Brexit: Die EU wird zum Opfer ihrer Selbstgewissheit

Ulrich Ladurner

Großbritannien hat mehr Zeit für den Brexit bekommen. Das kann sich noch als schwerer Fehler der EU erweisen. Geht es weiter, wird das Drama die Union zerreißen.

Premierministerin Theresa May und Tim Barrow, Großbritanniens ständiger Vertreter bei der Europäischen Union, beim EU-Gipfeltreffen in Brüssel am 10. April 2019 © Jasper Juinen/Bloomberg/Getty Images

Die Europäische Union lebte jahrzehntelang in dem Gefühl, sie sei die beste aller Welten. Mögen andere Kriege führen, die Europäer haben die Zauberformel für den ewigen Frieden gefunden. Wohlstand und Freiheit gab es für die Bürger der Union quasi als Selbstverständlichkeit dazu. Wer Zweifel an der Überlegenheit der EU hegte, wurde auf die lange Liste von Staaten verwiesen, die Mitglied werden wollten. Sie reichte von der Ukraine über die Westbalkan-Staaten bis zur Türkei.

Diese europäische Selbstgewissheit ist scheinbar dahin. Zuerst wurde sie von Eurokrise erschüttert, dann vom Krieg in der Ukraine, und schließlich kam der ganz große Schlag: der Brexit. Am 23. Juni 2016 entschied eine Mehrheit der Briten, dass ihr Land die EU verlassen sollte. Ausgerechnet Großbritannien, die älteste parlamentarische Demokratie der Welt, wollte aus der Union austreten.

Es war ein Schock, der zu einer Erkenntnis führte: Nichts an der EU ist mehr selbstverständlich, nichts an ihr ist evident, alles steht zur Disposition. Auch ihre Existenz. Sie musste kämpfen lernen, wenn sie nicht untergehen wollte, sie musste geschlossen, entschieden und hart sein. Das war sie bis zum 10. April 2019 – bis sie Großbritannien eine Verlängerung gewährte.

Brüssels Kompromisse machen mürbe

Diese Entscheidung ist das Ergebnis eines typischen EU-Reflexes. Konflikte werden nicht durch einen Zusammenstoß auf offenem Feld entschieden, sie werden kleingemahlen und wegverhandelt, man bleibt so lange am Tisch sitzen, bis alle einem Kompromiss zustimmen, und sei es aus purer Erschöpfung. Die Brüsseler Kompromissmaschine hat schon die härtesten Krieger mürbe gemacht.

Die Verlängerung des Brexits folgt dieser Logik. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Einsicht. In ihr schimmert die alte Selbstgewissheit der EU durch: Die Briten brauchen nur noch etwas Zeit zum Nachdenken, bis sie merken, wie dumm ihre Entscheidung war, dann werden sie ein zweites Referendum abhalten und sich für den Verbleib in der Union entscheiden.

Niemand sagt das offen, aber viele in Brüssel hoffen das, einige glauben es. Die gütige Mama EU wird dann die reuigen Briten wieder aufnehmen wie verlorene Söhne und Töchter, die sich kurzzeitig im Irrgarten des Populismus verlaufen haben. Die Hoffnung stützt sich auf der Annahme, dass die Kräfte, die in Großbritannien am Wirken sind, sich bändigen lassen. Man muss ihnen nur Raum und Zeit geben, sich auszutoben. Doch diese Hoffnung ist trügerisch.

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