Bundesliga: Dietrich: Oscar für schlechteste Opferrolle

Der VfB Stuttgart ist nach dem Abbruch einer im negativen Sinne denkwürdigen Mitgliederversammlung und dem nun folgenden Rücktritt von Präsident Wolfgang Dietrich an einem neuen Tiefpunkt in der Vereinsgeschichte angekommen - und das nicht mal zwei Monate nach dem Abstieg. Dass Dietrich sich in der Opferrolle vom VfB verabschiedet, ist unangebracht und entlarvend zugleich. Ein Kommentar von SPOX-Chefreporter Florian Regelmann.

Der VfB Stuttgart ist nach dem Abbruch einer im negativen Sinne denkwürdigen Mitgliederversammlung und dem nun folgenden an einem neuen Tiefpunkt in der Vereinsgeschichte angekommen - und das nicht mal zwei Monate nach dem Abstieg. Dass Dietrich sich in der Opferrolle vom VfB verabschiedet, ist unangebracht und entlarvend zugleich. Ein Kommentar von SPOX-Chefreporter Florian Regelmann.

"Ich hätte auch den Grad an Feindseligkeit und Häme, wie am gestrigen Tag erlebt, nicht für möglich gehalten." Wer Wolfgang Dietrichs Rücktrittserklärung liest, ist nicht überrascht. Dietrich verabschiedet sich in der Opferrolle, ist sich keiner Fehler bewusst. Einen Hauch Selbstreflexion sucht man vergeblich.

Stattdessen macht er nebulöse Andeutungen ("Allen Gremien wünsche ich die Kraft und das wache Auge, nicht zuzulassen, dass Einzelne sich den VfB Stuttgart für ihre persönlichen oder wirtschaftlichen Interessen zunutze machen") und tritt im Stolz gekränkt nach, auch wenn sich nicht erschließt, gegen wen genau.

Dietrich war ein Präsident, der seinen Kritikern immer wieder mit der alten Leier begegnete. Er ist das Opfer, er sucht doch den Dialog - und überhaupt steigen doch die Mitgliederzahlen. Dietrich hat nie verstanden, worum es seinen Gegnern geht. Zu 0,0 Prozent hat er es verstanden. Zu 0,0 Prozent wird er es jemals verstehen.

Sollte es wirklich Drohungen gegen Dietrich gegeben haben, ist das selbstredend aufs Schärfste zu verurteilen. Es gleicht aber einer Diskussion auf Kindergarten-Niveau, wenn wie zuletzt beispielsweise ein seit Jahren auf Bannern benutzter Stempel als Fadenkreuz verstanden werden will.

Dietrich hat den VfB tief gespalten

Dietrich hat sich bei der Mitgliederversammlung und nun auch bei seinem Rücktritt selbst entlarvt. Mit abenteuerlichen Äußerungen wie dieser hier: "Es gibt den Spruch: Wenn die Mannschaft gewinnt, war es der Trainer. Wenn die Mannschaft verliert, war es der Präsident." Sagt ein Mann, der zwei Sportvorstände vor die Tür setzte. Dass Dietrich die Frage, warum er gegenüber den Mitgliedern vor seiner Wahl nicht seine genaue Involvierung beim Finanzinvestor Quattrex offenlegte, nun aus dem Nichts auf eine Auflage der DFL schob, mutete mindestens seltsam an und passte ins Bild.

Dietrich hat es geschafft, eine bemerkenswert treue Anhängerschaft (30.000 verkaufte Dauerkarten in Liga 2 sprechen für sich) so tief zu spalten, wie es noch nie jemand in der VfB-Geschichte getan hat. Jegliche "Feindseligkeit" hat er selbst durch seine Verhaltensweise heraufbeschworen.

Bei der Mitgliederversammlung bildete sich bei den VfB-Fans einmal mehr ein Gemisch aus Fassungslosigkeit, Wut und Trauer. Wer dachte, der VfB könnte eine katastrophale Abstiegssaison, vor der man mal eben 61 Millionen Euro in den Kader gepumpt hatte, nicht mehr unterbieten, der sah sich getäuscht. Warum soll auch nicht ausgerechnet der Verein, dessen Ex-Präsident gebetsmühlenartig die tollen Rahmenbedingungen in den Himmel lobte, an einem nicht funktionierenden W-LAN scheitern? Es hat was von Comedy, was der Verein für Bewegungsspiele in diesen Tagen veranstaltet.

