Christoph Maria Herbst als Anti-Stromberg

Eric Leimann
·Lesedauer: 4 Min.
Christoph Maria Herbst in einer angenehm "normalen" Rolle: Als gefallener Lehrer Tilo Neumann kämpft er sich mithilfe einer Stimme, die man auch als Engel bezeichnen könnte, zurück in ein besseres Leben. Die achtteilige TVNOW-Dramedy ist gut geschrieben und setzt in Zeiten schwindender gesellschaftlicher Solidarität die richtigen Kräfte frei. (Bild: TVNOW / Martin Valentin Menke)
Christoph Maria Herbst in einer angenehm "normalen" Rolle: Als gefallener Lehrer Tilo Neumann kämpft er sich mithilfe einer Stimme, die man auch als Engel bezeichnen könnte, zurück in ein besseres Leben. Die achtteilige TVNOW-Dramedy ist gut geschrieben und setzt in Zeiten schwindender gesellschaftlicher Solidarität die richtigen Kräfte frei. (Bild: TVNOW / Martin Valentin Menke)

In der achtteiligen TVNOW-Serie spielt Christoph Maria Herbst einen 50-jährigen Lehrer, der trotz bürgerlicher Fassade sein Leben in den Sand gesetzt hat. Nach dem Totalabsturz hört er eine Stimme (Elena Uhlig), die fortan Ordnung in sein Dasein bringt. Charmantes Update von "Ein Engel auf Erden".

Vielleicht ist das die Serie, die Deutschland auf der hoffentlich letzten harten Etappe des Pandemie-Marathons braucht: Christoph Maria Herbst ("Stromberg") spielt den 50-jährigen Lehrer Tilo Neumann - geschieden, frustriert, Gewohnheitstrinker. Gerade hat der Germanist seine Schüler in die Sommerferien verabschiedet, ohne dass seine Abschlussfrage, was die Klasse in diesem Schuljahr bei ihm gelernt hätte, auch nur von einem seiner jungen Zuhörer beantwortet worden wäre. Den Ferienbeginn feiert Lehrer Neumann - wohl nicht zum ersten Mal - alleine auf dem Wohnzimmer-Fußboden, mit harten Drinks, lautem Retro-Rock und in der Schule gefundenen LSD-Trips. Es folgt eine Nahtod-Erfahrung, von der eine Stimme (gesprochen von Elena Uhlig) zurückbleibt, die fortan regelmäßig mit Tilo Neumann spricht. Ihr Angebot: Wenn der Gefallene fortan seinen Mitmenschen in kleinen Alltagsdingen hilft, kommen bald größere Nächstenliebe-Projekte auf ihn zu. Schließlich soll alles, ja wirklich alles in seinem Leben wieder in Ordnung kommen. Ab Donnerstag, 22. April, ist die charmant-kluge Miniserie "Tilo Neumann und das Universum" bei RTLs Streaming-Dienst TVNOW zu sehen. Wohl im nächsten Herbst oder Winter folgte die Free-TV-Ausstrahlung bei VOX.

Zu Beginn versucht Lehrer Neumann, die aufgekratzte Stimme und ihre engelsgleichen Angebote zu ignorieren. Doch das Wesen in seinem Kopf ist hartnäckiger als ein Dauer-Tinnitus. Also lernt der Heimgesuchte, auf den überirdischen Deal einzugehen. Fortan ändert Tilo Neumann seine Einstellung und findet - mithilfe der Stimme - viele kleine Aufgaben, deren Sinn sich ihm nicht unbedingt gleich erschließt. Neben Tilos bestem Freund Siggi (Ronald Kukulies), dem einzig Eingeweihten in den Stimmenspuk, wundern sich auch Teenietochter Alice (Hannah Schiller), Ex-Frau Jana (Christina Große) sowie deren neuer Freund, Esoterik-Influencer Swen (Mirco Kreibich) über den "neuen" Tilo.

