Hilfslieferungen aus aller Welt erreichen Corona-Hotspot Indien

Atish Patel und Glenda Kwek
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Im Kampf gegen das Coronavirus bekommt das von der Pandemie besonders stark getroffene Indien nun Hilfe aus aller Welt: Eine Bundeswehr-Maschine brachte am Wochenende dutzende Beatmungsgeräte und Medikamente nach Neu Delhi, aus Frankreich trafen acht Sauerstoffproduktionsanlagen und Beatmungsgeräte ein. London versprach weitere tausend Beatmungsgeräte, nachdem es bereits eine erste Lieferung abgeschickt hatte. Die indischen Behörden meldeten derweil mit knapp 3700 Toten binnen eines Tages so viele Corona-Opfer wie noch nie.

Indien erlebt derzeit eine heftige zweite Corona-Welle. Das Gesundheitssystem ist völlig überlastet, am Samstag und Sonntag wurden jeweils rund 400.000 Neuinfektionen pro Tag registriert. Der deutsche Botschafter Walter Lindner sprach bei der Ankunft der deutschen Hilfslieferung in Neu Delhi von "herzzerreißenden Szenen" in dem Land: "Die Leute sterben zum Teil vor den Krankenhäusern und haben keinen Sauerstoff mehr."

Die Krankenhäuser in Neu Delhi veröffentlichen seit Tagen Hilferufe im Internet, weil sie nicht genügend Sauerstoff für Covid-19-Patienten haben. Am Samstag starben laut örtlichen Medienberichten bis zu zwölf Patienten in einem Krankenhaus der Hauptstadt, weil Sauerstoff für die Beatmungsgeräte fehlte. Premierminister Narendra Modi erklärte, die Regierung prüfe derzeit, ob auch Stickstoffanlagen zur Produktion von Sauerstoff eingesetzt werden könnten.

An Bord der ersten deutschen Hilfsmaschine waren auch 13 Kräfte des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, die in den kommenden 14 Tagen vor Ort eine Anlage zur Gewinnung von Sauerstoff aufbauen und deren Bedienung erklären sollen. Die Sauerstoffanlage selbst wird laut Bundeswehr Mitte der Woche nach Indien geflogen.

"Im Kampf gegen die Pandemie müssen wir alle zusammenstehen", hob das Bundesverteidigungsministerium auf Twitter hervor. "Die Welt ist nicht sicher, bis wir alle sicher sind. Es ist also dringend", sagte Frankreichs Botschafter Emmanuel Lenain am Sonntag nach der Ankunft einer französischen Lieferung mit Sauerstoffanlagen und Beatmungsgeräten in Neu Delhi.

Am Freitag war in Indien eine erste Hilfslieferung aus den USA eingetroffen. In dem Schwellenland wurden allein seit Anfang April rund sieben Millionen Ansteckungen verzeichnet, insgesamt gab es dort seit Beginn der Pandemie mehr als 19,5 Infektionen, mehr als 215.000 Menschen starben nach einer Corona-Infektion.

Großbritannien versprach am Wochenende weitere tausend Beatmungsgeräte, nachdem es bereits eine erste Lieferung nach Neu Delhi geschickt hatte. Großbritannien werde Indien in dieser "Stunde der Not" so gut wie möglich beistehen, sagte Außenminister Dominic Raab der BBC. Regierungsangaben zufolge will London allerdings keinen Impfstoff in das Land senden, da es keine Dosen übrig habe.

In Großbritannien lebt eine große indische Gemeinschaft, die sich größtenteils an den Aufrufen nach Spenden beteiligt hat. Vielen gehen die Hilfslieferungen der Regierung in London aber nicht weit genug. Mitglieder der Association of Physicians of Indian Origin (Bapio) bieten deshalb Online-Sprechstunden für Patienten in Indien an, die keine dringende Behandlung benötigen. Damit wollen sie die Mediziner vor Ort entlasten.

Der dramatische Anstieg der Zahlen ist möglicherweise unter anderem auf die neue Virusvariante B.1.617 zurückzuführen. Viele Länder, darunter Deutschland, haben daher Einreisebeschränkungen für das 1,3-Milliarden-Einwohner-Land verhängt.

Australien verschärfte am Samstag sein Einreiseverbot weiter. Ab Montag müssten alle Einreisenden, die sich in den vergangenen 14 Tagen in Indien aufgehalten haben, neben Geldstrafen auch mit Haftstrafen von bis zu fünf Jahren rechnen, teilte die Regierung mit.

Davon betroffen sind auch tausende Australier, darunter professionelle Cricket-Spieler. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisierte, statt auf Strafen zu setzen, müsse Australiens Regierung Wege finden, ihre Bürger sicher heimzuholen.

Im Kampf gegen die Pandemie will Indien derweil seine Impfkampagne beschleunigen. Am Samstag wurden Corona-Impfungen für alle Erwachsenen freigegeben. Allerdings steht nicht genug Impfstoff zur Verfügung und Menschen unter 45 Jahren können sich nur online zur Impfung anmelden - für arme Bewohner ländlicher Gebiete ohne Internetanschluss ein Ding der Unmöglichkeit.

gap/jes