Noch schlimmer als der Abstieg

Die Mitgliederversammlung hat den einst stolzen VfB zur nationalen Lachnummer gemacht, aber wenn man genauer hinsieht, war es im Grunde nur das i-Tüpfelchen. Der zweite Abstieg innerhalb von nur drei Jahren war schlimm, was der Verein seitdem veranstaltet, ist noch schlimmer.

Es ging schon los mit dem zum Event hochgejazzten Trainingsauftakt, bei dem die Zuschauer meinen konnten, hier präsentiert sich ein Champions-League-Teilnehmer. Demut? Ein Gespür für die Situation? Fehlanzeige. Weiter ging es beispielsweise erst vergangene Woche bei einer "VfB im Dialog"-Veranstaltung, die in Wirklichkeit pures Alibi war und Dialog-Bereitschaft nur suggerierte.

Obwohl die Situation so schlimm ist wie nie, gab es aber auch Gewinner der Mitgliederversammlung. Da waren zum einen die vielen inhaltlich starken Reden der Dietrich-Gegner, die mit einer bemerkenswerten Sachlichkeit das gezeichnete Bild der Anti-Dietrich-Fraktion als "Krakeeler" eindrucksvoll zerstörten. Auch deshalb ist es unredlich von Dietrich, sich in der Opferrolle zu verabschieden.

"MitHitzeinWir" - Alle Hoffnungen ruhen auf Hitzlsperger

Und da war Thomas Hitzlsperger. Die Beliebtheit des Sportvorstands ist durch seinen erneut sympathischen Auftritt, bei dem er cleverer Weise darauf verzichtete, Dietrich ausdrücklich zu unterstützen, ins Unermessliche gestiegen. Hitzlsperger verkörpert die beim VfB aktuell so sehr vermissten Werte wie Integrität und Aufrichtigkeit wie kein Zweiter.

Hitzlsperger ist der einzige Mann, der die Kraft besitzt, den VfB wieder zu einen. Hitzlsperger ist es auch, der dafür verantwortlich ist, dass sich im Schatten der Peinlichkeiten ein zartes Pflänzchen entwickelt hat. Sowohl der Eindruck von Sportdirektor Sven Mislintat als auch von Coach Tim Walter ist in ihrer Anfangszeit exzellent. Mislintat überzeugt bei jedem öffentlichen Auftritt inhaltlich und gibt sich äußerst fannah.

Walter hat schon in der Vorbereitung bewiesen, dass er genau der Trainer ist, den Hitzlsperger sich gewünscht hat, wenn er davon spricht, dass die Fans die VfB-Spieler in Zukunft wieder mehr im gegnerischen Sechzehner sehen sollen als im eigenen.

Walter-Fußball in the making

Die Vorbereitung des VfB hatte bislang ihre Aufs und Abs, aber es fällt schwer, nicht beeindruckt zu sein. Beim 3:2-Testspielsieg des VfB beim FC Basel sahen Zuschauer vor dem Tor von Santiago Ascacibar eine so lange Passzirkulation, wie es sie in der Geschichte des VfB wahrscheinlich noch nie gegeben hat. Ein solch klare Spielphilosophie hat man beim VfB seit der letzten Meisterschaft 2007 vermisst.

Mehr noch: Es ist ein völlig neuer Spirit zu erkennen, den gerade Neuverpflichtungen wie Atakan Karazor als neuer Taktgeber im Mittelfeld verkörpern. Dass die Tür für den eigenen Nachwuchs sperrangelweit offensteht (O-Ton Mislintat), beweisen zum Beispiel die Fälle David Grözinger, Luca Mack oder Antonis Aidonis. Sollte Sturm-Hoffnung Leon Dajaku wirklich zu den Bayern wechseln, wäre es ein Schönheitsfehler, er würde die Glaubwürdigkeit von Hitzlsperger, Mislintat oder Walter aber in keiner Weise beschädigen.

Dass die Strategie bei der Kaderplanung an jene erinnert, für die Jan Schindelmeiser noch entlassen wurde, ist Ironie des Schicksals. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie damals richtig war und auch heute richtig ist. Ja, der VfB ist ein Chaosverein geworden, nach dem Dietrich-Rücktritt ist er aber wieder ein Chaosverein mit Zukunft. Das zarte Pflänzchen kann jetzt - hoffentlich - in Ruhe wachsen.