"Chernobyl": Wer war der Wissenschaftler Waleri Legassow?

Die gefeierte Sky-Dramaserie “Chernobyl“ zeigt das ganze schreckliche Ausmaß der Atom-Katastrophe von 1986. Held und zentrale Figur der Geschichte ist der von Jared Harris gespielte Wissenschaftler Waleri Legassow. Aber wer war Legassow eigentlich im echten Leben?

Jared Harris spielt den Wissenschaftler Waleri Legassow. (Bild: ddp)

Ohne Waleri Legassow würde wahrscheinlich der Großteil Europas unbewohnbar sein. Denn der russische Wissenschaftler war einer der ersten, die die Katastrophe von Tschernobyl richtig einschätzte. Seine Maßnahmen begrenzten den Schaden des folgenschweren Reaktorunfalls und retteten Millionen Menschen das Leben.

Wer war Waleri Legassow?

Waleri Legassow wurde 1936 in der russischen Großstadt Tula geboren. Er kam aus einer einfachen Arbeiterfamilie und begeisterte sich schon früh für Naturwissenschaften. Schließlich studierte er an der Chemisch-Technischen Dmitri-Mendelejew-Universität in Moskau und machte dort ein ausgezeichnetes Examen. Nach seinem Abschluss arbeitete der junge Legassow zwei Jahre lang in einem Chemiewerk im sibirischen Tomsk, bis er schließlich zum Kurtschatow-Institut wechselte. 1972 promovierte er in Chemie und wurde mit 45 Jahren eines der jüngsten Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften. Bis zu seinem Tod 1988 war er Leiter der Abteilung für Chemietechnik an der Fakultät für Chemie der Lomonossow-Universität in Moskau.

Wie kam Waleri Legassow nach Tschernobyl?

Das war tatsächlich Zufall. Denn eigentlich war Legassow kein Experte für Kernreaktoren. Doch am 26. April 1986 wurde er überraschend in die staatliche Kommission berufen. Seine Tochter Inga Legassow erinnert sich gegenüber russischen Medien an diesen Tag:

“Der 26. April war ein Samstag. … Die Kommission benötigte zwingend ein wissenschaftliches Mitglied. Die Leiter und Stellvertreter des Kurtschatow-Instituts waren nicht erreichbar, nur mein Vater. Ein Flugzeug stand am Flughafen Wnukowo bereit. So flog mein Vater noch am gleichen Tag nach Tschernobyl“.

Waleri Legassow wurde in Tula als Kind einer Arbeiterfamilie geboren. (Bild: IAEA / USFCRFC)

Die Schadensbegrenzung bezahlte er letztendlich mit seinem Leben

Vor Ort leitete Legassow dann unverzüglich Maßnahmen zur Schadensbegrenzung und zum Schutz der Bevölkerung ein. Er ließ die Bevölkerung der nahen Stadt Prypjat evakuieren und sorgte dafür, dass große Mengen neutronenabsorbierender und dämmender Materialien über dem Reaktor abgeworfen wurden. Insgesamt vier Monate verbrachte er im kontaminierten Gebiet auf einer Baustelle zum Schutz des Grundwassers. Damit setzte sich der Wissenschaftler einer hundertfach höheren Strahlenbelastung aus und opferte seine Gesundheit und letztendlich sein Leben dafür. 

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Im August 1986 hielt er vor der Internationalen Atomkommission in Wien einen fünfstündigen Vortrag, in dem er die Ursachen der Explosion und weitere Maßnahmen erläuterte. Im Ausland brachte ihm das Anerkennung, zu Hause in Russland wurde er geächtet. Schließlich wurde hier alles unternommen, um die Ausmaße und Auswirkungen der Nuklearkatastrophe zu verschleiern. Neben dem unverhohlenen Hass, der ihm von vielen seiner Kollegen und aus der Sowjet-Regierung entgegen schlug, hatte er mit seinem schlechten Gesundheitszustand zu kämpfen: “Allmählich hörte er auf zu essen, er schlief nicht mehr. … Er wusste genau, was nun kommen würde, dass es sehr schmerzhaft werden würde“, meinte seine Tochter rückblickend.

Selbstmord und Ehrentitel

Am 27. April 1988, fast auf den Tag genau zwei Jahre nach der Katastrophe, erhängte sich Walleri Legassow in seinem Büro. Genau wie in der Serie hinterließ er Tonbänder, in denen er sämtliche Details der Tschernobyl-Katastrophe für die Nachwelt aufzeichnete. Anerkennung für seine Taten erhielt der mutige Wissenschaftler dann posthum: Acht Jahre nach seinem Selbstmord verlieh ihm der damalige Präsident Boris Jelzin den Ehrentitel “Held der Russischen Föderation“.

Die Serie “Chernobyl“ läuft im Stream auf Sky.