Café in Tokio: Keine Chance für Prokrastination

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Der Fluch des mobilen kreativen Arbeitens ist die Prokrastination. Doch in diesem japanischen Café gibt es dafür keine Chance.

Von außen wirkt das
Von außen wirkt das "Manuscript Writing Café" in Tokio wie ein ganz normales Café. (Bild: REUTERS/Kim Kyung-Hoon)

Jeder und jede die schon einmal im Home-Office oder in einem Café gearbeitet haben, kennt das Problem. Da gibt es eine Zeitung zu lesen, Nachrichten auszutauschen, vielleicht noch mal einen Cappucino zu bestellen oder sich mit dem Barrista unterhalten und - zack - ist der halbe Arbeitstag auch schon vergangen und das Dokument noch genau so unbearbeitet wir zuvor, während die Deadline unerbittlich näher rückt. Oder schlimmer noch: Man sitzt vor der leeren Seite und starrt sie hilflos an.

Doch im "Manuscript Writing Café" in der japanischen Hauptstadt Tokio läuft das ein wenig anders ab. Besitzer Takuya Kawai hat sich ein ganz eigenes Konzept ausgedacht, dass diesem Problem Abhilfe schaffen soll. Sein Angebot richtet sich spezifisch an Schriftsteller*innen und Autor*innen, die mit ihren Manuskripten voran kommen wollen. Das Problem der Schreibblockade kennt Kawai aus eigener Erfahrung, denn er ist selbst Schriftsteller.

Druck gegen die Schreibblockade

Seine Lösung: Die Besucher*innen des Cafés dürfen den Ort nicht verlassen, bevor sie nicht das selbst definierte Tagesziel erreicht haben. Das "Manuscript Writing Café" hat zehn Plätze zu diesem Zweck reserviert, Ladestationen und Highspeed-Internet sind genau so inklusive, wie unbegrenzter Nachschub an Kaffee und Tee. Doch nicht nur das auf kleinen Karten festgehaltene Tagesziel soll die Kreativen beflügeln. Die Angestellten unterstützen auf Nachfrage auch gerne mit zusätzlichem Druck und überprüfen den Fortschritt der Kund*innen. Bis zu einmal in der Stunde geben die Kellner*innen einen leichten bis strengen Anschubser oder stellen sich als stumme Mahnung einfach hinter die Arbeitsplätze.

Den Stempel auf der Karte gibt es erst, wenn das Tagesziel erreicht ist.
Den Stempel auf der Karte gibt es erst, wenn das Tagesziel erreicht ist. (Bild: REUTERS/Kim Kyung-Hoon)

Die Ziele werden zudem auch auf eine große Tafel gepinnt, so dass andere Besucher*innen des Cafés Zeug*innen der Tagesambitionen sind. Die erste halbe Stunde auf einem der zehn Plätze kostet 130 Yen, umgerechnet 96 Cent, jede weitere Stunde kostet dann 300 Yen (2,21 Euro). Bevor man das Café verlässt, muss die Aufgabe erledigt werden. Für verzweifelte Autor*innen gibt es übrigens auch eine voll ausgestattete Bar.

Übermäßige Strenge oder Motivation?

Während manche User*innen in den Sozialen Medien das Konzept eher furchteinflößend finden, sieht Kawai das ganz anders. Der Café-Besitzer hofft, seine Kund*innen anzuspornen und zu unterstützen. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sagt Kawai: "Das Ergebnis ist, dass sie oft etwas, für das sie einen Tag eingeplant hatten, in drei Stunden schaffen oder eine Aufgabe, die sonst drei Stunden dauert, in einer erledigt ist." Durch die strengen Auflagen der Corona-Pandemie wurde das Geschäftsmodell stark beeinträchtigt. Doch nun hofft Kawai auf einen Aufschwung. Er sei stolz, dass er Autor*innen unterstütze, Dinge zu schreiben, die dann auf der ganzen Welt veröffentlicht werden können, sagte er Reuters.

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