Bushido bei Maischberger: Extreme Kunst ist wie extremer Sex

Wo enden die Grenzen des guten Geschmacks? Wo wird es “zu korrekt”? Was darf Sprache und was nicht? Einig wurden sich die Gäste um Maischberger nicht. Foto: WDR/Max Kohr

Das wird man doch wohl noch sagen dürfen! Oder nicht? „Wie diskriminierend ist Sprache?“, fragte Sandra Maischberger am Mittwochabend. Einmal mehr war der Aufhänger – natürlich – der Skandal um die Gangster-Rapper Kollegah und Farid Bang. Immerhin etwas Gutes hat die Diskussion mittlerweile bewirkt: Der vollkommen überbewertete, zur belanglosen Bauchnabelschau der Musikindustrie verkommende ECHO wurde mittlerweile wegen der Querelen abgeschafft.

Selten wurde in den Feuilletons öfter und leidenschaftlicher über deutschen Hip-Hop diskutiert, mittlerweile hat sich jeder von Rang und Namen eingeklinkt: von Moritz Bleibtreu bis hin zu Helene Fischer, der bei der Echo-Verleihung noch ihre Sprachlosigkeit vorgeworfen wurde. Doch damit nicht genug. Die Nachwehen, verspätete Gespräche über Kunstfreiheit, Antisemitismus, Taktlosigkeit und Provokation, dieser ganze Rattenschwanz zieht sich nun weiter, von Talkshow zu Talkshow.

Im Zentrum bei Maischberger stand nun gestern also die Frage, ob und inwiefern uns eine politisch korrekte und gendergerechte Sprache zu besseren Menschen macht. Eindeutig wohl eine rhetorische Frage, das klingt schnell durch. Der Aufhänger: Wer in Deutschland heute noch vom “Negerkuss” und “Mohrenkopf” spricht oder “Zigeunerschnitzel” bestellt, darf sich Rassist schimpfen lassen, wer darüber rappt, definierter zu sein als ein Auschwitzinsasse bekommt einen renommierten Musikpreis.

Es diskutierten:

Peter Hahne, Fernsehmoderator und Buchautor, er wehrt sich gegen das angebliche Diktat der “Gutmenschen”, er warnt vor übertriebener politischer Korrektheit und weist auf sprachliche und mediale Absurditäten im Alltag hin.

Annabelle Mandeng, Schauspielerin, ihr Vater stammt aus Kamerun

Florian Schröder, Kabarettist

Teresa Bücker, Journalistin und Feministin, setzt sich für Frauenrechte und gegen Alltagssexismus ein.

Marlies Krämer (80). Die Feministin erreichte, dass Tiefdruckgebiete heute nicht nur weibliche, sondern auch männliche Vornamen tragen. Zuletzt stritt sie mit der Sparkasse darum, auf Formularen als “Kundin” angesprochen zu werden.

Und der Stargast des Abends: Bushido, Rapper, der sich offenbar auch einmal wieder ins Gespräch bringen muss. Bereits in der Sendung des Satirikers Serdar Somuncu verteidigte Bushido Rap als Kunstform, bei der fast alles erlaubt ist.

“Das ist so ein plattes Argument”

Klar, dass Maischberger seinen Auftritt nicht verpuffen lassen kann, ohne den Rapper auf einige seiner Songtexte anzusprechen.

Sie zitiert (und es klingt dabei, als lese sie aus den (Hass-)Kommentarspalten einer x-beliebigen Zeitung): “Ich schieß’ auf Claudia Roth und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz” – und fragt: “Fürchten Sie nicht, das jetzt jemand wirklich schießen könnte?”

“Das ist so ein plattes Argument”, ereifert sich der Rapper. Das sei doch schließlich ganz eindeutig Kunst, nicht so ernst und schon gar nicht wörtlich zu nehmen: “Wenn ich sage, jemand wird in den Arsch gefickt wie Klaus Wowereit, wo ist da das Problem?” oder: “Was ist schlimm, wenn ich sage: Armes Deutschland, ich f…. deine Huren?”

Was er mache, sei “eine extreme Form von Kunst”, genauso wie manche “eben eine extreme Form von Sex” bevorzugen und “Schmerzen ertragen”. Ob er sich damit zum neuen Star der BDSM-Szene mausern wird? Es kann bezweifelt werden.

Kollegah und Farid Bang hingegen, da folgt Bushido jedenfalls dem Mainstream, “haben die Moralgrenze überschritten”, weil sie andere verletzt haben, Gruppen beleidigt, angegriffen. Klar, auch er habe mit extremen Provokationen gespielt. Alles eine Frage der Vernunft und der Hörer: “Menschen, die mit so einer Musik groß geworden sind, wissen, wie man das zu nehmen hat.”

Große Diskussionen, kaum Einigkeit

Ansonsten herrschte wenig Einigkeit in der Runde. Kein Wunder, bei den verschiedenen Ansichten der anwesenden Gäste:  Zum einen sind da Menschen wie Peter Hahne. Er besteht darauf, weiterhin vom “Zigeunerschnitzel” sprechen zu dürfen. Weil…warum auch nicht? Ist doch immer so gewesen. Teresa Bücker wirft ihm Ignoranz und Rassismus vor. Wird man wohl noch sagen dürfen! Das wiederum aber gefällt Hahne ganz und gar nicht. Als Rassist will er nicht gesehen werden. Sicher scheint: Auch beim nächsten Besuch eines gutbürgerlichen Restaurants wird er sein Zigeunerschnitzel bestellen. Guten Appetit.

