und die typische Landschaft der Alpen unwiederbringlich verschwinden lassen wird.

Ein bisschen Hoffnung: Wie man dem Klimawandel begegnen kann

In der letzten Viertelstunde der Doku wurden Versuche vorgestellt, auf den Klimawandel in Deutschland zu reagieren. An einer drastischen Reduktion des CO2-Ausstoßes führe nach Auffassung der Wissenschaft zwar kein Weg vorbei, aber auch andere Projekte seien wichtig, wie die Lesch-Sendung verdeutlichte: Weil sich die Städte zunehmend in Glutöfen verwandeln - Beton speichert Wärme -, wurde im Süden Berlins das Projekt einer "Schwammstadt" gestartet. Regenwasser wird nicht mehr in Kanalisation geleitet, sondern es verbleibt in großen über- und knapp unterirdischen Becken, um das Quartier wie mit einem Schwamm zu kühlen. Auch Überschwemmungen beugen die Speichersysteme vor. Auf Helgoland wird an einer effizienteren, umweltfreundlichen Entsalzung des Meerwassers zur Gewinnung von Trinkwasser gearbeitet. Die neuartige Technik aus Deutschland wird heute bereits in wasserarmen Regionen der Welt im großen Stil genutzt. Ohnehin dürfte Klimaschutztechnik ein Exportschlager künftiger Jahre werden.

Dazu, so ein Tenor der Sendung, müssten in der Landwirtschaft jene Bestrebungen gefördert werden, die klimafreundliche Bedingungen auf den Äckern schaffen. Ziel sollte sein, dass deutsche Ackerböden vielfältiger und kleinteiliger genutzt werden, damit sie in Zukunft CO2 binden und nicht ausstoßen, fasste es der Klimaforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker zusammen. Und er erinnerte daran, dass die Politik auf diesem Gebiet noch viel zu wenig tut, obwohl längst gute Konzepte existieren. Bleibt der deutsche Wald. Man wird andere Baumarten ansiedeln müssen, damit er sich wieder erholt. Immerhin: Auch daran wird gearbeitet - selbst wenn sich die deutliche Veränderung des deutschen Mythos-Habitats wohl nicht mehr aufhalten lässt.