Care-Arbeit: Gleichberechtigung muss wehtun

Daniel Gerhardt

Corona macht die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit sichtbar. Und selbst progressive Väter nutzen die Elternzeit lieber, um feministisch zu twittern, statt zu handeln.

Man muss das Essen nicht nur füttern, man muss es auch kochen und den Speiseplan aushecken. © Kniel Synnatzschke/​DEEPOL/​plainpicture

Neulich schlug wieder einmal die Stunde der Twitter-Feministen. 15 Minuten lang lief auf ProSieben die Sendung Männerwelten, initiiert von Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt. Frauen berichteten darin von ihren Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Sie zeichneten ein Bild der Alltäglichkeit und viele Männer, die sich in den sozialen Medien dazu äußerten, fanden es gut, dass dieses Bild einmal um 20.15 Uhr im deutschen Privatfernsehen gezeichnet wurde. Auf die Repräsentanz von nicht weißen Frauen, von Behinderten und Trans-Menschen hätte man natürlich genauer achten können, das merkten auch einige der männlichen Kommentatoren an. Insgesamt waren sie aber zufrieden mit der Sendung und den eigenen Reaktionen darauf.

Was gibt es über diese Twitter-Feministen zu wissen? Zunächst einmal, dass sie meine Jungs sind. Männer zwischen 30 und 40, fast alle weiß und heterosexuell. Sie haben überwiegend systemirrelevante Studiengänge abgeschlossen oder abgebrochen und arbeiten heute in der Medienbranche oder ihr nahestehenden Berufen. Sie wählen die Grünen oder gar die Linke und würden sich selbst als aufgeklärt und sensibilisiert für die Vorteile der eigenen Herkunft beschreiben. Feministen sind sie auch, wie gesagt, aber sie fänden es anmaßend, sich diesen Titel selbst zuzuschreiben. Lieber sagen sie: "Unterstützer der feministischen Sache."

Ich bin immer gut gefahren mit solchen Männern. Wahrscheinlich würden die meisten Menschen sogar sagen, dass ich selbst einer von ihnen bin. Vor ein paar Jahren aber fingen diese Männer damit an, Väter zu werden und mir auf die Nerven zu gehen. Nicht weil plötzlich ihr Leben auf dem Kopf stand, sie Nachrichten unbeantwortet ließen, Verabredungen absagten oder nur noch als übermüdete Wracks in fleckigen Jogginghosen zu solchen erschienen. Sondern weil nichts von dem geschah.

Die meisten Männer in meinem stramm auf Progressivität gebürsteten Bekanntenkreis nahmen nach der Geburt ihrer Kinder maximal das Mindestmaß an Elternzeit und kehrten anschließend unversehrt und ohne Abstriche in ihren Beruf zurück. Ein nennenswerter Unterschied zwischen ihren prä- und postnatalen Lebensumständen war für mich nicht zu erkennen. Auch in den sozialen Medien stritten sie weiterhin für das Gute und Gleichberechtigte. Ab und zu markierte ich einen ihrer Tweets zu #MeToo, Identitätspolitik oder der jüngsten Kolumne von Jan Fleischhauer mit zustimmenden Herzchen.

Fast alle Männer, die ich kenne, begreifen sich als politische Menschen, aber nur die wenigstens davon begreifen auch ihr Dasein als Vater politisch. Ein Kind zu bekommen, sich darum zu kümmern und gemeinsam mit einer Partnerin Entscheidungen für dieses Kind zu treffen: All das scheint für die meisten mir bekannten Väter auf mysteriöse Weise abgekoppelt von sonstigen Ansichten und Überzeugungen zu geschehen. Wie sonst ist es zu erklären, dass man Gender-Pay-Gap und die überproportionale Altersarmut von Müttern für ungerecht hält, aber gleichzeitig in familiären Verhältnissen lebt, die den beruflichen Wiedereinstieg der Mutter bestenfalls auf Sparflamme ermöglichen?

Tatsächlich ist die Geburt eines Kindes eine wunderbare Gelegenheit, das eigene väterliche Handeln zu reflektieren und bei Bedarf zu radikalisieren. Der Nachwuchs flutscht schließlich nicht in eine Welt hinein, die von Grund auf gerecht wäre: Politik, Arbeitsmarkt und gesellschaftlicher Konsens sind noch immer zugeschnitten auf traditionelle Rollenverteilungen mit erwerbsarbeitenden Vätern und vornehmlich care-arbeitenden Müttern. Weil die Corona-Krise diesem Familienidyll in die Parade gegrätscht ist, befürchten nun viele Beobachterinnen und Beobachter einen Rückfall in alte Betreuungsmuster. Wann aber hatte sich das hiesige Familienleben jemals ernsthaft aus diesen Mustern befreit?

Um Statistiken zu Teil- und Elternzeit soll es an dieser Stelle gar nicht gehen. Die sehen zwar ohnehin verheerend aus, sind aber auch wenig aussagekräftig, wenn es darum geht, welcher Einsatz tatsächlich erbracht wird. Ein Vater kann sieben Monate Elternzeit nehmen und trotzdem ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass sich seine Partnerin um alles kümmert, was einen größeren organisatorischen Aufwand erfordert. Genauso kann er in Teilzeit gehen, ohne die gewonnenen Stunden in die sogenannte Care-Arbeit zu investieren. Irgendjemand muss sich schließlich um all die Väterpodcasts da draußen kümmern.

