Buch „Allein unter Flüchtlingen“: Warum nahm Deutschland mehr Menschen auf als andere Länder?

„Willkommen Flüchtlinge“: Was ist der Grund für die hohe Anzahl der Geflüchteten in Deutschland? (Bild: ddp Images)

Der amerikanisch-israelische Journalist Tuvia Tenenbom hat sich in seinem neuesten Buch „Allein unter Flüchtlingen“ auf Spurensuche begeben: Der wegen seiner provokanten Art umstrittene Autor geht darin der Frage nach, warum Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern, viel mehr Geflüchtete aufgenommen hat. Als Gast in der Sendung „Kulturzeit“ des TV-Senders 3sat verdeutlichte Tenenbom jetzt seine Thesen.

Laut des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat Deutschland im Jahr 2016 gut 280.000 asylsuchende Menschen im EASY-System registriert, davon haben etwa 256.136 auch die offizielle Anerkennung als Flüchtling bekommen. Damit wurden hier allein in den erste drei Quartalen des Vorjahres mehr Asylanträge gestellt als in allen anderen 27 Staaten, wie „WeltN24“ in einem Bericht schreibt. Den zweiten Platz nimmt laut dem Online-Magazin mit 85.000 Anträgen – und deutlichem Abstand – Italien ein. Danach folgt Frankreich mit 62.000 Anträgen. Doch warum nimmt Deutschland mit zwei Dritteln der insgesamt 988.000 Asylanträgen mehr Schutzsuchende auf, als all die anderen Staaten? Tenenbom sucht nach Antworten:

In dem jüngsten „Kulturzeit“-Beitrag heißt es dazu: „Es tut den Deutschen gut, die Guten zu sein. Endlich geliebt zu sein.“ Autor Tuvia Tenenbom selbst stellt in seinem Buch die Frage: „Wer braucht wen mehr: Die Flüchtlinge Deutschland? Oder die Deutschen die Flüchtlinge? Er schlussfolgert in dem „Kulturzeit“-Interview, dass sich beide Seiten einfach perfekt ergänzen: Die einen, die geliebt werden wollen und die anderen, die um Hilfe bitten.“ Eine Symbiose, die in Deutschland unter anderem zu der hohen Zahl an Flüchtlingen führte.

„Mutti Merkel“ sieht Tenenbom als Beispiel für die deutsche Inkonsequenz. (Bild: AP Photo)

Auch zur Rolle von Angela Merkel in dieser Angelegenheit entwickelt Tenenbom in seinem Buch eine These: „Mutti Merkel“, wie der Journalist die deutsche Bundeskanzlerin nennt, passe nach Ansicht des Buchautors bestens ins Konzept der von ihm so bezeichneten deutschen Inkonsequenz: Einerseits pflege sie mit ihrer Politik eine große Willkommenskultur, andererseits zeige sie sich erfreut über die Schließung anderer europäischer Grenzen, so Tenenbom.

Im Gespräch mit „Kulturzeit“-Moderatorin Cécile Schortmann bemängelte er, dass Deutschland Flüchtlinge in großer Zahl empfing, den Menschen dann aber keine adäquaten Bedingungen für das Leben hier bieten konnte – ebenfalls ein Zeichen für die typische deutsche Inkonsequenz. Tenenbom: „Was passiert, wenn die erst mal hier sind? Keiner hatte sich darüber Gedanken gemacht. Wie behandelt man die Leute dann?“

Sogar die sonst klare Linie zwischen linken und rechtsgerichteten Politikern sei in Deutschland eher schwammig, findet der in Tel Aviv geborene Journalist. In den zahlreichen Recherche-Gesprächen mit politischen Vertretern wie Gregor Gysi (Die Linke) oder Frauke Petry (AfD) sah er keinen großen Unterschied zwischen deren Ansichten. Dies sei laut Tenenbom auch ein Grund, warum Flüchtlinge hier politisch kaum etwas zu befürchten hätten und gern die deutsche Gastfreundschaft in Anspruch nehmen würden.

Bereits 2010 war der Autor für sein Buch „Allein unter Deutschen” sechs Monate durch Deutschland gereist. Mit „Allein unter Flüchtlingen“ (Suhrkamp, 2017) kommt – nach „Allein unter Juden” und „Allein unter Amerikanern“ jetzt das Ergebnis seiner jüngsten Reise durch die Bundesrepublik auf den Markt.

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