Chemnitzer FC: Nur noch Schweigen

Frank Willmann

Recht schnell wurde jedem Zuschauer beim Regionalligaspiel zwischen dem BFC Dynamo und dem Chemnitzer FC klar: Mit Chemnitz stimmt etwas nicht.

Auch an der Mannschaft gehen die Diskussionen nicht spurlos vorbei: hier Tobias Müller. © Andreas Gora/Getty Images

Das herannahende deutsche Fiasko im Europapokal interessierte die wenigsten der 911 Zuschauer im Berliner Jahn-Sportpark. Sie haben sich dem Unterklassenfußball verschrieben, wo man noch engen Kontakt zu den ballspielenden Halbgöttern haben kann, sie vielleicht in der nahen Stampe beim Bier trifft, ihre Frauen gar beim Selbsteinkauf in einer Drogerie, wo die Protagonisten normale Leute sind.

So normal möchte zum Beispiel Daniel Frahn auch bald wieder sein, Eintauchen in der Masse des fußballerischen Durchschnitts. Nicht mehr dran denken müssen, wie ihm jemand von der Ersatzbank das Shirt mit der Aufschrift "Support your local Hools" gereicht hat, mit dem er dann auf dem Rasen sein Tor feierte. Er hätte wahrscheinlich auch die nordkoreanische Fahne genommen oder ein McDonald's-Werbebanner. 

Frahn durfte Mittwochabend nicht mitspielen, er ist aktuell vom Verband gesperrt und wartet auf seine Verhandlung. Strafe muss sein, das sagen die Regeln. Auch wenn das für manche Fans schwer zu verstehen ist.

Gegen 18 Uhr trudelten zwei Busse und ein paar Autobesatzungen mit Chemnitzer Fans vorm Stadion ein. Ein paar Ultras, ein paar Scheitelträger, diverse Kutten rieben sich nach mehrstündiger Busfahrt die Augen, tranken stumm ihr letztes Bier, um schweigend ins Stadion zu gelangen. Um auch im Stadion zu schweigen, nahmen sie eine Fahrstrecke von sechs Stunden hin und zurück auf sich.

Kein Kommentar, keine Regung

Die Berliner Polizei hatte im Vorfeld "das Zeigen von Bannern oder Trauerbekundungen zum Tode des Thomas Haller untersagt". Haller war die graue Eminenz in der gewaltaffinen Szene. HooNaRa bereitete den Boden dafür, dass sich Neonazis in Chemnitz breitmachen konnten.

Auf der Chemnitzer Fanseite lag der Schock nach den öffentlichen Reaktionen auf die Gedenkaktion für den Neonazi Haller über allem. Kein Trommler, kein Capo, niemand sah sich in der Lage, von 19 bis 20.45 Uhr die eigene Mannschaft anzufeuern. Das Banner der Chemnitzer Ultras lag auf einer Sitzreihe, man konnte es gerade noch erkennen. Auch diverse Fanclubs hängten ihre Lappen auf, um die gesamte Spielzeit über das Geschehen sprachlos zu verfolgen. Kein Kommentar, keine Regung.

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