Mehrere EU-Länder stoppen Astrazeneca-Impfungen - WHO empfiehlt weitere Nutzung

Nina LARSON
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Astrazeneca-Impfstoff

Nach der Aussetzung der Corona-Impfungen mit dem Vakzin des Herstellers Astrazeneca in mehreren EU-Ländern hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Dienstag Beratungen angekündigt. Die führende WHO-Wissenschaftlerin Soumya Swaminathan empfahl den Ländern am Montag, ihre Impfungen mit Astrazeneca vorerst fortzusetzen. Wegen Hinweisen auf mögliche Nebenwirkungen hatten zuvor Deutschland, Frankreich, Italien und weitere EU-Staaten die Verwendung des Präparats von Astrazeneca vorerst gestoppt.

Nach neuen Meldungen von Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung in Deutschland und Europa hält das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) weitere Untersuchungen für notwendig, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag mitteile.

Spahn sprach von sieben berichteten Fällen bei bislang 1,6 Millionen Erstimpfungen mit Astrazeneca in Deutschland. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA werde entscheiden, ob und wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Zulassung des Impfstoffes auswirken, sagte der Minister weiter. Spahn hofft auf eine Entscheidung noch in dieser Woche. Der vorläufige Stopp betreffe sowohl Erst- als auch Zweitimpfungen. Mit letzteren könne nach einer Entscheidung zugunsten einer weiteren Verwendung des Vakzins fortgefahren werden.

Es handele sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme, betonte Spahn. "Uns allen ist die Tragweite dieser Entscheidung sehr bewusst." Es müsse jetzt auch die Frage geklärt werden, ob der Nutzen der Impfung weiter größer sei als die möglichen Risiken. "Eines ist klar: Auch Nichtimpfen hat schwere gesundheitliche Folgen." Nach der Ankündigung des Bundesgesundheitsministeriums teilten auch die Bundesländer mit, dass die Impfungen ausgesetzt werden.

Nach einer Reihe von Fällen schwerer Blutgerinnsel nach Impfungen hatten in den vergangenen Tagen bereits mehrere EU-Länder die Verabreichung des Astrazeneca-Vakzins vorsorglich gestoppt. Nach Dänemark, Bulgarien, Irland und den Niederlanden vollzogen am Montag auch Frankreich, Italien, Spanien und Slowenien diesen Schritt.

Das Beratergremium der WHO zur Impfstoffsicherheit kommt am Dienstag zusammen, um sich mit dem Astrazeneca-Impfstoff zu befassen. Das Expertenteam habe die verfügbaren Daten des Vakzins geprüft und stehe in "engem Kontakt" mit der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA), sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Die EMA kündigte für Donnerstag eine Sondersitzung zu dem Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers an.

Die EMA erklärte am Montag, sie halte vorerst an ihrer Bewertung des Vakzins fest. Die Vorteile der Impfung würden die Risiken überwiegen. Auch die WHO-Expertin Swaminathan warnte vor Panik. Zurzeit empfehle sie den Ländern, ihre Impfungen mit Astrazeneca fortzusetzen, erklärte sie in Genf. Bislang sei kein Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und den Blutgerinnseln festgestellt worden.

Spahn empfahl den mit Astrazeneca Geimpften, bei deutlichen Beschwerden unverzüglich einen Arzt aufzusuchen. Dies gelte insbesondere für Menschen, die sich mehr als vier Tage nach der Impfung zunehmend unwohl fühlten, die unter starken Kopfschmerzen beziehungsweise "punktförmigen Hautblutungen" litten.

Bei der Analyse des neuen Datenstands stellte das PEI nach eigenen Angaben eine auffällige Häufung einer speziellen Form von sehr seltenen Hirnvenenthrombosen in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen und Blutungen in zeitlicher Nähe zu Impfungen mit Astrazeneca fest.

Kritik am vorläufigen Impfstopp kam aus der SPD. "Ich halte das für einen Fehler", sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem ZDF. Das Vertrauen in Astrazeneca werde weiter zurückgehen, "dabei gibt es keine neuen Daten, die den Stopp rechtfertigen", sagte Lauterbach weiter.

Irritiert äußerte sich auch die SPD-Europapolitikerin Katarina Barley. "Die neueste Generation der Antibabypille hat als Nebenwirkung Thrombosen bei acht bis zwölf von 10.000 Frauen", schrieb sie im Kurzbotschaftendienst Twitter. "Hat das bisher irgendwen gestört?"

Der britisch-schwedische Hersteller des Vakzins wies die Bedenken zurück. Mitentwickler Andrew Pollard, Leiter der Oxford Vaccine Group, erklärte am Montag, es gebe "sehr beruhigende Beweise", dass das Vakzin in Großbritannien - bislang sein Haupteinsatzgebiet in Europa - nicht zu einer Zunahme von Blutgerinnseln geführt habe.

bfi/mkü