Buch: Chris Kraus und die Schatten der Vergangenheit

Ein Schelmenroman über einen SS-Täter, geht das? Der Berliner Filmregisseur Chris Kraus beweist es. Auf sage und schreibe 1200 Seiten.

Seine Bettnachbarn im Krankenhaus kann man sich nicht aussuchen. Das weiß jeder aus leidiger Erfahrung. So schlimm wie den Hippie Basti in Chris Kraus' Roman "Das kalte Blut" aber kann es einen eigentlich nicht treffen. Der Anfang 30-Jährige, der an die Grundharmonie allen Seins glaubt, hat mit seiner untertassengroßen Titanschraube im Kopf eigentlich genug zu schaffen.

Aber der alte Mann mit dem Schussprojektil im Schädel, der in sein Zimmer verlegt wird, will erst mal gar nichts von sich geben. Fängt dann doch an. Und hört nicht mehr auf. Auch nicht, als der Hippie längst nicht mehr zuhören mag. So schrecklich ist die Lebensbeichte, die ihm da erzählt wird.

Man möchte nicht weiterlesen und tut es dann doch

Es ist eine Geschichte von deutscher Schuld, von Völkermord, Spionage-In­trigen und lauter menschlichen Abgründen. Der Hippie ist nur eine Randfigur, das Krankenzimmer stellt lediglich die Rahmenhandlung. Das Buch erzählt aus der Ich-Perspektive die Geschichte von Konstantin Solm, genannt Koja, die auch die seines Bruders Hubert ist. Und die von Ev, einer Waisen, die in die Familie aufgenommen wird, also eine Art Schwester ist, und doch für beide Männer mehr wird. Eine quasi-inzestuöse Dreiecksgeschichte, die ein Dreivierteljahrhundert umfasst.

Von der Kindheit in Riga, von der russischen Revolution, die die Familie in Armut stürzt, den deutschnationalen Strömungen im Baltikum, die den Bruder aus tiefster Überzeugung – Koja eher aus passiver Trägheit – zur NSDAP führen und in...

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