Teresa Bücker hingegen will nicht nur ein Schnitzel ohne Diskriminierung. Sie fordert gar, die deutsche Nationalhymne umzuschreiben, weg vom Vaterland, hin zur Heimat, weg von der Brüderlichkeit, wo bleiben die Schwestern? Kurzum, sie will eine „gendergerechte Neufassung der deutschen Nationalhymne“. Geht das zu weit? Auch da spalten sich die Meinungen.

Viel wurde bereits darüber diskutiert, als es vor wenigen Jahren darum ging, Kinderbücher anzupassen: kein Negerkönig mehr bei Pippi Langstrumpf! Schon das Streichen, das Schwärzen und Umschreiben kleiner Worte (mit großer Wirkung) hatte damals für Schreie der Empörung und Zensurvorwürfe gesorgt. Maischberger zeigt die Änderungen: Aus Pippi Langstrumpfs “Negerkönig” wurde ein “Südseekönig”, wohingegen – warum auch immer – bei Jim Knopf die “Negerlein” “Negerlein” blieben. Sandra M. hingegen spricht nur noch vom “N.-Wort”

Schauspielerin Annabelle Mandeng findet, was in der Vergangenheit toleriert wurde, kann bleiben, – für die Zukunft gelte das allerdings nicht: “Bücher, die in einer Zeit geschrieben wurden, in der das Wort unbelastet war, sollte man nicht aus den Regalen ziehen.” Sie erfährt Zustimmung: “Es ist eine Erziehung zur Unmündigkeit, wenn wir anfangen, Bücher umzuschreiben und zu sagen: ‘Wir dürfen darüber nicht mehr sprechen’,” sagte der Satiriker Florian Schröder gestern dazu. Viel wichtiger: die offene Diskussion, der differenzierte Blick und Austausch. Doch ebenso betonte er, wie unverständlich ihm die Aufregung so vieler erscheint: “Dieses larmoyante Geheul der alten weißen Männer, dass sie nichts mehr sagen dürfen, geht mir auf die Nerven!” Alles mit Maß, alles mit Vernunft, das ist das Credo, das in seinen Worten mitschwingt.

Besonnenheit? Fehlanzeige!

Überhaupt: Besonnenheit. Es hätte der Diskussion zeitweise gut getan. Stattdessen wirkte es zwischenzeitlich so, als wäre das Ziel, bewusst die Stimmung aufzuheizen, in dem man platt unvereinbare Positionen aufeinander prallen ließ. Feixend bewerteten einige den Auftritt der zugeschalteten Feministin Marlies Krämer, die geschliffene Sätze in die Kamera sprach: “Mit der sprachlichen Ausgrenzung beginnt die patriarchalische Ausbeutung von Frauen.” Kleiner – durchaus berechtigter – Einschub von Hahne: Wieso beharren alle Frauen, darauf, dass von Professorinnen die Rede ist, so selten aber von Verbrecherinnen? Schulterzucken. Vielleicht, weil es weit weniger Mörderrinnen gibt?, schlägt Satiriker Schröder versöhnlich vor.

Krämers Position jedenfalls bleibt: “Ich bin kein Kunde, kein Mieter und kein Patient.” Ohne die Endung “-in”, ohne Krämer. Das kann man belächeln. Oder auch nicht.

Hahne sieht es pragmatisch: Eigentlich ist es ihm egal. “Ich habe nur ein Problem, sobald Gremien mit so etwas beschäftigt werden, die von meinen Steuergeldern bezahlt werden.”

Und Bushido? Kann nur verächtlich lächeln: “Albern”, finde er dieses sinnlose Beharren auf zwei Buchstaben. Wer sich darin verliere, habe keine andere Probleme. “Ich sehe, dass die Dame Langeweile hat!” Viel wichtiger sei es doch, dass wir eine Frau an der Macht haben, egal, ob die nun als Bundeskanzler oder Kanzlerin bezeichnet werde. So what?

 

Am Ende, das wird man wohl noch sagen dürfen, hat diese Runde recht wenig Klarheit gebracht. Es zeigt sich: Die Grenzen des guten Geschmacks zieht jeder (und natürlich jede, Frau Krämer) für sich selbst. Wo fangen Beleidigungen an? Was ist Spaß, Kunst, Diskriminierung? Das vermochte niemand eindeutig zu klären – schlicht, weil es dafür keine Regeln gibt. Wo wird es “zu” korrekt? Was darf Sprache und was nicht? Einig wurden sich die Gäste um Maischberger nicht. Und das ist vielleicht auch gut so. Trotzdem, Frau Maischberger, Bushido und Co.: Gut, dass mal wieder darüber gesprochen wurde – mehr oder minder entspannt. Bleibt zu hoffen, dass Maischbergers Worte erhört wurden und Kinder nicht mehr von dem Fernseher saßen. Sie hätten dank Bushido nun ein erweitertes Repertoire an Ausdrücken unterhalb der Gürtellinie.