Bundesliga: FCB: Boateng wie zu seinen besten Zeiten

Jerome Boateng war eigentlich schon weg vom FC Bayern. Gegen Leipzig rückte er kurzfristig in die Startelf - und zeigte, dass mit ihm zu rechnen ist.

Jerome Boateng war eigentlich schon weg vom FC Bayern. Gegen Leipzig rückte er kurzfristig in die Startelf - und zeigte, dass mit ihm zu rechnen ist.

Nur wenige Augenblicke vor Anpfiff hatte Tim Thoelke, stets in extravaganten Anzügen auftretender Stadionsprecher bei RB Leipzig, noch eine Ansage zu machen. Eine "Korrektur", erklärte er. Anstelle der Nummer 27, David Alaba, spiele die Nummer 17, Jerome Boateng, bei den Gästen vom FC Bayern München.

Boateng, derjenige, von dem man sich beim deutschen Rekordmeister noch vor rund zwei Wochen quasi verabschiedet hatte. Zu Juventus sollte es kurz vor Schließung des Transferfensters noch gehen, weil sich bei der Alten Dame Giorgio Chiellini eine Kreuzbandverletzung zugezogen hatte. Sinnvoll für alle drei Parteien, weil der 31-Jährige trotz guter Vorbereitung in den Planungen von FCB-Trainer Niko Kovac keine (Haupt-) Rolle mehr spielte.

Keine Spielzeit, keine großen Worte, keine Hochglanz-Bildchen mit aufgesetztem Grinsen in Lederhosen und mit alkoholfreiem Bier in der Hand. Statt des Shootings für einen Weißbierhersteller gab es von Boateng ein Instagram-Foto, das ihn, den langjährigen Leistungsträger, den Triple-Sieger und Weltmeister, mit einigen seiner Mannschaftskollegen am Esstisch der heimischen Terrasse zeigte. Lucas Hernandez war beispielsweise dabei, auch Niklas Süle und Neuzugang Philippe Coutinho, Kapitän Manuel Neuer hatte sich ebenfalls die Ehre gegeben. Eine Szenerie, die vermittelte: zwischenmenschlich stimmt es, ein versöhnlicher Abschied eben.

Jerome Boateng bei den Bayern: Ein Jahr voller Tiefpunkte

Ein Abschied, der bekanntermaßen keiner war. Boateng blieb, weil Juventus sich gegen eine Verpflichtung entschied, den Kader trotz des Chiellini-Ausfalls für gut genug befand. Nur ein Kapitel an Rückschlägen, die der ehemalige Nationalspieler in den letzten Monaten hinnehmen musste.

Schon im Sommer 2018 wäre Boateng gerne gegangen, wurde aber vom damaligen Neu-Trainer Kovac zurückgepfiffen. Dann die Ausbootung in der Nationalmannschaft, der Stammplatzverlust im Klub, die öffentliche Wechselempfehlung von Präsident Uli Hoeneß inklusive der Deklaration zum "Fremdkörper". Als unrühmlicher Höhepunkt kam ausgerechnet an Boatengs Geburtstag heraus, dass die Staatsanwaltschaft wegen gefährlicher Körperverletzung gegen ihn ermittelt.

Und dann, wenige Tage später, im bis dato wichtigsten Saisonspiel, stand er plötzlich da. In der Startelf. Alaba könne "wegen muskulärer Probleme nicht antreten" ließ der offizielle Twitter-Kanal der Bayern seine Follower wissen. Mittlerweile ist klar, dass der Österreicher den Münchnern länger fehlen wird. Er hatte sich beim Aufwärmen einen Muskelfaserriss zugezogen.

Hernandez, von Kovac eigentlich als Innenverteidiger präferiert, rückte nach links, Boateng erhielt die vakante Stelle im Zentrum - und zeigte eindrucksvoll, dass er da ist, wenn er gebraucht wird. Wer einen beleidigten Boateng erwartet hatte, jenen Boateng, der in der Vorsaison als Stinkstiefel aufgefallen war, Meisterfeiern sausen ließ und nicht unbedingt den Eindruck vermittelte, gerne Teil der Mannschaft zu sein, sah sich getäuscht. Vielmehr kam die Darbietung einer Trotzreaktion gleich.

FC Bayern: Jerome Boateng mit gelungenem Saison-Debüt

Unaufgeregt wie zu seinen besten Zeiten ließ der gebürtige Berliner den Ball durch die Kette zirkulieren, spielte bisweilen intelligente Pässe in die Spitze und zeigte sich kompromisslos im Zweikampf. Über 75 Prozent seiner direkten Duelle entschied Boateng für sich, in der Luft behielt er stets die Oberhand. Zudem kam er auf die meisten Balleroberungen aufseiten der Gäste. Eine Leistung, die dem Defensivspezialisten gutgetan haben dürfte, aber eigentlich nur das bestätigte, was sich eigentlich während des gesamten Sommers abgezeichnet hatte.

Allesamt hatten sie von ihm geschwärmt, selbst Karl-Heinz Rummenigge, der nicht unbedingt als Boateng-Fürsprecher gilt, hatte lobende Worte gefunden. "Er hat das gut gemacht, er hat sich top vorbereitet auf die Reise. Er kam mit bestem Gewicht und schon einer gewissen Fitness", sagte der Vorstandsboss im Juli im Hinblick auf Boatengs Zustand vor der US-Tour der Bayern und schob nach: "Wie sich Jerome innerhalb der Mannschaft und des Klubs bewegt hat, war sehr positiv. Er hat Pluspunkte gesammelt."

Auch Thomas Müller verpasste seinem Teamkollegen einen verbalen Schulterklopfer. Im Rahmen des Audi Cups in der Allianz Arena erklärte der Angreifer: "Dieser Jerome Boateng, der so Fußball spielt, der tut uns gut."

Boateng: Empfehlung für weitere Startelf-Einsätze oder kurzes Intermezzo?

Eine Aussage, die Müller sicherlich auch im Anschluss an die Begegnung mit den Roten Bullen unterschrieben hätte. Doch, wie geht es nun weiter? Handelte es sich bei dem Einsatz in der Messestadt lediglich um ein kurzes Intermezzo, oder darf sich Boateng berechtigte Hoffnungen machen, auch am kommenden Mittwoch spielen zu dürfen, wenn Roter Stern Belgrad zum ersten Spieltag der Champions League in Fröttmaning aufschlägt?

Klar ist, dass Alaba - wie bereits skizziert - ausfällt und Hernandez theoretisch erneut als Linksverteidiger auflaufen könnte. Immerhin kommt er in der französischen Nationalmannschaft ausschließlich auf der defensiven Außenbahn zum Einsatz. Der Neuzugang von Atletico Madrid hatte gegen Leipzig vor allem im zweiten Durchgang allerdings seine lieben Mühen. Sollte Kovac wieder davon abrücken, auf Boateng zu bauen, könnte Alphonso Davies die Alaba-Rolle einnehmen und Hernandez zurück in die Innenverteidigung rotieren, wo er bisher zu überzeugen wusste.

Aber: Kovac hatte in den vergangenen Monaten immer wieder betont, dass Boateng "die gleichen Chancen" habe wie alle anderen Spieler im Bayern-Kader. Unverhofft hat er nun eine der von Kovac zitierten Chancen bekommen. Man muss konstatieren, dass er sie genutzt und sich für weitere empfohlen hat.

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