"Container voller Bargeld": Wie die Mafia von der Corona-Krise profitiert

·Lesedauer: 4 Min.

Die Mafia - kaum einer spricht hierzulande noch über sie, dabei ist sie - auch dank Corona - gerade wieder auf dem Vormarsch. Eine TV-Doku legt dar, warum das so ist.

Korruption, Drogenhandel, Erpressung: Die italienische Mafia gewinnt in der Corona-Krise an Macht. (Bild: ZDF/Tobias Lenz)
Korruption, Drogenhandel, Erpressung: Die italienische Mafia gewinnt in der Corona-Krise an Macht. (Bild: ZDF/Tobias Lenz)

Die Blutspur der Mafia zieht sich seit Jahrzehnten durch Italien, doch die Corona-Krise ließ die kriminellen Familien erstarken wie selten zuvor. ZDFinfo zeigt in der Dokumentation "Comeback der Mafia - Alte Clans, neue Methoden" (21. August, 20.15 Uhr, und in der Mediathek), mit welchen Methoden die Cosa Nostra auf Sizilien zu neuer Macht gelangt - und wer ihr entgegensteht.

Brüder wehren sich gegen die Mafia

Palermo, die Hauptstadt von Sizilien. Der Restaurantbesitzer Antonio Cottone fährt nach einem langen Arbeitstag auf seinem Roller nach Hause. Unterwegs ruft er seine Frau Lavinia an, bittet sie, ihm über das Telefon Gesellschaft zu leisten. Doch der Grund für Cottones Anruf ist keineswegs Langeweile oder das Bedürfnis, einfach nur zu reden: Er fürchtet um sein Leben. Antonio Cottone und sein Bruder Roberto haben sich mit der Cosa Nostra, der sizilianischen Mafia, angelegt. Als die beiden Brüder das Restaurant ihres Vaters Guiseppe übernahmen, erbten sie neben einer gut laufenden Pizzeria auch die Verpflichtung, ein regelmäßiges Schutzgeld an die Mafia zu zahlen - rund 3.000 Euro im Jahr. Nach 20 Jahren und 60.000 Euro an Schutzgeldzahlungen entschieden die Cottones, sich schließlich zur Wehr zu setzen: Sie verweigerten weitere Zahlungen und brachten sogar zwei Mafiosi vor die Polizei.

Restaurantbesitzer Antonio Cottone fährt auf seiner Vespa nach Hause. Er fürchtet sich vor der Rache der Mafia, seit er sich weigert, Schutzgeld zu zahlen. (Bild: ZDF/Paolo Pisacane)
Restaurantbesitzer Antonio Cottone fährt auf seiner Vespa nach Hause. Er fürchtet sich vor der Rache der Mafia, seit er sich weigert, Schutzgeld zu zahlen. (Bild: ZDF/Paolo Pisacane)

 

"Alle Besitzer zahlten Schutzgeld!"

Die Journalistin Petra Reski fasst es in der ZDFinfo-Dokumentation aus der Feder von Chiara Sambuchi zusammen: "Bei Schutzgeld geht es weniger um das Geld, sondern um die Kontrolle des Territoriums". Die Mitglieder der Mafia wollen besonders Gewerbetreibende einschüchtern. Die teils extremen Drohungen gehören dabei noch zu den harmlosesten Folgen.

Kriminalität: Schwere Zeiten für Geldfälscher

Vater Guiseppe ist stolz auf seine Söhne, die das tun, was er sich nie getraut hat. "Alle Besitzer zahlten in Palermo Schutzgeld. Ich musste Schlange stehen, um dem Boss Schutzgeld zu zahlen," erzählt er in der Doku von früher. Heute sind es laut ZDFinfo über 1.000 Gewerbetreibende, die sich den Drohungen der kriminellen Organisation widersetzen und keine weiteren Zahlungen leisten. Aber trotz der Verurteilung der beiden Erpresser fühlen sich die Cottone-Brüder auch heute noch nicht sicher, denn der Arm der Mafia in Italien ist lang und ihr Einfluss dementsprechend groß.