Was diese Serie nun mit der Pandemie zu tun hat? Autorin Sonja Schönemann ("Sekretärinnen", "Rentnercops") zeigt in ihren ebenso warmherzigen wie oft überraschend gebauten Plots, dass Solidarität und gegenseitiges Helfen im Alltag unsere Lebensqualität deutlich verbessern kann. Keine neue Erkenntnis, aber eine, an die man dringend mal wieder erinnert werden sollte.

Top-Schauspielerin Christina Große spielt Tilo Neumanns Ex-Frau Jana, die nach der Trennung mit einem mehr als zehn Jahre jüngeren Esoterik-Influencer zusammenlebt. (Bild: TVNOW / Martin Valentin Menke)
Top-Schauspielerin Christina Große spielt Tilo Neumanns Ex-Frau Jana, die nach der Trennung mit einem mehr als zehn Jahre jüngeren Esoterik-Influencer zusammenlebt. (Bild: TVNOW / Martin Valentin Menke)

Engel waren gestern, heute hört man Stimmen

Ein bisschen erinnert die Idee der achtmal knapp 25 Minuten langen Episoden an Michael Landons 80er-Serie "Ein Engel auf Erden" (1985 bis 1989), in der der ehemalige "Bonanza"- und "Unsere kleine Farm"-Sympathieträger einen Engel spielte, der vom Himmel zu Menschen in Not geschickt wurde, um als Undercover-Helfer deren Leben wieder in Ordnung zu bringen. Vielleicht weil Engel in Film und Serie ein wenig abgenutzt scheinen, schickt TVNOW nun eine säkularisierte Variante ins Rennen, in der "das Universum" Gott ersetzt und der Engel als Stimme im eigenen Kopf daherkommt. Dass man die übersinnliche Nummer auch als ein Hängengebliebensein auf psychedelischen Drogen verstehen kann, die in den Tiefen der Seele eines frustrierten Midlife-Crisis-Mannes wirken, macht den Stoff nicht weniger interessant.

Echte Qualität stellt sich allerdings erst über die gut gebauten Drehbücher sowie das angenehm bodenständige und zurückgenommene Spiel des ehemaligen "Stromberg"-Stars Christoph Maria Herbst ("Merz gegen Merz") ein. Herbst ist momentan ein überaus gefragter Mann. Neben der ZDF-Serie "Merz gegen Merz" spielt er auch im Wirecard-Dokudrama "Der große Fake - die Wirecard-Story" (ebenfalls schon TVNOW und am 22. April bei RTL) spielt er den genialisch-gestörten Konzern-CEO Markus Braun. Was Herbsts Darstellung des gefallenen Jedermanns Tilo Neumann so stark macht, ist im Gegensatz zu Figuren wie Stromberg oder Braun dessen Angreifbarkeit. Lehrer Neumann ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, einer mit vielen Facetten, gleichzeitig Held wie Antiheld. Manchmal weiß man in der Dramedy gar nicht, ob man das Leben des Protagonisten nun in einer Rückblende sieht oder ob der Mann schon wieder etwas gelernt, repariert oder neu in den Sand gesetzt hat.

Es ist ein Flickenteppich aus Erkenntnissen, Demütigungen und überraschend edlen Taten, die Tilo Neumann aus dem gegenwärtigen Sumpf des Lebens Stück für Stück herausziehen. Oder zieht er sich ganz und gar selbst aus dem Schlamassel? Egal, welche Lesart man wählt: "Tilo Neumann und das Universum" ist eine leichte und doch kluge Serie, die nicht nur gut gemacht ist, sondern auch gut tut. Gerade jetzt und in Zeiten wie diesen.

Tiefpunkt einer Vater-Tochter-Beziehung: Alice (Hannah Schiller) möchte, dass Tilo "erst mal nicht mehr" ins alte Zuhause zu Besuch kommt. (Bild: TVNOW / Martin Valentin Menke)
Tiefpunkt einer Vater-Tochter-Beziehung: Alice (Hannah Schiller) möchte, dass Tilo "erst mal nicht mehr" ins alte Zuhause zu Besuch kommt. (Bild: TVNOW / Martin Valentin Menke)