In welchem Alter kommt ein Kind in die Kita, wer kümmert sich bis dahin wie ausgiebig um das Kind – und wer besorgt eigentlich den Kitaplatz? Waldorf, Montessori, Pikler oder Freestyle? Katholisch, international oder integrativ? All diese Fragen sind mit offensichtlichen politischen Implikationen verbunden. Sie entscheiden darüber, wer mit einem Kind in Kontakt oder auch nicht in Kontakt kommt, und beeinflussen, was diese Kontakte dem Kind mit auf den Weg geben. Ähnlich gestaltet sich die Lage auch auf scheinbar unverdächtigen Feldern. Was ein Kind isst, womit es spielt und wie man es anzieht: Selbst in der Beantwortung dieser Fragen schwingt eine Positionierung für oder gegen den Status quo mit.

Eltern treffen die Entscheidung, wer diese ganzen Entscheidungen trifft und wer auch ansonsten die Hauptlast der häuslichen Arbeit trägt, meistens aus persönlichen Gründen. Manchmal sind sie finanziell motiviert (Vater verdient mehr), manchmal esoterisch ("ein Kind braucht seine Mutter"), aber nur selten politisch. Im Gegenteil: Das Politische ist die Sphäre, auf die man die Verantwortung abwälzt. "Ich würde ja gern, aber solange die Dinge sind, wie sie sind, geht es eben nicht anders."

Das ist in vielen Fällen sicherlich richtig. Dieser Text will niemanden unter das Existenzminimum zwingen. Er richtet sich an Väter, die Einbußen verkraften könnten, aber nicht verkraften wollen. Denn eins muss klar sein: Eine faire Aufteilung von Arbeits-, Betreuungs- und Freizeit ist nur mit Entbehrungen möglich. Durch einen Verzicht auf Teile der eigenen Karriere und Freiheit, den aufgrund der vorherrschenden Strukturen eben vornehmlich Väter leisten müssten. Nicht nur für einige Monate, sondern mindestens so lange, bis die Politik für Bedingungen gesorgt hat, die beiden Eltern eines Kindes die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben ohne Abstriche ermöglichen. Kühne Prognose: Wer jetzt zwischen 30 und 40 ist und voll im jobtechnischen Saft steht, wird das nicht mehr erleben.

Gleichberechtigung muss wehtun. Sie wird nur durch die Aufgabe von väterlichen Privilegien und die Bereitschaft, daraus resultierende Konsequenzen anzunehmen, möglich sein. Anders gesagt: Mancher Überflieger muss den einen oder anderen Karriereknick ertragen können – und sich außerdem darauf einstellen, beim nächsten Vorstellungsgespräch einem Personalmanager gegenüberzusitzen, der "Betreuungszeiten" als Synonym für "Lücke im Lebenslauf" versteht. Im Zweifel können diese vermeintlichen Lücken einen Familienurlaub kosten, das Auto, das gerade jetzt so wichtig ist, um auch mal rauszukommen, oder eine bessere und auch kindgerechtere Wohnsituation.

Jungstypisches Privilegien-Lattenmessen

Kein Wunder also, dass sich viele der oben erwähnten Twitter-Feministen schwer damit tun, Haltung und Handeln in Einklang zu bringen. Die symbolische Unterstützung für gerechte Familienbilder und Arbeitsmärkte, mit der sie großzügig um sich werfen, erfordert keinerlei Anstrengung oder gar Einbußen. Sie tut höchstens Vätern weh, die sich regelmäßig die Hornhaut vom Absende-Daumen runterhobeln. In einem durchaus jungstypischen Lattenmessen überbieten sich diese Väter und viele ihrer Zeitgenossen darin, eigene Privilegien zu benennen. Kaum ein Twitter-Streit kommt ohne diesen Zwischenschritt aus. Kaum ein User aber wagt auch den nächsten Schritt und leitet aus seinem Bewusstsein für strukturelle Vorteile ein entsprechendes Verhalten ab.

Die Möglichkeit, überhaupt Entscheidungen treffen zu können, ist das wahrscheinlich größte Privileg, mit dem die Väter aus meinem Bekanntenkreis mehrheitlich ausgestattet sind. Viele der Fragen, um die der vorliegende Text kreist, stellen sich für die meisten Familien erst gar nicht – weil ihnen die Beantwortung ohnehin durch ökonomische Realitäten abgenommen würde. Gerade deshalb sollten sich Väter, die es können, aus jener symbolischen Unterstützung heraustrauen, die sie ihrem Twitter-Feed gönnen und ihren Partnerinnen zumuten. Wer dem eigenen progressiven Anspruch gerecht werden will, muss seine persönlichen Entscheidungen auch als politische begreifen. Alles andere sind nur Likes und Lebenslügen.