Antonio und sein Bruder Roberto stellten sich gegen die Cosa Nostra. Trotz der Verurteilung ihrer Erpresser sind beide um ihre Sicherheit besorgt. (Bild: ZDF/Paolo Pisacane)
Antonio und sein Bruder Roberto stellten sich gegen die Cosa Nostra. Trotz der Verurteilung ihrer Erpresser sind beide um ihre Sicherheit besorgt. (Bild: ZDF/Paolo Pisacane)

 

Bestechung, Mord und Drogenhandel sind längst nicht mehr alles

Die Dokumentation widmet sich kurz, aber prägnant auch der Geschichte der Mafia mit klaren Fakten und Zahlen: In den 1980er-Jahren schien die Macht der Familien grenzenlos, fast täglich gab es neue Zwischenfälle, Autobomben wurden gezündet und Menschen getötet. In dieser Zeit begann Italien seinen Kampf gegen die Mafia, doch die Korruption zieht sich auch heute noch durch die Politik und Polizei. Zwischen 2008 und 2020 wurden über 86.000 Menschen mit Beziehungen zur Mafia zu Haftstrafen verurteilt, doch auch 25 Jahre nach dem Kampf gegen die Mafia scheint sie noch lange nicht besiegt. Das Einkommen der kriminellen Familien wird, wie es in der Doku heißt, auf 220 Milliarden Euro jährlich geschätzt - das sind zwölf Prozent des italienischen Bruttoinlandsproduktes, etwa so viel die wie Einnahmen durch den Tourismus.

Kriminelle nutzen vermehrt Kryptowährungen

Dabei ist der oft mit der Mafia in Verbindung gebrachte Drogenhandel längst nicht mehr der einzige Weg, mit dem die Familien ihr illegales Geld verdienen. Die Mafia weitete ihre Geschäftsfelder aus. Der Beitrag macht deutlich: Die militanten Handlungen sind nicht mehr das Kerngeschäft, die Beziehungen zu Staat und Wirtschaft würden heute besonders interessant sein. Dazu gehören die bereits erwähnten Schutzgelder, aber auch Ausschreibungen in der Landwirtschaft oder im Bauwesen: 2014 sicherte sich die Cosa Nostra die Exklusivrechte für die Restauration eines Wahrzeichens der sizilianischen Stadt Misilmeri, stach dabei zahllose andere Firmen aus. Der Grund hierfür? Bestechung der Regierung. Die Bürgermeisterin von Misilmeri, Rosalia Stadarelli, versucht gegen den Einfluss der Mafia vorzugehen, fürchtet jedoch um ihre Wiederwahl.

Auch der Soziologe Marco Omizzolo (rechts) hat die Mafia gegen sich aufgebracht. Dennoch gibt er seinen Widerstand gegen die kriminellen Familien nicht auf. (Bild: ZDF/Paolo Pisacane)
Auch der Soziologe Marco Omizzolo (rechts) hat die Mafia gegen sich aufgebracht. Dennoch gibt er seinen Widerstand gegen die kriminellen Familien nicht auf. (Bild: ZDF/Paolo Pisacane)

 

Die Mafia profitiert von der Corona-Krise

Die Recherchen der Filmemacher zeigen, dass die Corona-Krise einen weiteren Geschäftszweig mit sich brachte: Viele Firmen und Unternehmer in Italien haben durch den wirtschaftlichen Einbruch und die Einkommensverluste im Lockdown schwere finanzielle Probleme, die Notkredite der Regierung wurden nicht schnell genug ausbezahlt. Die Mafia hingegen scheint grenzenlose Geldquellen zu besitzen, manche sprechen sogar von "Containern voller Bargeld". Verzweifelte Bürger werden sich an die kriminelle Organisation, um ihre Existenz zu retten; der Einfluss der Mafia wächst und wächst.

Auch der Soziologe Marco Omizzolo wurde zur Zielscheibe der Mafia. Er ermittelte Undercover und auf eigene Faust, setzte sich für mittellose Feldarbeiter ein, die als Schwarzarbeiter aus den umliegenden Regionen kommen und von der Mafia schamlos in der Landwirtschaft ausgenutzt werden. Dafür zahlte er einen Preis, wie im Film eindringlich geschildert wird: Sein Auto wurde schon dreimal vor seiner Haustür zerstört, er fand tote Tiere und Patronen in seinem Garten. Die Mafia weiß, wo er lebt. Dennoch gibt Omizzolo nicht auf und nimmt die Gefahr in Kauf. Auch er stellt sich gegen die schier grenzenlose Macht der Mafia - das tun viele. Doch nur die Zeit kann zeigen, ob ihre Macht wieder eingedämmt werden kann.

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