Bulgarien: Und immer sollen die Roma schuld sein

Peter K. Wagner, Denise Hruby

Roma werden in Bulgarien überall diskriminiert, immer wieder entlädt sich der Hass auf die Minderheit in Gewalt. Vor der Europawahl nutzen rechte Parteien die Stimmung.

Nach gewaltsamen Anti-Roma-Protesten in Gabrowo begann die Stadtregierung mit dem Abriss mutmaßlich illegal von Roma errichteter Gebäude. Auf das Haus der Familie Hristow flogen Steine, später rückte der Bagger an, hier durchsucht die Schwester von Familienoberhaupt Wassil Hristow die Trümmer. © Arno Friebes für ZEIT ONLINE

Als die ersten Steine über den Wohnzimmerboden rollten, verbarrikadierte sich die Familie Hristow im Badezimmer. Es ist der Raum des Hauses, in dem keine Fenster sind, die zertrümmert werden können. Drei Generationen kauerten ängstlich am Boden und lauschten den Rufen der fast 2.000 Menschen vor ihrer Tür. Sie hatten eine eindeutige Botschaft mitgebracht: "Kommt raus, wir machen Seife aus euch." So erzählt es die Familie später.

Eigentlich ist Gabrowo, gelegen im gebirgigen Norden Bulgariens, als Zentrum des Humors und der Komödie bekannt. Die Stadt gilt als wohlhabend, gepflegt und perfekt für Familien. Nicht in dieser Nacht. Die fanatische Menschenmenge zog schließlich weiter, suchte anderswo nach Mitgliedern der verhassten ethnischen Minderheit. Die Familie Hristow lief durch das Haus, über den erdigen Vorhof, hin zum Minivan, mit dem sie aus ihrer Heimatstadt flohen. Für Roma wie sie, so teilte ihnen die Polizei mit, sei Gabrowo nicht mehr sicher.

Seit seiner Geburt nennt Familienoberhaupt Wassil Hristow die kleine Stadt Heimat. Vor dem Gesetz sind er, seine Kinder und Enkelkinder den Menschen gleichgestellt, die ihnen in dieser kalten Aprilnacht mit dem Tod drohten. Im Alltag werden Roma allerdings auf fast allen Ebenen diskriminiert – von separaten Behandlungsräumen in Krankenhäusern bis zu getrenntem Unterricht in den Schulen. Für viele ethnische Bulgaren ist die Volksgruppe ein Feindbild. Die Minderheit wird für nahezu alle sozialen und wirtschaftlichen Übel eines Landes verantwortlich gemacht, das als ewiges Schlusslicht der EU gilt. Es herrscht eine kollektive Verachtung, die sich immer wieder entlädt. In Extremfällen, wie jüngst in Gabrowo, bedeutet diese Entladung pogromartige Aufstände. In der kleinen Stadt wurden nicht nur Familien bedroht und Nachbarn aus der Stadt gejagt, auch manche Häuser wurden niedergebrannt.

"Gabrowo muss von den Roma gesäubert werden"

Der Auslöser war eine Prügelei. Drei angetrunkene junge Roma hatten in einem 24 Stunden geöffneten Supermarkt im Zentrum der Stadt einen Streit begonnen. Es kam zu einem Handgemenge mit einem Angestellten. Nichts, was man sich in seiner Nachbarschaft wünscht, aber auch kein vorsätzliches Handeln einer kriminellen Bande. Und doch verbreiteten sich die Bilder der Überwachungskamera rasant im ganzen Land. Selbst die Politik nutzte den Vorfall, um die Minderheit öffentlich zu diffamieren. Auf einer Pressekonferenz sprach der stellvertretende Premierminister Krassimir Karakatschanow von "immer unverschämteren Zigeunern". Swetlana Dontschewa schrieb auf Facebook: "Gabrowo muss von den Roma gesäubert werden." Dontschewa ist die Frau eines weiteren stellvertretenden Premierministers, der EU-Projekte zur Integration der Roma verantwortet.

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